Yeti, Gold und Eldorado

Auszüge aus dem Roman „Das verlorene Paradies“.

[…] Eisig zog der Wind über den Kamm und drückte in unregelmäßigen, erbarmungslosen Böen kalte Luft ins Tal herab. Seit Tagen war die Expedition nun schon entlang dieser namenlosen Gebirgskette einige hundert Meter unterhalb des Grats unterwegs. Namen schien es in dieser Region ohnehin keine mehr zu geben. Der Pfad – wenn man ihn so nennen mochte – hatte der Reisegruppe nun bereits seit einiger Zeit ihre Strecke streng vorgeschrieben. Vor vier Tagen waren sie in nördliche Richtung eingeschwenkt und seitdem hatte sich weder nach oben über den Kamm noch nach unten in die im Nebel verborgene Schlucht ein Ausweg ergeben. Der einzige gangbare Pfad führte weiter nach Norden. Zurück konnten sie nicht, das wussten sie. Ihre Vorräte waren nur darauf ausgelegt ihr Ziel zu erreichen, für eine Umkehr war es bereits zu spät.

Seit Wochen hatten sie nun schon keine Menschenseele mehr zu Gesicht bekommen. Auch von Yetis – den rätselhaften Schneemenschen – war ihnen schon seit Langem keine Spur mehr zu Augen gekommen. Doch während die übrigen Expeditionsteilnehmer nach und nach ihre Hoffnungen aufgaben hatte sich in Bryants Geist in den letzten Stunden eine gewisse Ruhe, ja sogar Zuversicht breit gemacht. Vor zwei Monaten waren sie in Lhasa aufgebrochen, um das sagenumwobene Goldland Eldorado zu finden. Die Karte, die er im Nachlass seines Großvaters gefunden hatte, samt beiliegenden Aufzeichnungen, dass diese von einem nordindischen Fakir stamme, dem er damals – der Großvater, der als britischer Armeearzt in Kaschmir weilte – nach einem bösen Unfall mit seinem Nagelbrett das Leben gerettet hatte, und der ihm diese dann mit einem hintergründigen Lächeln und voller Dankbarkeit vermacht hatte, diese Karte war bisher ihr Hoffnungsschimmer gewesen. Sie hatte sich im Großen und Ganzen als sehr genau und brauchbar herausgestellt und auch dieser Gebirgsrücken, der nun schon seit Tagen über ihr Schicksal zu bestimmen schien, ohne dass er je sonst wo kartografiert worden wäre, fand sich auf diesem vergilbten Stück Papier. Allerdings hatte Bryant feststellen müssen, dass die Größenverhältnisse ungenauer wurden, je weiter sie sich aus der zivilisierten Welt fortbewegten. So hatte er keinen genauen Begriff davon, wann sich diese Schlucht nun endlich nach oben hin – wie auf dem Plan angedeutet – verjüngen würde, um dann in einen Pass zu münden: der Pass, der ihnen den Blick auf das berühmte Tal von Eldorado ermöglichen würde. Nun aber schien es ihm, als ob er im Nebel unten hie und da Konturen entdecken konnte, und auch die Gebirgswand auf der anderen Talseite, die hie und da durch die Schwaden hindurchblitzte, schien näher zu kommen. […]

Im Goldland

[…] Bryant schlug die Augen auf. Langsam wurde das Bild klarer. Er befand sich in einem hellen Zimmer, weiß gekalkt und mit kleinen Fenstern versehen, durch welche freundlich das Sonnenlicht hereinstrahlte. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und ein älterer, tibetanisch aussehender Mann trat an sein Bett. Als er bemerkte, dass der Patient erwacht war, lächelte er und sprach ihn in einer entfernt an einen tibetanischen Dialekt erinnernden Sprache an. Bryant verstand kein Wort. Wenn er auch in Lhasa ein wenig begonnen hatte die Landessprache zu lernen, so war er doch während der Reise bald zu dem Schluss gekommen, dass dies durch die Vielzahl an verschiedenen Dialekten, die in den abgelegenen Tälern dieser Gebirgslandschaft gepflegt wurden, ein relativ unfruchtbares Unterfangen war. Glücklicherweise hatten sie in der Hauptstadt Dr. Parsley aufgegabelt. Parsley, ein alter Studienkollege von Bryant, der in London als verschollen galt, hatte sich seit Jahren in Tibet aufgehalten und dort die Sprachen und die Kultur der verschiedenen Stämme studiert. Nun hatte er sich – als er Bryant zufällig in einer Spelunke in Lhasa getroffen und wiedererkannt hatte – mit einiger Mühe dazu überreden lassen, sich der Expedition anzuschließen. Allerdings – so schien es Bryant – mehr aus Interesse an der bisher nicht besuchten Region als aus Abenteuerlust oder Begierde nach dem Reichtum Eldorados – Motive, die Bryant für sich selbst beide nicht ganz ausschließen konnte. Aber wo war er nun, der Gute, jetzt, wo seine Kenntnisse wirklich brauchbar gewesen wären. Diese Gedanken brachten langsam Bryants Erinnerung an die letzten Stunden und Tage zurück. Das Tal hatte sich als länger herausgestellt, als er gehofft hatte. Das Zurücklassen ihrer bisher so zuverlässigen Yaks, als der Weg zu einem schmalen Vorsprung entlang der Felswand wurde. Der tragische Unfall, der den drei tibetanischen Trägern ihr Leben gekostet hatte. Schließlich der Schneesturm, der ihn seine verbliebenen Kollegen verlieren lassen hatte, bevor er schließlich verzweifelt unter einem kleinen Felsvorsprung Zuflucht gefunden hatte und aus Erschöpfung eingeschlafen war. Während er nun versuchte, zu erschließen, was seitdem geschehen war, kam plötzlich – wohl auf das Rufen des alten Mannes hin Parsley zur Tür herein und begrüßte in strahlend.
Sie hatten es geschafft. Parsley erzählte ihm, was sich inzwischen zugetragen hatte. Der Sturm hatte sie offensichtlich direkt vor dem Pass überrascht. Als sich das Schneegestöber gelegt hatte, erreichten sie ohne den verlorenen Bryant schnell das Tal. Parsley, der den eigentümlichen Dialekt des Tales trotzt seiner langen Studien zwar nicht kannte, aber dank seiner Erfahrung doch im Großen und Ganzen verstehen konnte, organisierte eine kleine Rettungsexpedition und konnte den unterkühlten Bryant relativ schnell finden und in den Talkessel von Eldorado bringen.
Nach einem hervorragenden Frühstück, mit Speisen, die Bryant ebenso einfach wie köstlich erschienen, führte ihn Parsley zum Dorfältesten, der den Wunsch geäußert hatte, ihn als Expeditionsleiter zu sprechen.
Bereits der kurze Weg durch den Ort – sie befanden sich offensichtlich in einem kleinen Flecken am Südende des Tales – bemerkte Bryant die günstige Lage und ausgesprochene Schönheit der Gegend. Das Klima war kaum vergleichbar mit den Wetterumständen, die ihnen gerade noch fast das Leben gekostet hatten. Eine angenehme leichte, nicht zu kühle Brise sorgte zusammen mit wärmenden Sonnenstrahlen für einen frühlingshaften Eindruck. In den Bäumen der Vorgärten glitzerte es, als ob da Juwelen wüchsen. Die hell verputzten Häuser wirkten einfach, aber doch sauber und gemütlich. Die Pflastersteine schimmerten. als ob sie aus reinem Gold wären. Die Einheimischen, die geschäftig ihren Tätigkeiten nachgingen, grüßten freundlich und zeigten weder allzu große Neugier noch Scheu vor den Fremden.
Der Dorfälteste schien sich diese Bezeichnung redlich verdient zu haben. Er war wohl allen Anwesenden an Jahren ein gutes Stück voraus, und doch tat sich Bryant schwer, sein Alter zu schätzen. Zwischen 60 und 160 Jahren schien ihm alles plausibel. Es entwickelte sich ein ungezwungenes Gespräch zwischen Bryant und dem Alten, wobei Parsley recht gekonnt den Übersetzer spielte, bis Bryant ein Detail ansprach, das ihn schon geraume Zeit beschäftigt hatte: Wie kam es, dass ihm nur Alte begegneten? Wo waren die Jungen? Zugegebenermaßen kamen sie ihm alle sehr rüstig vor, allerdings konnte er sich die Abwesenheit jüngerer Generationen nicht erklären. Auf Parsleys Übersetzung hin verfinsterte sich das Gesicht des Alten plötzlich und nach einer kurzen Stille begann er zu erzählen.

Unruhe im Paradies

Vor zwei Monaten war im Nordosten des Tals ein großer Silbervogel gelandet und hatte einen Menschen heller Hautfarbe ausgespuckt. Dieser war inzwischen von seinen Verletzungen halbwegs genesen, hatte leidlich die hiesige Sprache erlernt und nun durch seine Erzählungen von der Welt draußen eine gewisse Unruhe im Tal ausgelöst. Angeblich soll es dort draußen Dinge geben, von denen hier in Eldorado noch kein Mensch gehört hat. So könne man sich angeblich mittels einer Apparatur ganz einfach über weite Strecken hinweg unterhalten, anstatt die Botschaften per Rauchzeichen zu übermitteln. Alle Flüsse führten dort reines Wasser und nicht wie hier vielerorts Milch und Honig, worin man unmöglich Gewand oder auch sich selbst waschen konnte. Über Erzählungen von anderen Gerätschaften, die Musik erschallen lassen könnten, klang plötzlich für viele das vielstimmige Orchester der hier heimischen Paradiesvogelschwärme schal in den Ohren. Die Erwähnung von Häusern, in denen man Geschichten in Form von sich wandelnden Bildern sehen könne, ließ das hier häufige Schauspiel doppelter und dreifacher Regenbögen fahl erscheinen. Und auch andere Häuser solle es geben, in denen man verschiedenartigste Kleidung und andere Güter bekäme. Man müsse dafür nur ein bisschen von dem, womit hier die Straßen gepflastert würden, eintauschen – keine Notwendigkeit mehr für das mühselige Scheren der zahmen, goldlockigen, eierlegenden Milchschweine. Der Silbervogelmensch hatte ihnen versprochen, würden sie ihn mit einer kleinen Karawane und einer unbedeutenden Zahl an Pflastersteinen ausstatten, dafür sorgen zu wollen, dass all diese Wunderdinge auch in ihrem Tale Einzug halten würden.
Die Älteren im Tal hatten diese Erzählungen als Träumereien abgetan und dem Fremden keine weitere Beachtung geschenkt. Auf viele Junge aber strahlte er eine zauberhafte Faszination aus und mit fiebrigen Augen waren sie scharenweise hinauf in den Norden gezogen, um sich seiner Karawane anzuschließen.
Das war der Stand der Dinge, als nun Bryants Expedition im Süden angelangt war.

Deines nächsten Hab und Gut

[…] Bryant ließ sich erschöpft in den Lehnstuhl fallen. Die Pressekonferenz war vorüber; nun endlich konnte sein Leben wieder in gewohnten Bahnen verlaufen. Er nahm die Zeitung zur Hand und überflog die Titelseite. Nach den Abenteuern der monatelangen Odyssee quer durch China und die mongolische Steppe tat es gut, wieder ein wenig die Seele baumeln zu lassen und die Errungenschaften der westlichen Welt genießen zu können. Sein Blick blieb an einer kleinen Notiz am unteren Rand der Titelseite hängen: „Chinesische Asylwerber abgeschoben.“ Da war angeblich eine Gruppe zerlumpter Chinesen (oder Tibeter – der Autor des Artikels war sich da selbst nicht ganz sicher), die sich wie durch ein Wunder ohne Pässe bis auf die britischen Inseln durchgeschlagen hatten, nun nach längerem Rechtsstreit letztendlich doch außer Landes gebracht worden. Ein Kommentar auf Seite fünf ergänzte das Bild. Offenbar hatte die Gruppe angegeben, von ihrem Schlepper hinters Licht geführt und betrogen worden zu sein. Dafür machten sie ausgerechnet Henry Rutherford verantwortlich, einen ehrbaren, stadtbekannten Herrn, der überraschend zu Reichtum gekommen war – angeblich ein unverhofftes Erbe von einem entfernten Verwandten – und der gerade all seine Fähigkeiten und Kontakte einzusetzen schien, um ein Entwicklungshilfeprojekt für die Stammesbevölkerung einer abgeschiedenen Region in Zentralasien auf die Beine zu stellen – eine Herzensangelegenheit von ihm, wie er bei jeder Gelegenheit zu betonen bemüht war. Bryants Gedanken schweiften zurück und sein Blick aus dem Fenster. War nicht der Rasen dort drüben, den der Nachbar gerade mit der Nagelschere zurechtstutze, ein gutes Stück grüner als die – durch seine Abwesenheit erzwungenermaßen – zur Wiese verwilderten Grünfläche seines eigenen Gartens? […]

„Das verlorene Paradies“ ist in keinem Verlag erschienen, da sich große Teile des Buchs vor einer möglichen Veröffentlichung durch ein gütiges Missgeschick ins Daten-Nirvana verabschiedet haben.

Weiterführendes:
– Voltaire: Candide oder Der Glaube an die beste der Welten (ISBN: 3-423-02410-0) E-Book: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Voltaire
– James Hilton: Lost Horizon (ISBN: 0-330-10558-2) ­E-Book: http://gutenberg.net.au/ebooks05/0500141h.html
– Reinhold Messner: Yeti. Legende und Wirklichkeit (ISBN: 3-596-14737-9)

Kommentare

oi!

schade marmelade! sehr schön geschrieben!
Soll nicht ein autorenkollegium eine reise ins Nirvana veranstalten und den Text holen???

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