„With god on our side“ (J.Baez)

kath. Abenteuer

Der vielen Menschen vertrauten Suche nach einer das Leben bereichernden Spiritualität nimmt sich der Journalist Matthias Matussek in seinem Buch „Das katholische Abenteuer“ auf befremdende Weise an – und schlittert „provokativ“ in Selbstgefälligkeiten. Eine Distanzierung.

Es war auf Anhieb ein Bestseller. „Das katholische Abenteuer“ von Matthias Matussek. Der Spiegel-Autor fühlte sich in seinem Buch, das letztlich nur eine lose Artikelsammlung ist, dazu berufen, die katholische Kirche zu verteidigen. Gegen innere und äußere Feinde. Gegen die lauen Gläubigen, die keine aktiven Kirchenmitglieder mehr sind und lediglich Kirchensteuer abführen. Gegen die klischeehaft fanatisch dargestellten „Gotteskrieger des Islams“. Mehrmals negiert er „provokativ“ die Aussage seines Bundespräsidenten Christian Wulff: „Der Islam gehört zu Deutschland“.

Eine solche Toleranz ist Matusseks Sache nicht. Schluss mit lustig, das ist schon eher seine Devise. Der anbiedernd nachsichtige, um ihre Mitglieder werbende Kurs der katholischen Kirche müsse ein Ende haben. Das fordert er in Union mit erzkonservativen Bischöfen wie dem Fuldaer Johannes Dyba, dessen Portrait er mit „Axt Gottes“ überschrieb. Gerne zitiert er dessen abschätzige Kommentare gegen Kirchenkritiker wie Küng oder Drewermann. Letzterer sei „ein wabernder Hirtenpullover, den keiner mehr hören kann“. Aber auch sonst ist Matussek nicht zimperlich und greift jeden, der nicht seiner Glaubenshaltung entspricht, voller Spott an. Es trifft Einzelpersonen, ganze Gesellschaften, sogar Weltreligionen. Unterschiede, Abweichungen werden angeprangert. Und das macht sein Buch schwierig. Mehr als schwierig. Man ist geneigt, es in hohem Bogen auf den Mist zu werfen.

Inhalt und Gehalt

Denn für wen ist dieses Buch geschrieben? Wer soll es lesen, sich mit Matusseks anklagender Gardinenpredigt auseinandersetzen? Der Auftakt, ein gelungenes aber selbstgefälliges Portrait des Sittenverfalls unserer Zeit, abgearbeitet an den sieben Todsünden. Wir sind alle Sünder. Aber es gibt Erlösung – durch eine katholische Geisteshaltung und Lebensführung. Diese führt er exemplarisch an sich selbst und seiner Erziehung vor. Dieser Teil des Buches ist witzig und warmherzig geschrieben. Vor allem, weil er seine „wilden Jahre“ nicht ausspart, seine Abkehr vom Katholischen hin zum Kommunistischen. Weil er seinem Vater für das spirituelle Rüstzeug dankt und er allzu menschlich auf ein Wiedersehen nach dem Tode hofft. Doch abgesehen davon geht es hart her – Nachsicht und Nächstenliebe sind selten zwischen den Zeilen heraus zu lesen. Und das soll uns locken? Die (vermeintlich immer währende) Überlegenheit der christlichen Kirche gegen den politischen Islam? Gerne schweigt sich Matussek aus, wie lange es dauerte, bis seine (und meine) Kirche, vom machtpolitischen Gestaltungs- und Geltungswillen befreit, sich vordergründig um das Seelenheil des Einzelnen kümmerte. Es war ein sehr langer Weg.
Wollen wir seine alten (Spiegel-)Artikel zu Dyba, Johannes Paul und Benedikt wirklich lesen? Was wissen wir schon mehr über das Wesen des Katholischen, wenn wir seine zweifellos gut geschriebenen Auslandserfahrungen jenseits des großen Teichs kennen? Sind lose Miniaturpuzzlestücke wie in seiner „Glaubenssafari“ wirklich aussagekräftig?

Wunsch und Wirkung

Was will er uns sagen? Matussek will eine lebendige Kirche voll der (lebenswichtigen) Rituale. Eine Kirche der Klarheit. Eine Kirche, die ihre Traditionen und spirituellen Wege zum Heil nicht verleugnet, sondern stolz bewahrt. Die sich nicht zwangsmodernisiert. Eine Kirche, die auch mutig Positionen vertritt, welche dem Zeitgeist nicht entsprechen. Die gehört wird. Vom Einzelnen und der Politik. Die beiden auch etwas abverlangen darf, nicht bloße Buhlschaft ist.
All das ist mutig und verdient Beachtung. Allerdings ist die Form, in die der Spiegelautor diese Wünsche presst, verfehlt. Denn er ist in diesem Buch kein guter, sprich objektiver und sachlicher Journalist. Er führt seinen ureigenen Kreuzzug. „With god on his side.“ Das kann Matthias Matussek als Einzelperson halten wie er will. Religions- und Meinungsfreiheit sind auch seine Rechte. Doch eine solche Entgleisung unter dem Deckmantel des Qualitäts-Journalistischen zu präsentieren ist dreist, löst die Probleme der Kirche nicht, macht sie um keinen Deut sympathischer und verletzt die Gefühle anders oder weniger stark Glaubender. Operation gelungen – Patient tot.
 

Buch:
Matthias Matussek: Das katholische Abenteuer: Eine Provokation, DVA, 2011.
ISBN:  978-3421045140

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