You Must Be Wrong If You Think You Don’t Love Me

kurze BeschreibungThe Devil and Daniel Johnston (USA 2006) ist eine empathische Dokumentation von Kreativität, Wahn und Sehnsucht, personifiziert in der musikalischen Ausnahmeerscheinung Daniel Johnston.

„Ladies and gentlemen. The best singer-songwriter alive today: Daniel Johnston!“ Ein behäbiger Mitte-40er in Jogginghose flaniert auf die Bühne, legt ein voll geschmiertes liniertes A4 Heft ohne Noten auf den Notenständer und intoniert mit hoher rauchiger Stimme ein Lied, zu dem er auf seiner verstimmten Gitarre streicht. Wer Johnston und seine Musik nicht kennt, befürchtet in den ersten paar Minuten von The Devil and Daniel Johnston womöglich einer juvenilen Sozialstudie eines Trash-Musikers im Stile einschlägiger lokaler Antimusikphänomene, wie sie hierzulande auf FM4 zu hören sind, auf den Leim gegangen zu sein.

Wenn dieser Film den ZuschauerInnen aber zwei Dinge deutlich macht, dann dass Daniel Johnston in der Tat der beste lebende Singer-Songwriter ist und wo Kurt Cobain seine T-Shirts kaufte.

Listen up and I’ll tell a story, of an artist groing old.
Some would try for fame and glory, others aren’t so bold.

Hold Me Like A Mother Would

Jeff Feuerzeig skizziert in der ersten Hälfte von The Devil and Daniel Johnston ein zerbrechliches junges Genie, das im denkbar kunstfeindlichen Umfeld einer schwerst konservativen christlichen Großfamilie in einem kleinen Ort in Ohio aufwächst. Daniels Lebensziel ist es berühmt zu werden und in einem Atemzug mit seinen Idolen wie den Beatles genannt, auf MTV gespielt und von Fans verehrt zu werden. Speziell Daniels Mutter missbilligt seine Ambitionen nach Ruhm, seine „satanischen“ Comics und seinen ungeregelten Alltag und nennt ihn „unprofitable servant of the lord“. Johnston beginnt früh, sich und seine Familie auf Super 8 aufzunehmen und auch kleine Filmchen zu inszenieren, die Feuerzeig in ihrer bisweilen beklemmenden Authentizität der Heute-Perspektive mit Interviews Daniels’ Familie und ehemaliger WeggefährtInnen gegenüberstellt.

Everyone, and friends and family saying „Hey, get a job!“
„Why do you only do that only?“ „Why are you so odd?“

Dass Daniel unter einer psychischen Erkrankung leidet, deutet sich bereits in der Pubertät an und wird im Erwachsenenalter zunehmend zu einem Problem. Ein erster Versuch, sich von der Umklammerung seiner Familie zu lösen und in das über tausend Kilometer entfernte College nach Abilene, Texas, zu gehen, endet in einem Zusammenbruch, den die Eltern als Heimweh interpretieren. Auf einer Provinzuni in der Nähe des Elternhauses lernt er unter anderem die große unerfüllte Liebe seines Lebens kennen, die ihn zu einer Vielzahl seiner späteren von Melancholie und hilfloser Sehnsucht geprägten Liebeslieder inspiriert.

We don’t really like what you do. We don’t think anyone ever will.
It’s a problem that you have, and this problem made you ill.

I Was Living In A Devil Town

Ohne Vorankündigung gelingt Daniel eines Tages der Ausbruch aus seinem kleinstädtischen Leben, er kauft sich ein Moped und unterbricht jeden Kontakt mit seiner Familie. In Austin, Texas, sollte Daniels Potential endlich entdeckt werden. Sein erster Auftritt in MTV, Drogen, Absturz und Isolation folgen.

The artist walks alone. Someone says behind his back,
„He’s got his gall to call himself that! He doesn’t even know where he’s at!“

Größen der Szene wie Velvet Underground oder Half Japanese möchten mit Daniel arbeiten, Manager und Plattenfirmen beginnen sich für ihn zu interessieren, Daniel verfällt aber immer mehr in einen christlichen Wahn und wird zusehends unfähiger zu arbeiten. Daniels Entwicklung wird in weiterer Folge nicht nur in seiner Musik und seinen Kassettenaufnahmen dokumentiert. MusikerkollegInnen wie Sonic Youth filmen ihre Suche nach einem halluzinierenden Daniel in den Straßen von New York. Regisseur Jeff Feuerzeig gewann mit The Devil and Daniel Johnston den Regiepreis für Dokumentationen beim Sundance Festival 2005, wohl weil er diese Originaldokumente ohne Sensationsgier und Sarkasmus zeigt. Eines der häufigsten Attribute, das von MusikjournalistInnen und KennerInnen des Fachs für Daniel Johnston und seine Musik gebraucht wird, trifft auch auf diesen Film zu: authentisch.

They sit in front of their TV. Saying, „Hey! This is fun!“
And they laugh at the artist. Saying, „He doesn’t know how to have fun.“

True Love Will Find You In The End

The Devil And Daniel Johnston ist ein tragischer, aber kein trostloser Film. Daniels großer Lebens­traum berühmt zu werden geht spätestens 1992 in Erfüllung, als er über Nacht Teil der Popkultur wird. Unter dem obligaten Grunge-Karohemd von Nirvana Frontman Kurt Cobain strahlt ein weißes T-Shirt mit Johnstons MC-Cover Hi, how are you? hervor. Daniels Musik wurde inzwischen von Kollegen wie Pearl Jam, Beck, Bright Eyes, David Bowie und Tom Waits gecovert und verhilft seinen Werken zu einer Breitenwirkung, die Daniels persönlicher musikalischer Zugang voll Intimität und technischer Unzulänglichkeit nicht vermag.

The best things in life are truly free. Singing birds and laughing bees.
„You’ve got me wrong“, says he. „The sun don’t shine in your TV.“

(Textpassagen aus Story Of An Artist (1982), Daniel Johnston)

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