Zum Eierlegen

Es kommt immer darauf an, wen man fragt.

Manche Leute sind vom demokratischen Prinzip so überzeugt, daß sie sogar logische Probleme mittels Abstimmung lösen wollen. So etwa die fleißigen Heinzelmännchen, die unermüdlich neue Versionen kommunikationsfördernder Computerprogramme verschenken. Wer sich in den letzten Tagen ICQ6 heruntergeladen hat, mußte vor Abschluß der Installation eine Multiple-Choice-Testfrage beantworten: „Was war zuerst da? a) Henne, b) Ei.“ Ich habe „Ei“ angeklickt; war ich voreilig?

Mir (nebst einigen schlaueren Leuten als mir, wie dem langjährigen Mensa-Vorsitzenden Victor Serebriakoff) wollte nämlich noch nie recht einleuchten, warum das die klassische unbeantwortbare Frage sein soll, und gar ein Beispiel für Regressus ad infinitum. Vielleicht wurden die beiden zweifelhaften Rattencharaktere Nick und Fetcher in der Schlußszene von Chicken Run nicht damit fertig, aber nach heutigem Wissensstand ist die Antwort einfach: Bevor ein Tier herumlief, das unseren heutigen Hühnern ähnlich sah, gab es längst andere Vögel. Ehe es irgendwelche Vögel gab, gab es jede Menge Reptilien, die ebenfalls Eier legten; versteinerte Sauriereier findet man sogar in Museen. Auch wenn man unter „Henne“ jedwedes Vogelweibchen versteht (zum Beispiel eine Archäopteryx-Henne), kamen also unzählige Eier lange vor der ersten Henne.
Einige verkomplizieren das Problem künstlich, indem sie in der Fragestellung „Ei“ durch „Hühnerei“ ersetzen. Dann ergibt sich die Zusatzfrage: Was war das erste Hühnerei – das Ei, aus dem der erste Vogel schlüpfte, auf den die heutige Definition von „Huhn“ paßt, oder das Ei, das der erste weibliche Vogel dieser Art legte? Abgesehen davon, daß damit das Legen des ersten Hühnereis immer noch auf einen sehr knappen Zeitraum fixiert wird (eine Urhuhn-Generation, maximal ein paar Jahre), ist das eine schiere Frage der Benennung; problematisch nur dann, wenn man sich nicht einigen will. Warum über sowas diskutieren? Lieber sich die Ähnlichkeit der heutigen Vögel mit den Reptilien staunend vor Augen führen, nach dem Motto Make Your Own Dinosaur Out of Chicken Bones (das ist ein Bastelbuch für große Kinder von Christopher McGowan).

Wenn man sein Wissen über den Ursprung der Arten aus der Bibel bezieht, ist die Antwort auch beinahe klar. Nach dem Genesis-Bericht schuf Gott die Vögel, ebenso wie alle Meerestiere, am fünften Tag (Gen 1, 20-22), die Landtiere und den Menschen, aber insbesondere auch alle Arten von Kriechtieren erst am sechsten (Gen 1, 24-27). Die Vögel werden dabei keineswegs in Eiform geschaffen, sondern bereits flugfähig oder sogar fliegend: „Es errege sich das Wasser mit webenden und lebendigen Tieren und mit Gevögel, das auf Erden unter der Feste des Himmels fliege.“ (1, 20) Demnach kann vor den Hennen kein Ei existiert haben, es sei denn, irgendwelche Fische oder nichthühnischen Vögel, die eventuell etwas früher als die Hühner geschaffen wurden, hätten dem erst zwei Verse später ausgesprochenen Vermehrungsgebot (1, 22: „Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer; und das Gevögel mehre sich auf Erden“) vorauseilenden Gehorsam geleistet und schon vorher gelegt bzw. gelaicht.
(Ob zwischen Fischlaich und Vogeleiern streng zu unterscheiden ist, bleibt dabei Geschmackssache; nicht alle Sprachen tun es, etwa im Sanskrit heißen Vögel und Fische beide aṇḍaja „eigeboren“. Nicht auszuschließen ist übrigens auch, daß die Hühner erst später legten als die einen Tag später geschaffenen Reptilien. Und man sollte anmerken, daß auch bei euhemeristischer Deutung – der Schöpfungstag als Chiffre für Jahrmilliarden – die Reihenfolge Fische-Vögel-Reptilien dem paläontologischen und evolutionsbiologischen Befund widerspricht, egal ob Intelligent oder Stupid Design.)

Schöpfungsberichte gibt es viele. Nicht alle nehmen zur Henne-Ei-Problematik Stellung, der Normalfall scheint zu sein, daß einfach summarisch die Erschaffung der Tiere festgestellt wird, in der Form „XY schuf die Landtiere, die Vögel und die Fische“, ohne auf das Wie und Nacheinander einzugehen. Wer weiß das schon so genau? Nicht einmal die Genesis, denn in Gen 2, 24 schafft Gott noch einmal „allerlei Tiere auf dem Felde und allerlei Vögel unter dem Himmel“, und zwar nachdem es den Menschen schon gibt (seit Gen 2, 7).
Aber einige erzählen immerhin, daß nicht nur ein beliebiges Huhn, sondern die ganze Welt aus einem Ei kam; nach dem indischen Brahmāṇḍa-Purāṇa entfaltete sie sich aus einem goldenen. Nach einem beliebten taoistischen Mythos ist das Himmelsgewölbe heute noch die Hälfte einer Ur-Eischale, die Erde die andere; der aus dem Ei schlüpfte, war der riesige Urmensch P’an-ku, und als er starb, wurden aus seinem Körper Berge, Flüsse und dergleichen, die Flöhe auf seiner Haut wurden zu Menschen – nicht auszudenken, woraus da die Hühner entstanden sein müssen, jedenfalls lange nach dem ersten Ei.
Manche wußten sogar, wer das Weltei gelegt hat. Aristophanes ließ den Chor seiner „Vögel“ (in gewohnt respektloser Parodie orphischer Lehren vom Weltursprung) wenigstens noch behaupten, es sei die Nacht gewesen, damals, als es nur Chaos und Nacht gab: „In des Abgrunds unmeßbaren Tiefen / gebar die schwarzbefittichte Nacht als allererstes ein Windei“ (Die Vögel, 694 f.). Schlimm wird es erst, wenn es eine Ente gewesen sein soll, wie im finnischen Kalevala-Epos; und nach einer ägyptischen Überlieferung entschlüpfte der Sonnengott Ra einem Gänseei auf einem Schlammhaufen. Wo Enten, Gänse und andere Sachen sind, wer kann da garantieren, daß es nicht auch vorher schon ein Huhn gab? Da sind uns ja Chaos und Nacht noch lieber, da weiß man wenigstens, was man hat.

Klar ist nur eines: Henne-und-Ei-Fragen samt ihrer Lösung sind keine Frage der Logik, sondern des Kenntnisstandes und des Weltbildes. Auch wenn die Fakten beinah ganz sichergestellt sind, bleibt immer noch ein Quentchen persönliche Meinung. Deswegen kann man dafür auch verfolgt werden. Als im alten Ägypten der Kult des Gottes Thot modern wurde, hatte man zu glauben, das Sonnengott-Ei sei von einem Ibis gelegt worden, denn der Ibis war dem Thot heilig; wer noch an die Gans (und die dazugehörige Göttin Hathor) glaubte, war ein Konservativling. Und im Reich Liliput konnte man bekanntlich politisch verfolgt werden, wenn man sein Frühstücksei am falschen Ende köpfte. Aber wenn ich mich so umsehe, von Darwin bis Aristophanes, spricht doch einiges für den Primat des Eies über das Huhn. Und wenn mir das nächste Mal einer Fragen stellt, die er für unbeantwortbar hält, sage ich eiskalt: Ei!

caru

[Ein Herr Heiney hat ein Buch geschrieben, wo außen draufsteht, am Anfang sei das Huhn gewesen. Drinnen verkündet aber auch er das Gegenteil, nur nicht so ausführlich wie hier.
Deutschsprachige Bibelzitate richten sich nach Luthers Fassung von 1545 (einige neuere Fassungen ersetzen „Gevögel“ unästhetischerweise durch „Gefieder“).
Und wer andere Schöpfungsmythen kennt, die neuen Aufschluß zur Frage geben können – bitte unten posten!]

Kommentare

Ei

Kann da nur zustimmen, aber die Kausalitätskette geht so:

Osterhase - Ei - Huhn - Ei - Huhn - Ei ....

ha, der erste neue schöpfungsmythos.

heißt das, ostern gab es früher als hühner? und wenn schriftsteller aus vorchristlicher zeit eier erwähnen, meinen sie immer andere als hühnereier?

ganz recht

Ostern - also den ersten Frühjahrsvollmond - gibt es, seit der Mond um die Erde eiert. Also schon beträchtlich länger als Hühner ...

ostern ist NICHT der erste frühjahrsvollmond,

sondern der sonntag nach diesem. und auch der ist als solcher noch nicht ostern, sondern nur der ostertermin. und diese definition des ostertermins gilt erst seit ca. dem 4. jh.; das osterfest als solches (und mit selbstverständlichkeit den hasen dazu) gab es natürlich schon länger.
mithin müssen die hühner irgendwann im 1. jh. n. chr. enststanden sein.

[]

wollte man die frage nach dem "was war zuerst da?" durch eine wunderbare überwindung der artenschranke zwischen reptilium und vogerl erklären, dann ist die unterscheidung ob ein "hühnerei" ein ei aus dem popsch eines huhns oder ein ei eines heranwachsenden huhnes ist, keine verkomplizierung, sondern der einzige weg - fußend auf dieser definition - eine antwort zu geben. würde ich meinen.

nicht so gans.

es verkompliziert die ursprüngliche frage, überhaupt nach einem hühnerei zu fragen. "henne oder ei" ist einfacher zu beantworten als "huhn oder hühnerei". genau das steht oben.

und keinesfalls ging der übergang direkt vom reptil zum huhn, sondern andere vögel (archäopteryx) kamen vor dem huhn. das erste hühnerei muß also von einer henne (=vogelweibchen) gelegt worden sein. die "huhn und hühnerei"-frage beschränkt sich also auf: "war das erste hühnerei das ei, aus dem das erste huhn schlüpfte, oder dasjenige, welches das erste huhn legte?"
das ist, wie gesagt, eine frage der benennung. ich sehe nicht, woher man ein objektives kriterium dafür nehmen soll.

[]

es wurde weiter unten ja schon einiges über die kontinuierlichkeit der übergänge zwischen arten geschrieben. eben deshalb ist es absurd nach einem "objektiven kriterium" zu suchen; man muss einfach definieren, was man mit (hühner)ei meint. das löst zumindest das logische dilemma (das tatsächlich eines ist, auch wenn man's mit evolutionsbiologie wegdiskutieren mag).

Der Evolutionsbiologe

würde erwidern: Artenbildung bzw -trennung beruht auf reproduktive Isolation, und diese kann erst aus der Gegenwartsperspektive festgestellt werden. Ab welchem Zeitpunkt isolierte Varietäten untereinander keine Fortpflanzung mehr betreiben können, kann man nicht genau sagen - weil nicht bekannt ist, ob es einfach nicht passiert (etwa durch geografische Separation), oder ob die Reproduktionsmöglichkeit mangels genetischer Übereinstimmung tatsächlich nicht mehr besteht. Es kann also unter keinen Umständen genau entschieden werden, ob das erste gelegte Hühnerei /geschlüpfte Huhn wirklich eins einer neuen Art "Huhn" war oder nicht.

dennoch muß irgendwann zum

dennoch muß irgendwann zum ersten mal ein tier aus einem ei geschlüpft sein, das ein heutiger mensch "huhn" nennen würde. (natürlich aus der gegenwartsperspektive.)

das problem ist

dass man die artgrenze gar nicht scharf ziehen kann (wenn ich das richtig verstanden hab). theoretisch ist immer eine (geringe) wahrscheinlichkeit da, dass sich verschiedene arten untereinander fortpflanzen können. wenn die gendrift noch nicht so weit fortgeschritten ist, dann ist die wahrscheinlich höher. durch den graduellen übergang kann man dann eben nicht genau sagen, ob das das erste hühnerei/huhn schon eins war oder nicht, bzw. ob man überhaupt berechtigt ist, eine solche aussage zu treffen.

aber am besten eher die Fachfrau/ den Fachmann fragen.

die möglichkeit,

daß zwei tiere verschiedener (wenn auch sehr ähnlicher) art miteinander der fortpflanzung obliegen, macht immerhin möglich, daß aus dem ei des ersten huhnes etwas geschlüpft sein könnte, was wir nicht huhn nennen würden (so wie ein maultier weder esel noch pferd ist).
trotzdem: heute identifiziere ich ein huhn an einem gewissen set von merkmalen (als naiver mensch denke ich eher an schnabel und kamm, nicht so sehr an genetische muster). und irgendwann in der geschichte des universums (parallelentwicklungen auf anderen planeten nicht ausgeschlossen) kroch zum ersten mal ein küken aus dem ei, das diese merkmale hatte. war das ei darum das erste hühnerei? oder war erst das erste ei, das dieses huhn legte, ein hühnerei - was immer nachher draus schlüpfte und wie immer der vater aussah?
das heißt, gelacht hätte ich, wenn das erste huhn ein hahn gewesen wäre.

hehe

das wär in der tat lustig. aber das problem ist ja, dass zu der besagten zeit huhn und vorgängerart eben genetisch so gut wie nicht unterschieden haben, irgendwann hat dann eine trennung (zb geografisch) stattgefunden, wo die beiden separierten gruppen noch der selben art (nennen wirs mal urhuhn) angehört haben - durch die trennung haben sie sich aber genetisch auch voneinander entfernt, und irgendwann mal ist die schwelle überschritten, wo man das huhn dann als huhn bezeichnen KANN. aber das ist auf keinen fall ein abrupter übergang, wo man sagen könnte: "Genau das war das erste Ei/Huhn". und wenn man die schranke festlegt, dass das erste huhn/ei das ist mit weniger als 50% genetischer übereinstimmung mit dem urhuhn (man müsste dann auch das urhuhn wieder genau genetisch definieren), dann könnte ja der paradoxe fall eintreten, dass das küken, welches zb aus dem ersten hühnerei schlüpft, wieder mehr als 50% mit dem urhuhn übereinstimmt (wurde ja mit einem urhahn gezeugt)- dann wär das wieder kein huhn (so wie du eingangs schon angemerkt hast). also - schwierig schwierig.

ups

das ist natürlich topfen. nicht <50% genetische Übereinstimmung als mögliche Artschranke (wir haben ja auch mit affen so um die 90% gemeinsam), sondern <50% Wahrscheinlichkeit, dass die Reproduktion noch funktioniert (also eine relative Häufigkeit von 50%, die bei paarung untereinander noch nachkommen zeugen könnten - blöd ist nur, dass man das nicht weiß, weil die separierten gruppen eben sich nicht paaren). Und mit Wahrscheinlichkeiten wirds außerdem noch schwieriger, das erste ei/huhn auszumachen. Aus Wahrscheinlichkeitsangaben kann genau genommen auf das Eintreten eines Einzelfalles nicht geschlossen werden, sofern man diesen Einzelfall nicht schon beobachtet hat.
Und: Die heutigen Merkmale kann man natürlich von denen des "Urhuhns" damals sicher gut unterscheiden, nur zu dem Zeitpunkt, wo sie sich in verschiedene arten getrennt haben, eben noch nicht. ich glaub das kommt aber wieder darauf an, was für die separierung ausschlaggebend war. kann vielleicht sein, dass statt der geografischen trennung ein urhuhn eine mutation mit einem neuen merkmal ausgebildet hat, und sich einige nur mehr mit individuen gepaart haben, die ein solches merkmal haben (sympatrische artbildung). dann gäbs ein erstes ei/huhn vielleicht, obwohl das glaub ich auch nicht so ist, dass sich plötzlich _nur_ mehr neuhühner mit diesem merkmal untereinander paaren... Aber wie gesagt, besser BiologInnen zu rate ziehen...

noch besser: bei der

noch besser: bei der formulierung "henne oder ei" bleiben. "huhn oder hühnerei" bringt, wie ich sagte, nur verwicklungen - aber auch die sind von der art, daß die frage aus sachlichen gründen nicht oder extrem schwer zu beantworten ist, nicht aus logischen.

es kommt immer drauf an,

es kommt immer drauf an, wen man fragt ;-)

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