Werte und ihre Umwertung

Katz und MausZum guten Ton im zwischenmenschlichen Umgang. Und über die beiden Tonarten.

Als im September 2001 in New York das World Trade Center zusammenstürzte, war relativ bald klar, wer den Anschlag verübt haben muss: Islamisten, in Bewegung gesetzt durch Bin Ladens Netzwerk Al Kaida. Insbesondere George W. Bush, Sohn von George H.W. Bush und zu dieser Zeit Präsident der USA, wollte aber gerne noch jemand anderen in der Verantwortung sehen. Schon am 14. September erwähnte er gegenüber Tony Blair, Premier Großbritanniens, eine mögliche Verbindung zwischen Al Kaida und Saddam Hussein, dem langjährigen Diktator des Irak, gegen den bereits sein Vater Krieg geführt hatte.

Blair riet ihm davon ab, diese Vermutung weiter zu verfolgen. Und so konzentrierte mau sich zunächst darauf, aufgrund der vermuteten Verantwortlichkeit Bin Ladens, einen Krieg mit dem Staat Afghanistan, in dem sich der Verdächtigte aufhielt, vom Zaun zu brechen. Nichtsdestotrotz verfolgten Bush und seine Regierung ­– hier besonders Vize Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld – weiter die Absicht, Hussein und den Irak in die Sache mit reinzuziehen. Als auch CIA-Chef George Tenet eine Verbindung zwischen den beiden Lieblingsgegnern der USA für unwahrscheinlich erklärte, begannen Cheney und Rumsfeld diesen zu umgehen, selbst Informationen zu sammeln, die eine solche Verbindung nahe legten, und die Medien damit zu füttern. Bush verstand es derweil, in Reden immer wieder den Irak und die 9/11-Anschläge, zwar unzusammenhängend aber knapp aufeinander folgend, zu thematisieren, sodass die einheimische Bevölkerung bald eine Mittäterschaft Husseins für möglich hielt. Während des Irakkriegs glaubten 2003 laut Umfragen sogar bis zu 70% der US-AmerikanerInnen an eine persönliche Mitverantwortung des irakischen Diktators. Ohne dass Bush diese direkte Verantwortung je behauptet hätte – er sprach stets nur von Kontakten und allgemeiner Unterstützung der Al Kaida –, hatte diese mediale Manipulation eine ausreichende Zustimmung für einen Krieg gegen den Irak gebracht. Neben dieser fingierten und ums Eck gedachten Anklage für 9/11 war der Hauptvorwurf gegen den Irak der Besitz geheimer Massenvernichtungswaffen und die angebliche Planung von Anschlägen gegen die USA und ihre Verbündeten.

Katz und MausMotivsuche

All diese Behauptungen erwiesen sich nach der Invasion als unhaltbar, ja es war sogar vollkommen unglaubwürdig, dass die US-Regierung zuvor tatsächlich selbst davon überzeugt war. Übrig blieb als Kriegsgrund nur die Rettung des irakischen Volkes vor ihrem wahnsinnigen Diktator und die Vernichtung eines ohnehin schon quasi zerstörten Feinds der USA. Ersteres ist kein glaubwürdiges Motiv, solange nicht jeder zweite Machthaber in Afrika ebenfalls attackiert wird, zweiteres höchstens Formsache im Sinne Catos (ceterum censeo …), aber definitiv den Aufwand nicht wert.
Warum aber fühlte sich die US-Regierung, wenn sie an die vorgebrachten Vorwürfe ohnhin nicht glaubte, zu dieser Invasion berufen?

Es bleiben ein paar weniger ehrenwert wirkende Motive übrig: Allseits bekannt – das Öl. Dazu braucht nicht viel gesagt werden. Der Irak ist reich daran, Amerikas Hunger danach groß. Mau darf erinnern: Während bei der Eroberung Bagdads das Archäo­logische Museum geplündert wurde, war das Ölministerium bereits militärisch gesichert. Ob allerdings der freie Zugang zum Öl als Kriegsgrund ausreichte, darf getrost bezweifelt werden. Hussein bot wiederholt an, „der beste Freund der USA in der Region“ zu werden, was vom Gegenüber schroff abgelehnt wurde. Was bleibt? Persönliches? Zwischen dem 11. September und dem Beginn des Irakkriegs wies Bush, wenn es darum ging, warum der irakische Diktator nun eigentlich so gefährlich sei, auch wiederholt darauf hin, dass Hussein versucht habe, seinen Vater zu ermorden. Er bezog sich hier auf ein Komplott, dessen Ziel angeblich ein Anschlag auf Bush sen. war, als er 1993 – bereits Ex-Präsident – den zuvor besiegten Irak besuchen wollte. Schon der Hergang des Komplotts ist zweifelhaft und eine Verbindung zu oder gar direkte Verantwortung von Hussein dafür in keiner Weise belegbar.
Wie auch immer, Bush jun., dem auch nachgesagt wird, dass er es immer für einen Fehler gehalten hat, dass sein Vater Saddam Hussein 1991 nicht gleich erledigt hat, scheint eine persönliche Aversion gegen den zuvor guten Freund der USA entwickelt zu haben.

Katz und MausDie Tonarten

Haben Bush und seine Vertrauten also die Kriegsgründe nur erfunden, um allenfalls zweifelhafte Ziele zu erreichen, eher aber einfache persönliche Bedürfnisse zu befriedigen? Haben sie also, wenn auch demokratisch legitimiert einem modernen, westlichen Staat vorstehend, dessen Basis die Werte der Aufklärung und die Moral des Christentums zugrundeliegen, vollkommen unmoralisch gehandelt? „Natürlich haben sie das“, werden manche, ob der Naivität der Frage müde lächelnd, antworten.

Nein, haben sie nicht. Sie folgen nur einer anderen Moral. „Es gibt Herren-Moral und Sklaven-Moral; – ich füge sofort hinzu, daß in allen höheren und gemischteren Kulturen auch Versuche der Vermittlung beider Moralen zum Vorschein kommen, noch öfter das Durcheinander derselben und gegenseitige Mißverstehen, ja bisweilen ihr hartes Nebeneinander – sogar im selben Menschen, innerhalb einer Seele.“ So schreibt Friedrich Nietzsche im Neunten Hauptstück von Jenseits von Gut und Böse.
Herren-Moral, die Moral der Vornehmen, das ist diejenige, die dem Tier, der Bestie näher ist, die Moral eines Wesens, das aus sich heraus das tut, was für es selbst und seinesgleichen gut ist, und dieses als gut definiert. Schlecht – mehr im Sinne von schlicht oder gemein – ist hier alles, was niedriger als dieses Wesen ist. Für Nietzsche ist diese Moral die ursprünglichere, die Moral aller alten, vor allem vorchristlichen Kulturen. Die harte, klare, einfache Moral – der gute Ton in Dur sozusagen.
Die Sklaven-Moral hingegen ist diejenige derer, die in der ersteren die Gemeinen sind, die unterdrückt werden, und die sich erst in Opposition zur Herren-Moral entwickeln kann. In ihr sind nun die Unterdrückten die Guten. Ihre Qualitäten und somit die ihrer Moral, sind diejenigen, die ihr Leben erleichtern: „das Mitleiden, die gefällige, hilfsbereite Hand, […] der Fleiß, die Demut, die Freundlichkeit zu Ehren“. Und im Gegensatz dazu sind die Unterdrücker, die Herren, die Vornehmen, welche dieser Eigenschaften ermangeln, bzw. welche sie den Niedrigen gegenüber nicht gelten lassen, böse. Die weiche, schwache, rücksichtsvolle Moral der Unterdrückten – der gute Ton in Moll.

Katz und MausTonartwechsel

Wie Nietzsche sogleich festgestellt hat, tauchen diese Moralen eben nicht nur einzeln, sondern auch ganz vermischt auf: G.W. Bushs Begründung für die Notwendigkeit des Krieges ist ein hervorragendes Beispiel dafür: Er ist böse, er bedroht uns alle, er hat uns vielleicht bereits in der Vergangenheit angegriffen (Ansprechen der Ängste der Sklaven, der Untertanen), und er wollte meinen Vater töten (der persönliche Rachedurst, die Willkür des Mächtigen, der sich nicht an Gesetze halten braucht, um seinen Willen durchzusetzen – die Herren-Moral).
Allerdings ist dies Auftauchen der Dur-Tonart hier nur ein kurzes Anklingenlassen, fast schon ein Verspielen. Meist verhält es sich anders: Gesprochen wird in Moll, gehandelt in Dur. Statt, wie es (in Moll) rechtens – gut – gewesen wäre, Saddam Hussein nach seiner Ergreifung an den internationalen Gerichtshof auszuliefern, übergab man ihn den irakischen Handlangern, bereitete ihm eine chaotische Verurteilung, die nur eines als Ende haben konnte: die gerechte Strafe gemäß der Herren-Moral – seine Tötung – das, was ein Tier, eine Bestie macht. Sie verurteilt nicht zu lebenslänglich.
Selbiges gilt für die Tötung Osama Bin Ladens: Natürlich hätte man ihm offiziell – die USA sind ja ein Rechtsstaat! – liebend gerne den Prozess gemacht, leider war aber die Tötung unvermeidlich, da die Herren ihn ihrer Gerechtigkeit (bring him to justice) zuführen wollten.

Schafspelztyrannen

Soll das nun heißen, Menschen wie G.W. Bush sind nach Nietzsche Vornehme, Herrenmenschen, edle Menschen im Sinne der Dur-Tonart? In grauer Vorzeit währen wohl solche an ihrer Stelle, heutzutag stellt sich die Situation aber komplexer dar: In der damals gerade beginnenden Demokratisierung Europas und der Entstehung des Sozialismus sah Nietzsche in erster Linie eine Züchtung, die ein nützliches, arbeitsames, vielfach brauchbares und anstelliges Herdentier Mensch hervorbringt (Jenseits von Gut und Böse, 8. Hauptstück). Da diese Menschen aber des Herren, des Befehlenden bedürfen, wie des täglichen Brotes begünstigt die Demokratisierung auch die Entwicklung von Ausnahmemenschen der gefährlichsten und anziehendsten Qualität.
„[D]ie Demokratisierung Europas ist zugleich eine unfreiwillige Veranstaltung zur Züchtung von Tyrannen, – das Wort in jedem Sinne verstanden, auch im geistigen.“
Es entstehen also Charaktere, die eine Art geistige Chimäre – ein Mischwesen – darstellen, entstanden aus der Vermengung von Sklaven- und Herrenmoral. Als Ideengeber diente Nietzsche hier möglicherweise Napoleon, angesichts Figuren wie Stalin oder Hitler kann mau ihm hier aber getrost eine gewisse prophetische Qualität zugestehen. Zweifellos haben die Erfahrungen mit diesen Vorzeige-Tyrannen die Menschheit dazu gebracht, ähnliche Gestalten nach Möglichkeit zu verhindern. Verkleidet, in einen Moll-Moral-Schafspelz gehüllt, den Mund voller Kreide, bleiben sie uns aber wohl dennoch erhalten.

Weiterführende Lektüre:
F. Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse.
F. Nietzsche: Zur Genealogie der Moral.

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.