Willst du deinen Namen tanzen?

EurythmieDie Eurythmie ist in vielen Bereichen zu Hause: Sie ist eine künstlerische Bühnendarstellung, wird an Waldorf­schulen gelehrt oder als Heilmittel eingesetzt. Ein ehemaliger Wal­dorf­schüler tänzelt in seiner Erinnerung und porträtiert die knapp hundert­jährige und dennoch zeit­genössische Raum­bewegungs­kunst nach Rudolf Steiner.

Sage ich in einem Gespräch, ich bin an eine Waldorfschule gegangen, tritt unverzüglich eine unvermeidliche Frage auf: „Kannst du auch deinen Namen tanzen?“ „Aber natürlich!“, gebe ich freudig zur Antwort, worauf sofort die Aufforderung folgt: „Dann mach‘, bitte, bitte!“

Meistens gehe ich dem Wunsch auch gerne nach. Zugegeben, Eurythmie zählte zu Schulzeiten nicht unbedingt zu meinen Lieblingsfächern, und doch: meinen Namen tanzen, das bekomme ich auch knapp ein Jahrzehnt nach Ende der Waldorfschulzeit noch locker hin.
Seit wenigen Jahren geistert der immer öfter inflationär verwendete Spruch „Ich kann meinen Namen tanzen“ durch sämtliche Internetforen, tausende soziale Netzwerker haben sich in virtuellen Gruppen zusammengeschlossen und tauschen sich über Grundschritte, Bewegungsformen und andere tänzerische Ausdrucksmöglichkeiten aus.
Was sich aber hinter „Namen tanzen“ verbirgt, heißt Eurythmie und ist eine Tanzkunst, die weit mehr zu bieten hat, als einzelne Buchstaben mit Gebärden auszudrücken und sich im Kreis zu drehen. Eurythmie ist eine zeitgenössische Raumbewegungskunst, ist Dichtung und Musik, Tanz und Schauspiel in einem. In der Eurythmie werden Sprache und Musik durch Bewegungen sichtbar gemacht, das heißt, Eurythmisten erzeugen tänzerisch und gestikulierend darstellerische Formen.

Zeitgenössische Tanzkunst und mehr

Eurythmistische Darstellungen bieten ein breites Spektrum an Anwendungsmöglichkeiten und gliedern sich in verschiedene Bereiche. Man unterscheidet die künstlerische, die pädagogische und die therapeutische Eurythmie, letztere wird Heil­eu­rythmie genannt und als Therapieform und Heilmittel von einigen Krankenkassen in Deutschland anerkannt. Als ehemaligem Waldorfschüler ist mir naturgemäß die Eurythmie aus schulischer Sicht am bekanntesten. Wie eingangs erwähnt, fand das an Waldorfschulen fest integrierte Unterrichtsfach bei den meisten Schülern und Schülerinnen wenig Anklang. Warum das so war, kann ich schwer und nur versuchen zu beantworten; und vielleicht ist es auch hinfällig, da mir Fächer wie Chemie oder Physik ebenso wenig zusagten. Natürlich, Eurythmie zu machen ist anstrengend. Eine ganz andere Anstrengung als es aus dem Sportunterricht bekannt ist. Es müssen weder Ballspiele noch Laufduelle gewonnen werden, es geht überhaupt um etwas anderes als zu gewinnen. Das Gehen von bestimmten Formen – zum Beispiel eine Acht, die im fortgeschrittenen Stadium gespiegelt und verdoppelt gegangen wird – und die Koordination von darstellerischen Gesten mit dem entsprechenden Rhythmus zur begleitenden Klaviermusik verlangt große Aufmerksamkeit und Konzentration. Die Eurythmisten sind bei der Ausübung ihrer Tätigkeit stumm, verlangt die Darstellung einen gesprochenen Text, spricht eine Person vom Rand des Geschehens den Bewegungskünstlern zu. Die pädagogisch-didaktische Eurythmie gibt es seit 1919, ihre Entwicklung geschieht mit der Gründung der Waldorfschulen. Sie ist dafür gedacht, den Sportunterricht zu ergänzen und sowohl die Konzentrationsfähigkeit als auch das soziale Miteinander zu fördern. Hier werden die Grundsteine gelegt für diejenigen Menschen, die später den gewissen Vorteil im Leben besitzen, unter anderem auch ihren Namen tanzen zu können.

Sprache und Musik

In der Eurythmie wird weniger jeder einzelne Buchstabe herausgestellt, es sind vielmehr Vokale und Silben, die durch entsprechende Bewegungen das Wesen, den Charakter eines Werks aus Musik- und Literaturgeschichte auszeichnen, Sprache und Musik erfahren Interpretationen. Aus dem künstlerischen Bewegungsfluss kommt der Charakter des jeweiligen Werkes zum Tragen. (Es gibt natürlich auch ein so genanntes Eurythmie-Alphabet, das jedem Buchstaben eine dazugehörige Gebärde verleiht. So gesehen kann also jeder Mensch seinen Namen tanzen, ohne noch richtig Eurythmie erlernt zu haben.) Neben den Gesten spielen alle möglichen Farben und Raumformen, also choreographische Inszenierungen, wichtige Rollen als Gestaltungsmittel. Eurythmie kann alleine gemacht werden oder in Gruppen, hierbei kommt es darauf an, ob Eurythmie als künstlerischer Ausdruck auf der Bühne oder im Rahmen der Heileurythmie stattfindet. In allen Fällen steht die Wechselwirkung zwischen dem sich bewegenden menschlichen Körper und dem umgebenden Raum im Mittelpunkt.
Die Eurythmie bezieht eine eigene Stellung innerhalb der Bewegungskünste und geht einen individuellen Weg abseits der Formen des Ausdruckstanzes, der Pantomime und des klassischen Balletts. Sie unterscheidet sich von anderen rhythmischen Darstellungsformen nicht zuletzt aus dem Grund, da sie die künstlerische Möglichkeit besitzt, Sprache und Laute auszudrücken. Dies geschieht zwar auch bei anderen Inszenierungen, die auf Bewegung und Sprache aufbauen, die Eurythmie hat ihre Ausdrucksmittel jedoch auf ein unvergleichbares Maß formalisiert. Sie bedient sich hierbei einer Vielzahl an interpretatorischen Grundregeln und Stilmethoden.
Der Begriff Eurythmie stammt aus dem Griechischen und ist eine Zusammensetzung aus „eu“ (dt. gut, schön, wahr) und „rhytmos“ (dt. gegliederte Stetigkeit) und bedeutet etwa „Gleichmaß in der Bewegung“ oder „schöner Rhythmus“. Knapp hundert Jahre jung ist die Eurythmie. Ihre Entstehung verdankt sie dem österreichischen Philosophen und Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, der sie ab dem Jahre 1912 entwickelte. Das Aufkommen der neuen Bewegungskunst kann in einem tanzgeschichtlichen Zusammenhang gesehen werden und geht einher mit der Revolutionierung des Tanztheaters und mit einem neuen Körperbewusstsein zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Lory Maier-Smits war 1912 die erste Eurythmistin.

Farbenfroh

Bei der künstlerischen Eurythmie, die auf großen Bühnen zu farbenprächtigen Aufführungen gebracht wird, stehen Ausdruck und Ästhetik im Mittelpunkt. Eurythmisten und Eurythmistinnen tragen lange Seidengewänder in verschiedenen Farben, die sie anmutig erscheinen lassen und sowohl für die weichen, langsamen als auch für die impulsiven Bewegungen unterstützend wirken. Ob choreographische Gruppeninszenierungen oder solistische Darstellung, das Bühnenbild erstrahlt immer in vollen Farben. Alles ist im Einklang, der Mensch und seine Bewegungen im rhythmischen Geflecht, stets darauf bedacht, die Form des Kunstwerkes als Ganzes zu wahren.
Die Eurythmie als Heilkunst, hervorgegangen aus der seit 1921 durch Rudolf Steiner entwickelten Anthroposophischen Medizin, findet immer mehr Anklang. Neben dem Ziel, Körper, Geist und Seele in ein Einverständnis zu bringen, kommen spezielle therapeutische Formen für bestimmte Bereiche zur Anwendung, beispielsweise in der Augen- oder Zahnheileurythmie. Nicht zuletzt bieten Firmen für ihre Mitarbeiter Heileurythmie an und versuchen so, ein positives Arbeitsklima zu wahren.
Das Ereignis einer Eurythmieaufführung kann man zum Beispiel am Goetheanum in Dornach in der Schweiz erleben, wo große und aufwendige Inszenierungen stattfinden. In diesem Zentrum der anthroposophischen Bewegung ist es ebenso wie in vielen anderen Ländern möglich, Eurythmie zu studieren. In Wien kann die Ausbildung zum Eurythmisten an der Bildungsstätte für Eurythmie erworben werden. Hier besteht für alle „Namen-Tänzer“ die Möglichkeit, ihre Kenntnisse zu ergänzen und zu verfeinern. Als Kostprobe und zur besseren Anschaulichkeit finden sich auf You Tube Videos, zum Beispiel mit der Eingabe „Alanus Hochschule Eurythmie“.

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