Wie rasiert sich Dracula?

Es soll ja Leute geben, die gar nicht glauben, daß es Vampire wirklich gibt. Die brauchen diesen Artikel natürlich nicht zu lesen. Oder doch grade die?

Auf meiner Einkaufsliste von nichtexistenten Gegenständen (haben Sie keine?) steht ganz hoch oben: „Draculas Spiegelbild.“
Genau das Spiegelbild, das Jonathan Harker am Ende des zweiten Kapitels von Bram Stokers „Dracula“ (1897) im Rasierspiegel nicht sieht, obwohl der Graf genau hinter ihm steht. Vor Schreck schneidet er sich, blutet, der Graf verbeißt sich den aufwallenden Blutrausch und wirft den Spiegel, der an allem schuld ist, vollendet höflich zum Fenster hinaus. Auch sonst gibt es keine Spiegel im Schloß – aus Gründen der Mimikry.

Vampire spiegeln sich schlechthin nicht. Ein erstaunlicher Tatbestand, denn Vampire reflektieren offensichtlich Licht wie jede normale Person; es gibt kein Anzeichen dafür, daß dieses Licht dann z. B. durch optische Linsen nicht auf übliche Weise hindurchginge – sonst wäre ein Vampir ja auch mit dem menschlichen Auge schwerlich sichtbar. Wenn ich einen Vampir also mit der Spiegelreflexkamera ablichten will, so bildet sie ihn zwar ab, aber ich weiß nicht wo – weil ich ihn im Sucher nicht sehen kann.

Monopol auf ein Nichts

Vampire teilen diesen Mangel – es muß einer sein, da sie ihn zu verbergen suchen – mit keiner zweiten Art von Wesen. Werwölfe, die ihnen ansonsten ähneln, unterscheiden sich durch nichts vom Normalmenschen, wenn sie gerade nicht im Fell sind; ebenso Zombies, obwohl sie in vampirähnlicher Weise das eigene Totsein transzendieren. Geister verstorbener Menschen mögen manchmal unsichtbar sein, aber dann außer- genauso wie innerhalb des Spiegels. Sie zeigen sogar eine gewisse Vorliebe dafür, im Spiegelinneren aufzutauchen: In vielen Teilen Europas pflegt man alle Spiegel zu verhängen, wenn jemand im Haus gestorben ist – der Tote könnte sonst den Lebenden aus dem Spiegel entgegenstarren oder sein Bild gar für immer dort haften bleiben, statt den Weg in ein Jenseits zu finden. In dem berühmten Disney-Cartoon „Lone­some Ghosts“ (1937) geht ein Geist unverfroren im Spiegel aus und ein: Er veräppelt den glücklosen Geisterjäger Goofy, indem er als dessen Spiegelbild fungiert – ähnlich wie es Zirkusclowns manchmal machen, oder Theo Lingen für Wolf Albach-Retty in „Sieben Jahre Pech“, nämlich im leeren Rahmen eines zerschlagenen Spiegels.

DraculaPerspektiven

Kein Spiegelbild haben und doch kein Vampir sein: Das gelang bisher nur Erasmus Spikher, dem Protagonisten von E. T. A. Hoffmanns „Geschichte vom verlornen Spiegelbilde“. (In Offenbachs Oper gelingt es Hoffmann selbst, was auf manchen Bühnen schon zu Neuauflagen des erwähnten Zirkustricks geführt hat – leere Rahmen mit Hoffmann-Doubles dahinter.) Spikher hat sein Abbild einem diabolischen Doktor verkauft – daher wird in Schulaufsätzen und dummen Büchern gerne angenommen, der Spiegelbildverlust stehe (wie auch Peter Schlemihls verkaufter Schatten) für eine dem Teufel verfallene Seele. Dann sollte aber doch jeder, der des Teufels ist, ohne Spiegelbild herumlaufen – und wer hat so etwas je, sagen wir, von Doktor Faust gehört? Außerdem: Wenn man Vampire auf die übliche Weise erlegt – mit einem geweihten Pfahl durchs Herz, tagsüber im Sarg –, sind sie tot, und es geht mit ihnen weiter wie mit anderen christlichen Seelen, nicht unbedingt Richtung ewige Verdammnis. Karl May trifft im 6. Kapitel von „In den Schluchten des Balkan“ auf bulgarische Dorfbewohner, die eine Vampirin durch Fasten und Gebet vor der Hölle zu bewahren trachten. Francis Ford Coppola deutete am Ende von „Bram Stoker’s Dracula“ (1992) sogar eine Erlösung Vlad Draculs an – obwohl vorher, als Grund für sein Vampirtum, des Grafen trotzige Auflehnung gegen Christus zelebriert wurde. So einfach ist es also nicht.

Reflektiert

Noch plumpere Metaphern greifen (natürlich) noch schlechter: Etwa kann man Vampiren schwerlich vorwerfen, es mangle ihnen an „Selbstreflexion“. Sie wären mit Recht beleidigt, vom „Kleinen Vampir“ über Carmilla bis zu den Gestalten einer Anne Rice. Viele zergrübeln sich geradezu. Freudianisch sollte man ihnen auch nicht kommen: Sie wären ­z.B. von ihrem Spiegelbild dissoziiert, weil sie die Lacansche Spiegelphase nicht durchgemacht hätten oder dergleichen – denn das haben sie klarerweise, in ihrer ganz normalen menschlichen Kindheit. Wo ist also ihr Im-Spiegel-Sein hingekommen?
Auch ein sehr hoher Grad an Reflexionsvermögen (haha, Wortspiel!) hindert anscheinend niemanden daran, Spiegel gründlich zu verkennen. So vermerkt Umberto Eco in seinem Aufsatz „Sugli specchi“ (1985) als selbstverständliche Tatsache, Spiegel hätten keinen Innenraum – und das menschliche Gehirn hätte nicht mehr als ein paar tausend Jahre Zeit gehabt, sich an Spiegelbilder und ihre Eigenschaften zu gewöhnen. Beides stimmt nur sehr bedingt. Glas, mit einer dünnen Metallschicht hinterlegt, gibt es zwar noch nicht sehr lang; blankpoliertes Metall schon etwas länger, und die ältesten steinernen Spiegel – aus glattgeschliffenem Obsidian, in Mittelamerika und Vorderasien – mögen höchstens gut 10000 Jahre alt sein. Aber zu schweigen vom Australopithekus – schon die erste Echse, die aus dem Urmeer an Land kroch, sah ihr Spiegelbild. Im Urmeer. Wir erinnern uns halb daran, wenn wir sagen: Wasserspiegel.

Im Spiegelreich

Jenseits der Wasserspiegelfläche gibt es sehr wohl einen Raum, in dem es der Mensch sogar aushalten kann, wenn auch nur für begrenzte Zeit. Normalerweise sind wir heraußen, und nur unsere Spiegelbilder sind drin. Wer taucht, ist gespenstischerweise jenseits des Spiegels, ohne daß ihm diesseits ein Bild entspräche. Wer ertrinkt, bleibt dort, wo eigentlich nur Spiegelbilder hingehören – er koinzidiert mit seinem Spiegelbild, für immer (von Verwesungsprozeß und Tierfraß einmal abgesehen). Wer ertrinkt und zurückkommt, ist ein Wiedergänger – oder zumindest eine von inneren Gasen emporgetragene Wasserleiche, die begreifliches Grauen verursacht. Davon wußten Menschen schon immer; und als der einzige natürliche Spiegel von bequemer zu benutzenden Artefakten teilweise ersetzt wurde, blieb im Unterbewußtsein der Raum jenseits des Spiegels den Verstorbenen vorbehalten. Das heißt, so weit man ihn sehen kann. Denn wer in ein Gewässer blickt, sieht bei weitem nicht alles, was sich darin abspielt – gerade auch, weil es spiegelt. Dort, wo man nicht hinsieht, hausen die Monster der Tiefe, von Muräne und Kugelfisch bis zu unerträglich bunten Korallen – reflektiert in all den Sagen von Nixen und dem Unterseepalast des chinesischen Drachenkönigs, aber auch in Lewis Carrolls Kreaturen, die in dem Teil des Spiegels wohnen, den man vom Wohnzimmer aus nicht überblicken kann. Muß man noch darauf hinweisen, daß der ­Alice-Mythos ausgerechnet während einer Bootspartie entstand?

Narziß

Ovid, der vermutlich keine Vampire kannte, hatte die geniale Idee, die Gestalten Echo und Narziß miteinander in Verbindung zu bringen und einander verfolgen zu lassen: die Nymphe, von der zuletzt nur die Schall-Reflexion übrigbleibt, und den Knaben, der anläßlich seines Ertrinkens mit seinem eigenen Spiegelbild identisch wird: „Tod schloß die Augen, die ihres Besitzers Gestalt bestaunten; auch dann noch, als er im unteren Reich aufgenommen war, pflegte er sich im Wasser der Styx zu betrachten … Sein Körper war nirgends“ (Metamorphosen III, 502f.; 509).
Statt noch „unten“ im Jenseits am eigenen Spiegelbild zu hängen, ist der Vampir seines schon hier oben losgeworden; sein Körper ist offensichtlich präsent und notwendige Bedingung für seine Existenz, stattdessen ist sein Spiegelbild nirgends. Narziß wurde von seinem Bild in den Spiegel hineingezogen – Vampir wird man offenbar, indem man seines heraussaugt. Das virtuelle Gegenstück stürzt sich von der „falschen“ Seite in den Spiegel und verschmilzt mit dem Körper, der auf der „richtigen“, unserer Erfahrung nach einzig existenten Seite ist. Resultat: Der Vampir kann als einziges Wesen wahrheitsgemäß von sich behaupten, er lebe zu hundert Prozent im Diesseits.

Spiegelkabinett

Jede Art von Ideologie schlägt dem Menschen den einen oder anderen Spiegel vor, in dem er sich und seine Handlungsweisen betrachten soll. Man steht dann die meiste Zeit vor diesem Spiegel, hält sich für hübsch oder häßlich, ärgert sich über Leberflecken und unnötige Haare und probiert verschiedene Bewegungen aus, um zu sehen, wie sie wirken; wie der ägyptische Asket, der, eh er eine Gurke von jemandes Feld stahl, erst einmal stundenlang mit ausgebreiteten Armen in der Sonne stand, um zu prüfen, ob er die auf Diebstahl stehenden Höllenstrafen würde aushalten können. Es muß aber nicht die Hölle sein. Die Aussicht auf eine Wiedergeburt als Hund wirkt genauso gut, aber auch der Blick auf den kategorischen Imperativ oder das Wohl des Volkes. Wer sich in keinem Spiegel dieser Art sieht, ist den anderen, die ständig hineingucken, unheimlich; er fällt aus der bürgerlichen Gesellschaft heraus. Auch Erasmus Spikher hat ja seinen surrealen Handel geschlossen, als er der gutbürgerlichen Ehemoral überdrüssig war, und muß sich dann von seiner Frau anhören, „…daß du ohne Spiegelbild ein Spott der Leute bist und kein ordentlicher, vollständiger Familienvater sein kannst, der Respekt einflößt der Frau und den Kindern.“ Es ist kein Zufall, daß die Geschichten von grauenhaften Vampiren gerade im späten 19. Jahrhundert den Sprung aus der Volksmythologie in die Literatur schafften, als Materialismus und Individualismus ihrer Blütezeit zustrebten. Nicht zufällig ähneln manche Vampirgestalten so schockierenden Freigeistern wie Lord Byron; und nicht zufällig tauchen erst in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten Vampire in Literatur und Film auf, die uns nicht nur halb wider Willen Verständnis abringen, sondern geradezu nett und liebenswert sind.

In Bed with the Vampire

Vermutlich verlieren wir alle schön langsam unsere Spiegelbilder. Man darf nicht vergessen, daß das Vampirtum in ähnlicher Weise weitergegeben wird wie nach vielen christlichen Theologen die Erbsünde, wenn auch ohne eigentlichen Zeugungsakt: Vampire sind sexy. Sie beißen ihr Opfer nicht mit Gewalt, sondern strahlen eine erotische Atmosphäre aus, unter deren Einwirkung man sich äußerst gerne beißen läßt. Als Jonathan Harker in Draculas Schloß drei durstigen Vampirdamen begegnet, klagt er zwar über allzu animalische Reize („deliberate voluptuosness which was both thrilling and repulsive“), kommt aber doch nicht auf die Idee, sich gegen einen knapp bevorstehenden Biß zu wehren: „I closed my eyes in a languorous ecstasy and waited – waited with beating heart.“ Die viktorianischen Bürger müssen die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben: so etwas mit drei Frauen auf einmal, wie in den Haremsphantasien mancher fiktiven Orientreisenden – und dann waren die Damen offenbar vor ihrer Vampirzeit in engsten Beziehungen zum Grafen gestanden. Alle drei! Wenn das so weitergeht, gibt es früher oder später überhaupt nur noch Vampire auf der Welt. An sich nicht so schlimm, aber – wen beißen wir dann? Unblutige Zeiten könnten bevorstehen.

(Ach ja: Wie rasiert sich Dracula eigentlich wirklich? Vermutlich nach Tastsinn – genauso wie ich, selbst wenn ich dabei manchmal in den Spiegel schiele.)

Literaturtips:
E. T. A. Hoffmanns „Geschichte vom verlornen Spiegelbilde“ findet sich in der Sammlung „Die Abenteuer der Silvester-Nacht“. Vampirbücher und -filme findet man überall. Und den Cartoon „Lonesome Ghosts“ kann man sich zum Beispiel auf http://www.youtube.com/watch?v=47jWsdlvWwU anschauen.

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