Windstille

Liebes Lese-Volk, wir wollen diesmal einen Roman lesen, der – wie vermutet werden darf, aus Faulheit d. Verf.– nicht in einzelnen Kapiteln abgefasst wurde. Daher präsentieren wir den aktuellen Fortsetzungsroman in so genannten Romanfetzen. Herrn Stiglitz kennen Sie ja schon:

Nachdem er jahrelang dem Treiben der anderen zugesehen habe, erzählte Stiglitz bei unserem letzten Treffen, sei ihm plötzlich klar geworden, wie alt er geworden war; seit seiner Jugend habe er seinen Freunden, Brüdern und Bekannten dabei zugesehen, wie sie mit mehr oder weniger Überzeugung einen Weg einschlugen, wie sie sich plagten, wie sie lernten und arbeiteten und die größten Anstrengungen unternahmen, stets ein bestimmtes Ziel vor Augen.

Er selbst, so Stiglitz, habe immer nur zugesehen und gewartet, worauf, sei ihm erst viel später bewusst geworden; all die Jahre, in denen er diesen Menschen bei ihrer Plagerei zugesehen habe, habe er insgeheim auf deren Scheitern gewartet, ja geradezu darauf gelauert. Jahrelang, sagte Stiglitz, habe er diesen Anstrengungen zugesehen und sei stets fest davon ausgegangen, dass alle scheitern würden, so, wie er, wie er damals geglaubt habe, ja auch scheitern musste. Es sei ihm gar nicht in den Sinn gekommen, dass jemand nicht zum Scheitern verurteilt sein könnte, da er, im Glauben, selbst nicht anders zu können als zu scheitern, und aufgrund seiner jugendlichen Naivität, stets von sich selbst auf andere geschlossen habe und sich gar nicht vorstellen habe können, jemand könne zu etwas anderem als zum Scheitern verurteilt sein. Ihm selbst sei es nie eingefallen, dass dieses Zum-Scheitern-Verurteiltsein möglicherweise nur auf ihn selbst, und nicht zwingend auf andere zutreffe, da er ja immer von sich selbst auf andere geschlossen habe, und er selbst ja, wenn auch unbewusst, immer der Überzeugung gewesen sei, dass alles, was unternommen werde, im Scheitern enden musste. Und so habe er jahrelang darauf gewartet, dass die Anstrengungen des Freundes, des Bruders, des Bekannten, früher oder später in Misserfolg enden, während hingegen er selbst in Untätigkeit verharrt sei und sich immer nur abgelenkt und mit dem Geringsten zufrieden gegeben habe, einmal diesem Interesse nachgegangen war, dann wiederum jenem, sich aber nie mit einem wirklich auseinandergesetzt habe, um, wie er sagte, das ihm ja laut seiner Überzeugung unweigerlich bevorstehende Scheitern hinauszuzögern, als ob er sich sozusagen von dem ihm vorherbestimmten Schicksal ablenken wollte. Als er dann nach Jahren erkannt habe, dass keineswegs alle Anstrengungen der Freunde, Brüder, Bekannten von Misserfolg gekrönt wurden, sondern von den mitunter erfreulichsten Erfolgen, sei ihm erstmals der Gedanke gekommen, dass mitnichten alle Unternehmungen, wovon er stets ausgegangen war, scheitern mussten. Stets habe er diesen Leuten misstraut, ihnen keinen Erfolg zugetraut, und jetzt, wo sie erfolgreich seien, misstraue er ihnen noch mehr, wobei er in Wirklichkeit vor allem Neid empfinde, vielmehr, wie er zugeben müsse, grenzenlosen Neid, ja, er werde bisweilen von regelrechten Wellen an Neid überrollt, seines, Stiglitz‘, Misserfolgs und deren, seiner Freunde, Brüder und Bekannten, Erfolgs wegen. Natürlich, so Stiglitz, habe er, dies sei ihm klargeworden, seinen eigenen Miss-, besser Nicht-Erfolg, durch seine stete Untätigkeit ja durchaus selbst verschuldet.

Stiglitz schwieg eine Zeitlang und rührte nachdenklich in seiner Teetasse. Ich überlegte, ob ich etwas einwenden sollte. Mir fiel ein, dass Stiglitz niemals Zucker zum Tee nahm; und so schaute ich Stiglitz dabei zu, wie er minutenlang seinen ungesüßten Tee umrührte und dabei auf den auf der Kommode platzierten, wahrscheinlich schon vor Jahrzehnten stehen gebliebenen altertümlichen Wecker starrte, den Stiglitz nach eigenen Angaben Anfang 1998, nachdem er ihn über Monate fast täglich mehrere Minuten im Schaufenster eines Trödelladens betrachtet hatte und der ihn stets, wie Stiglitz behauptete, an das Haus seiner Großmutter in Steyregg erinnerte, schließlich in besagtem Trödelladen erstanden hatte. Ich selbst hatte Stiglitz mehrere Male vorgeschlagen, die Uhr von meinem Vater, einem pensionierten Uhrmacher, begutachten zu lassen, wobei Stiglitz dies stets höflich abgelehnte; er habe gar nichts dagegen, wenn die Zeit stillstehe, wie Stiglitz einmal lächelnd erklärte.

WeckerMittlerweile wisse er ja, sagte Stiglitz, nachdem er etwas nachgedacht hatte, schließlich, er habe sich diese Überzeugung, dass alle Unternehmungen, wie früher von ihm geglaubt, scheitern müssen, nur eingeredet, habe auf diese Art sein eigenes Gedeihen und Verderben einer höheren Macht überantwortet, die er fälschlicherweise immer für eine Art Schicksal, an welches er ja allerdings nicht wirklich glaube, gehalten habe, obwohl es sich in Wirklichkeit um etwas ganz anderes gehandelt habe, nämlich Angst; diese lasse es nicht zu, den Verlauf der Dinge zu ändern, irgendetwas oder irgendjemanden zu beeinflussen, Anlass oder gar Ursache für etwas zu sein. Seine wenigen Versuche, tatsächlich zu handeln und also auch Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, habe er stets vorzeitig aufgegeben; er hätte nicht ertragen können, so Stiglitz, bereits im Versuch zu scheitern. Und so habe er sich jahrelang der Untätigkeit hingegeben und die Dinge laufen lassen, wie er es nannte, während er selbst sich im Stillstand befunden habe. Auch jetzt, fuhr Stiglitz fort, befinde er sich noch immer in einem Zustand des Stillstandes, täglich denke er darüber nach, wie er selbst noch immer stillstehe, während der Freund, die Brüder, die Bekannten sich am Leben bereicherten. Auch jetzt noch habe er Angst, zu handeln, als ob sein Eingreifen aus irgendeinem Grund nicht erwünscht sei, als ob ihm, wie bereits gesagt, das Scheitern gewiss sei; natürlich, sagte Stiglitz, er rede sich das ein, aber die Angst, die in einem wohne, beherrsche alles, nehme Einfluss auf Denken und Handeln. Es sei seine Angst, die sein Schicksal sei, sagte Stiglitz, das habe er nun erkannt.
Ich musste gehen. Stiglitz begleitete mich zur Tür, wo er mir zum Abschied den stehengebliebenen Wecker in die Hand drückte.

Fortsetzung, verehrtes Lese-Volk, folgt! Wobei ungewiss ist, wann. D. Verf. befindet sich nämlich in den Ferien, wie sich’s für anständige Leute gehört; welches zeitliche Ausmaß dieser Urlaub annehmen wird, ist bislang unbekannt. Aber Nachwuchs-AutorInnen gibt’s zur Not ja eh wie Sand am Meer.

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