Wettbewerbe und Steuersünder

Nachdem das Wiener Burgtheater der Bagger-Theaterredaktion auf Lebenszeit (ob der des Intendanten oder meiner wurde bis Redaktionsschluss noch nicht ausverhandelt) das Abo, die Berechtigung für Pressekarten sowie den in dritter Generation vererbten Stehplatz im 2. Rang (links) entzogen hat, scheint der passende Moment für eine Minute der Selbstbesinnung und Überprüfung meiner kritischen Werkzeuge gekommen.

Bereits ein Seitenblick zu Kunstkritiker Peter Gorsen bestätigt widerständiges Schreiben jedoch sogleich wieder: Kritik war als auflärerisches Instrument für Öffentlichkeit und Kunst immer konstitutiv. Heute ist sie zur Akklamation des Beliebten und Durchgeboxten korrumpiert. Und wenn Karl Kraus meint, ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen, so fehlt nicht viel und man bemerkt: Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst ­Zwerge lange Schatten. Was nahtlos den Entschluss erzeugt, den kleineren Häusern, fern des Rings, fern der Matineen und Pelzmäntel, einen Besuch abzustatten. So geschehen im TAG (Theater an der Gumpendorferstraße) bei dem ersten Teilstück eines neuen Versuchs eines Nachwuchstheaterwettbewerbes, einem Rossmarkt also, bei dem den ungestümen (und manchmal auch stummen) Theaterjungtieren von (hoffentlich) zukünftigen Geldgebern und dem (hoffentlich) zukünftigen Publikum ins Maul geschaut wird. Dazu wird vom veranstaltenden Theater ein Thema bzw. Schlagwort gewählt: möglichst zeitgeistig, womöglich sogar am wortspielerischen Abgrund entlangdümpelnd (Morgen ist auch noch ein TAG, WerkstartTAGe …).
Ein Glück nur, dass Theater so wenig fernsehkompatibel ist und die wenigen Ausnahmen nicht im Radarfrequenzbereich von Einschaltquotenspürhunden aufscheinen, sonst würde man wohl schon länger nicht mehr nur von Showbühnen oder Laufstegen die heißen Tränen lauernden Bald-schon-wieder-vergessen-Seins im Scheinwerferlicht ver­­dunsten sehen, sondern auch zerfließende Actricen, hysterische Regisseusen und nahtzerfetzende Kostümbildnerinnen, denn theatralisch zählt nur mehr das »Drama, Baby!«. Über die Ergebnisse so eines aufgebauschten und trotzdem unterfinan­zierten Prozesses soll an dieser Stelle nichts mehr zu lesen sein, da Mittelbühnen zu schützen sind als seidener Faden zwischen der Theaterrealität und der bildungsbürgerlichen Seifenblase eines sogenannten Publikums, weswegen mit Wittgensteins Segen – ausnahmsweise – darüber geschwiegen wird, worüber nicht positiv zu schreiben ist. Denn ein Bashing engagierter Mittelbühnen wäre –, und das widerstrebt dem Gerechtigkeitssinn des härtesten Verrisses – als würde man dem kleinen Mann respektive der kleinen Frau, den Hubers, Meiers, Erdogans und Pospischils dieser Welt die Steuerfahndung schicken, während man den Grassers, Mensdorffs, Pouillys und Hypos dieses Landes ein kleines Trinkgeld zusteckt.

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