Wenn Singen weh tut

Qualtinger (c) shivaelectra/flickr.comÜber Gerhard Bronners und Helmut Qualtingers satirische Liedtexte, die Macht der Satire und die Gefahr der Umarmung.

Manchmal will man einfach nur ausbrechen. Ob aus einem nur mehr automatisiert ablaufenden beruflichen Alltag, der allzu vertraut gewordenen Lebensgemeinschaft oder dem Meeresurlaub mit Sardinencharakter – das Anderswo verspricht immer schöner und besser zu sein als das Hier und Jetzt. Sollten Sie zu jenen Personen gehören, die Gedanken Taten folgen lassen, sei Ihnen eines ans Herz gelegt: wenn schon Ausbruch, dann bitte stilvoll: Ein Ausbruch darf ruhig zelebriert und von langer Hand geplant werden, sollte im entscheidenden Moment aber dennoch spontan rüberkommen.

Wenn er nun endlich da ist, der entscheidende Moment, gilt es möglichst schnell zu handeln, um ja keinen Rückzieher zuzulassen. Am besten kaufen Sie sich eine Maschine, geben Gas, ein kurzer Blick zurück in die Augen Ihrer (ehemals) Liebsten und schon brausen Sie davon, dem Sonnenuntergang entgegen – Born to be wild!
Maschinen als Weg in die Freiheit – in den 60er und 70er Jahren hat sich ein ganzes Filmgenre dieser Thematik angenommen – das sog. Road Movie. Der Film „Easy Rider“ (USA 1969) gilt als einer der bekanntesten Vertreter dieses Genres. Helden auf ihren Harleys, die langen Mähnen flattern im Fahrtwind, gesetzlos und ziellos unterwegs in Richtung Nirgendwo. „Ich hab’ zwar ka Ahnung, wo i hinfahr, aber dafür bin i g’schwinder dort!“, so heißt es in dem Liedtext „Der Wilde mit seiner Maschin“, verfasst 1956 von Gerhard Bronner, vorgetragen von Helmut Qualtinger. Dem Text liegt der Film „The Wild One“ (USA 1953) mit Marlon Brando zugrunde, ein Kultflim der 50er Jahre mit viel Macho-Gehabe und Männern in schwarzen Lederjacken, die mit ihren Bikes liebend gerne Leute in gesitteten Lebensverhältnissen erschrecken. Gerhard Bronners besungene Figur nimmt sich den rebellischen Marlon Brando im Film als Vorbild. Ganz so wild zu sein wie Johnny – the wild one schafft Bronners Figur aber dann doch nicht. Er bleibt als „Halbstarker“ auf seiner Maschin’ sitzen.
Oft genügt es, sich mit Symbolen der vermeintlichen Freiheit zu umgeben, um den wahren Ausbruch zu verhindern. Die zerschlissene Lederjacke, die im Geschäft schon so ausgesehen hat, das Loch am Knie in der Jean, so kunstvoll hineingeschnitten, als wäre es gerade erst gestern passiert, völlig unabsichtlich natürlich, oder eben die Maschine, die einem die lang ersehnte Freiheit und endlich das verdiente gesellschaftliche Ansehen bringt.
Satire trägt immer auch ein kritisches Element in sich. Beim „Wilden mit seiner Maschin’“ wird die unreflektierte Übernahme von Vorbildern und Trends angeprangert. Das Lied besitzt insofern durchaus Aktualität, denn gerade heutzutage sind v.a. junge Menschen durch eine Vielzahl an unterschiedlichen medialen Einflüssen mehr denn je Vorgaben, wie er oder sie auszusehen und gar zu sein hat, ausgesetzt.
Satire kann auch sehr ungemütlich werden. Nur allzu leicht wird das kritische Moment der Satire durch Amüsement übertönt – vor allem Helmut Qualtinger hatte stets Angst davor, zu sehr vom Publikum umarmt zu werden. Qualtinger wollte alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse sein. „Er wollte die Menschen nicht amüsieren, sondern zum Lachen bringen, auf der Bühne wie im Alltag. Aber es sollte ein Lachen sein, das den Geist öffnete für neue Erkenntnisse und Sichtweisen. Das nivellierende, beschönigende und verharmlosende Weglachen von Konflikten und Problemen hat er stets verabscheut und gefürchtet“, heißt es in Gunna Wendts Biografie über Helmut Qualtinger(1). Qualtinger selbst beschrieb sich oft als ernsten, depressiven Menschen: „Ich bin ein depressiver Mensch, aber das geht eh niemanden etwas an. Ich überspiel’s eh … Ein normaler Mensch wird doch nicht Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur. Ein normaler Mensch sauft, frißt und was er halt so macht.“(2)
Der damalige Nationalratspräsident Felix Hurdes (amtierend von 1953–1959) hätte Bronner und Qualtinger sicher nur ungern umarmt. Ein Vorfall rund um seine Person war Auslöser und Ideenbringer für einen satirischen Liedtext, der für reichlich Furore sorgte. Vorerst zum Ereignis: Der Sohn des Nationalratspräsidenten fährt mit seinem Sportwagen jemanden tot. Der „peinliche“ Vorfall wird vom Papa tunlichst zu vertuschen versucht, die Zeitungen erhalten strengste Weisung, ja nicht darüber zu berichten. Mit Erfolg, zumindest fast, wäre da nicht Gerhard Bronner, der offene Augen und Ohren für ebensolche Vertuschungsversuche hat. Und so findet sich der Vorfall in einem seiner Lieder wieder, mit dem Titel: „Der Papa wird’s schon richten“ (1958). Das Lied hinterließ Eindruck, vor allem auch durch Qualtingers Vortragsweise. Bald schon war öffentlich bekannt, wer mit den folgenden Textzeilen angesprochen wurde:

„Es is’ nix passiert,
Mein Porsche is’ scho repariert.
Nur leider is’ mir ein Passant
Bevor er g’storb’n is’, einig’rannt.“

Es ist, wie so oft, eine Frage der Sichtweise. In diesem Fall hat sich das Blatt dann doch noch zum Guten gewendet – der Nationalratspräsident trat tatsächlich zurück. So viel zur Macht der Satire.
ger

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1 Wendt, Gunna (1999): Helmut Qualtinger. Ein Leben. Wien-München, Deuticke Verlag, S. 59.
2 Ebd.

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