Z.B.: Die Fritz-Austel-Straße

Clara MoschProduzentengalerien und andere Künstlerinitiativen in der DDR – 1980er Jahre

Was machen junge, unangepasst denkende und arbeitende KünstlerInnen in Wien oder Berlin, wenn sie ihre Arbeit der Öffentlichkeit zeigen möchten? Genau. Sie suchen – mehr oder weniger erfolgreich – nach Ausstellungsmöglichkeiten, in einer etablierten Galerie oder auch im sogenannten Off Space.
Doch welche Möglichkeiten eröffneten sich, wenn die künstlerische Tätigkeit nicht ins Jahr 2008, sondern in den Zeitraum 1980-89 fiel und der Ort noch dazu zufällig Ostberlin, Leipzig oder Dresden hieß?

Zwar hatte in der DDR bereits in den 70er Jahren ein Galerienboom eingesetzt. Der Kul­turbund, kommunale Verwaltungen sowie der Staatliche Kunsthandel gründeten bis 1989 mehr als 400 Galerien. Ohne die Zustimmung staatlicher Instanzen konnten bildende KünstlerInnen jedoch nicht in diesen offiziellen Galerien oder in Museen ausstellen. Wer nicht am Aufbau des Sozialismus mitarbeiten wollte, der Aufforderung zur Orientierung am „Sozialistischen Realismus“ nicht nachkam oder einfach eigene künstlerische Konzepte entwickelte, fand keine offizielle Plattform. Vor allem multimedial arbeitende KünstlerInnen, autonome Gruppierungen und jene, die nicht Mitglieder des Verbands Bildender Künstler (VBK) waren, suchten daher ihren eigenen Präsentationsrahmen. Besonders in den 80er Jahren wurden Pri­vatwohnungen und gelegentlich auch Räumlichkeiten kirchlicher Institutionen für Veranstaltungen wie Lesungen, Ausstellungen oder Konzerte genutzt. Produzen­tengalerien und andere Initiativen zur Künstlerselbsthilfe wurden gegründet. So fanden junge KünstlerInnen ihr eigenes Publikum und schließlich auch KäuferInnen.

Kunst als Lebenstechnik

Doch das war alles nicht so einfach. Die Voraussetzung für die legale Ausübung freischaffender künstlerischer Arbeit war der Besitz einer Steuernummer. Da deren Vergabe an die Mitgliedschaft im VBK gebunden war, gerieten etliche eigenständige KünstlerInnen sowie GaleristInnen in eine Situation am Rande der Legalität. Viele führten ein Leben zwischen Halbtagsjob und Subkultur. Man musste einer geregelten Arbeit nachgehen, um nicht den staatli­chen Maßnahmen laut „Asozialparagraph“(a) (Frank Eckart) zu unterliegen. Ständi­ge, wenn auch nur latente Angst und Verdächtigungen schufen ein Umfeld sozialer Spannung. Kunst wurde zur Lebenstechnik, mit der man dem Anspruch, sich unterzuordnen, etwas entgegensetzen konnte.
So gründete 1977 eine Künstlergruppe unter dem Vorzeichen „Rebellion als individueller Ausbruch aus staatlicher Bevor­mundung“(b) die Produzentengalerie CLARA MOSCH. Als selbstverwaltete Galerie war sie eine der ersten solcher Art in der DDR. Hinter dem geheimnisvollen Namen verbergen sich die Anfangsbuchstaben der Namen der Gründungsmitglieder Carlfriedrich Claus, Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke, Michael Morgner und Gregor-Torsten Schade: CL-RA-MO-SCH. Allein die Namensgebung verrät bereits etwas von der subversiv-humorvollen Haltung der beteiligten KünstlerInnen. Unkonventionell war auch die Umnutzung eines ehemaligen Dorfladens in Adelsberg nahe Karl-Marx-Stadt als Galerie. Die Eröff­nung der Galerieräume war mit Schwierigkeiten verbunden, die beinahe in einer Boykottierung mündeten: Da private Galerien in der DDR verboten waren, musste CLARA MOSCH schließlich in die Zusammenarbeit mit dem Kulturbund einwilligen.

Rebellion und Staatssicherheit

Das Hauptanliegen der Galerie war, jungen, unangepassten KünstlerInnen eine Öffentlich­keit zu bieten, die in den Galerien des Staatlichen Kunsthandels nicht ausstellen konnten. Verbindend war neben einer gewissen gemeinsamen Lebenshaltung vor allem die unbedingte Ablehnung des von der Kul­turpolitik verordneten Sozialistischen Realismus.
CLARA MOSCH organisierte etwa 29 Ausstellungen und gab Mappenwerke, Plaka­te und Künstlerpostkarten sowie Mail Art-Projekte heraus. Die Galerietätigkeit wurde jedoch durch die jährlich steigende Anzahl der Funktionäre, die im Galeriebeirat vertreten waren, zunehmend boykottiert. Die MOSCH-Gründer verloren erheblich an Ein­fluss. Nach fünfjährigem Bestehen wurde CLARA MOSCH 1982 aufgelöst. Erst zehn Jahre später sollte sich herausstellen, dass der Zerfall, im Wesentlichen evoziert durch interne zwischen­menschliche Probleme, von der Stasi lange geplant worden war. Bereits 1977 wurde vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) eine 16-seitige „Konzeption zur Differenzierung und Zerschlagung des personellen Schwer­punktes ‚Avantgardistischer Kreis’“(c) vorgelegt. Im Laufe ihres fünfjährigen Beste­hens wurden über 120 Spitzel gegen CLARA MOSCH einge­setzt. Zu den Informanten zählte auch der MOSCH-Fotograf Ralf-Rainer Wasse. Die Maßnahmen des MfS zielten auf persönliche Zerwürfnisse, gegenseitige Verdächtigungen und damit die Zerstörung des Zusammenhaltes innerhalb der Gruppe.

List und Tücke

Die staatliche Entscheidungsgewalt über Ausstel­lungen stellten 1984 auch die Veranstalter des 1. LEIPZIGER HERBSTSALONS in Frage. Die Künstler Günter Huniat, Hans Hendrik Grimmling, Frieder Heinze, Günther Firit und Lutz Dammbeck mieteten ein Leipziger Messe­haus an und eröffneten dort eine Ausstellung, die weder staatlich genehmigt noch zensiert war. Die subversive Aktion gelang nur durch einen Trick. Einer der beteiligten Künstler, Günter Huniat, konnte die Räume als SED-Mitglied privat anmieten. Auch die anderen Künstler hatten wichtige Positionen im VBK inne. Des­halb konnte im Vertrag mit der Messehalle der VBK als Verhandlungspartner angegeben werden. Die Ausstellung wurde unter der Vortäuschung einer vermeintlich harmlosen „Werkstatt-Leistungsschau“ genehmigt. Dem Vermieter wurde vermit­telt, es handle sich um eine offizielle Ausstellung. In Wahrheit war die Veranstaltung eine Protestaktion. Nachdem die List aufgeflogen war, kündigte die Messehalle den Mietvertrag. Die Künstler waren darauf vorbereitet und beharrten mit einem Anwalt auf ihrer vertraglich festgesetzten Kündigungsfrist von vier Wochen. Die Aus­stellung blieb infolgedessen geöffnet und zählte knapp 10 000 BesucherInnen aus der gesamten DDR.
Das revolutionäre Moment der Ausstellung bestand weniger in der gezeigten Kunst, auch wenn diese der „Leipziger Schule“ widersprach. Skandalös war die Aushebelung und Überlis­tung des staatlichen Ausstellungsmonopols. Die Gruppierung zerbrach wenig später; drei der fünf Künstler verließen das Land.

Else Gabriel, MedienturmEIGEN + ART

Ohne List kam auch Gerd-Harry (Judy) Lybke nicht aus. Die EIGEN + ART war zunächst eine Galerie-Wohnung, bevor sie 1985 aus Platzgründen in eine alte Werkstatt in der Fritz-Austel-Straße in Leipzig wechselte. Lybke mietete die Räume über VBK-Mitglieder an, die als solche ein Anrecht auf Werkstatträume hatten. Indem die Galerieräume offiziell als Ateliers deklariert wurden, konnte die Rechtslage umgangen werden. Für die Dauer einer Ausstellung wurden die Räume an KünstlerInnen untervermietet. Diese mussten während der Öffnungszeiten daher selbst anwesend sein. Bis 1989 blieb es bei der offiziellen Bezeichnung „Werkstät­te“.
Es gab kein verbindliches Programm, dafür war die EIGEN + ART Äußerung eines Lebens­gefühls, das viele teilten. Zahlreiche Aktionen fanden zunächst mit der Motivation statt, Improvisation und Spaß gegen die bestehende Langeweile und Tristesse zu setzen. Die Vernissagen waren äußerst gut besucht. Die EIGEN + ART bot etwas, das es in dieser Form in der offiziellen Kultur der Stadt nicht gab. Primär junge Kunst aus Ostdeutschland, vor allem auch von AutodidaktInnen stand auf dem Programm. Später kamen west­deutsche und internationale Kunst dazu. Die Galerie wurde ein wichtiger Impulsgeber für die alternative Kunstszene auch außerhalb Leipzigs. Neben Lesungen und Filmdarbietungen gab es eine temporäre Bibliothek mit inoffiziellen Zeitschriften.

Öffentlichkeit als Schutz

Judy Lybke achtete sehr darauf, die staatliche Kontrolle nicht zu provozieren. Im ersten Jahr wurden nur KünstlerInnen ausgestellt, die Mitglieder oder zumindest KandidatInnen für den VBK waren. Er verzichtete auf öffentliche Aushänge, weil diese unter Umständen einen Strafbestand ergeben hätten können. Die Galerie lief immer Gefahr, mit ihrem Programm Schwierig­keiten zu bekommen. Was die Staatssicherheit im Zusammenhang mit der Galerie EIGEN + ART befürch­tete, war einerseits die Etablierung einer „zweiten“ Kultur. Man beschuldigte sie der Untergrundtätigkeit, deren Ziel die Unterwanderung des sozialistischen Rechts wäre. Außerdem war zu befürchten, dass die Galerie sich zu einer Plattform „politisch-ideologischer Diversion“ entwickeln könnte. Ein tatsächliches Problem für die Stasi stellte schließlich das große rege öffentliche Interesse an der Galerie dar. Auch im Ausland war man auf ihre Aktivitä­ten aufmerksam geworden.
Warum EIGEN + ART trotz ursprünglicher Pläne nie tatsächlich geschlossen und einer staatli­chen Institution unterstellt wurde, bleibt dennoch ungeklärt: Aus Unterlagen der Staatsicherheit geht hervor, dass man bereits 1986 die Zwangsschließung der Galerie ins Auge gefasst hatte.
Heute vertritt Judy Lybke die meisten Nachwuchsstars der Neuen Leipziger Schule weltweit. Seine Galerie ist eine der wenigen aus der ehemaligen DDR, die sich nach 1989 am internationalen Kunstmarkt etablieren konnten.

Anmerkungen:
a Anm.: gemeint ist § 249 aus dem Strafgesetzbuch der DDR (12. Januar 1968), „Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten. (1) Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch gefährdet, daß er sich aus Arbeitsscheu einer ge­regelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, oder wer der Prostitution nachgeht oder wer sich auf andere unlautere Weise Mittel zum Unterhalt verschafft, wird mit Verurteilung auf Bewährung oder mit Haftstrafe, Arbeitserziehung oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft. Zusätzlich kann auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erzie­hungsaufsicht erkannt werden.“ (URL: http://www.verfassungen.de/de/ddr/strafgesetzbuch68.htm [31.3.2008].)
b Thomas, K., 1992, S. 117.
c BStU – Ast. Chemnitz, OV „Made“, Reg.-Nr. XIV / 73 / 75, Bd. 1, o. Pag.; zit. nach: Rehberg, 2003, S. 53.

Weiterführende Literatur:

Blume, Eugen; März, Roland (Hg.): Kunst in der DDR. Eine Retrospektive der Nationalgalerie. (Kat.). Berlin: G+H, 2003.

Forschungsstelle Osteuropa (Hg.): Eigenart und Eigensinn: alternative Kulturszenen in der DDR (1980-1990). Bremen: Ed. Temmen, 1993.

Gillen, Eckhart; Haarmann, Rainer (Hg): Kunst in der DDR. O.O.: Kiepenheuer & Witsch, 1990.

Grundmann, Uta; Michael, Klaus; Seufert, Susanna (Hg.): Revolution im geschlossenen Raum. Die andere Kultur in Leipzig 1970-1990. Leipzig: Faber & Faber, 2002.

Kaiser, Paul; Petzold, Claudia (Hg.): Boheme und Diktatur in der DDR. Gruppen, Konflikte, Quartiere 1970-1989. Berlin: Fannei & Walz, 1997.

Muschter, Gabriele; Thomas, Rüdiger (Hg.): Jenseits der Staatskultur. Traditionen autonomer Kunst in der DDR. München/Wien: Carl Hanser, 1992.

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