Zurück in die Zuchtkunst

archenoahDer Verein Arche Noah kämpft seit 20 Jahren für die Vielfalt der Kulturpflanzen. Ge­schäfts­füh­re­rin Beate Koller erklärt im Ge­spräch mit dem Bagger, warum Bio­diversität nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern auch der Ernährungs­souveränität ist.

Laut Welt­gesundheits­or­ga­ni­sa­tion ist die Vielfalt der Nutz­pflan­zen im letzten Jahr­hun­dert drastisch ge­schrumpft. Vor 20 Jahren hat sich an­ge­sichts dieser Ent­wick­lung der Verein Arche Noah formiert und der Er­hal­tung dieser Viel­falt ver­schrieben. Warum führt ihr diesen Kampf?
Beate Koller: Zum einen sind Menschen vom Verlust der Vielfalt persönlich betroffen: Viele Leute kennen und vermissen Obstsorten, Gemüsearten oder Kräuter, die sie früher einmal geschmeckt haben, die es aber so nicht mehr zu kaufen gibt.

Gerade private GärtnerInnen wollen sich oft selber mit einer großen Vielfalt versorgen, um mehr Geschmäcker in ihre Küche zu holen. Wir hatten vor Kurzem eine Kürbisverkostung mit 150 Sorten, darunter 30 verschiedene Butternut-Sorten, – und alle waren sie geschmacklich etwas anders – wie beim Wein! Das flößt einem schon Respekt vor der Sortenvielfalt ein.

Welche Schritte setzt die Arche Noah?
Wir vermitteln für BäuerInnen und private GärtnerInnen Saatgut und Pflanzen, wollen aber auch im Einkauf eine größere Vielfalt an fertigem Gemüse ermöglichen. Der erste Schritt ist, bedrohte Kulturpflanzen, die nicht in die Logik der industriellen Landwirtschaft passen, einmal abzusichern. Der nächste Schritt muss sein, diese Pflanzen wieder unter die Menschen zu bringen. Dafür sind auch Hausgärten jeder Größe, sogar Balkongärten, ein wichtiger Lebensraum. Es ist sehr wertvoll, wenn Menschen in der Stadt plötzlich beinahe vergessene Pflanzen wieder anbauen oder Saatgut davon gewinnen und zu MultiplikatorInnen werden.

Also ein Kampf um den Geschmack?
Es geht uns auch um die geschmackliche Komponente, aber nicht nur: Die biologische Vielfalt ist eine wichtige Grundlage für unsere Ernährung und ist ebenso wichtig für die kulturelle Vielfalt, mit der sie verbunden ist.

Welche kulturelle Bedeutung hat denn eine Vielfalt der Nutzpflanzen?
Die Pflanzen haben eine zehntausend Jahre alte Geschichte mit uns Menschen hinter sich, man kann durchaus von einer Koevolution sprechen. Dieser gemeinsamen Geschichte verdanken wir einerseits ein großes Know-how beim Anbau oder der Zubereitung. Aber die Kulturpflanzen sind längst auch fester Bestandteil unserer Kultur. Nicht nur weil die Pflanzen über die Jahrtausende den lokalen Begebenheiten sehr gut angepasst wurden, sondern auch weil um diese Pflanzen sehr viel Kultur gewachsen ist, weil sie in Begriffe oder Feste eingebunden wurden. Vielfalt der Pflanzen bedeutet auch kulturellen Reichtum.

Wie kann die Vielfalt der Kulturpflanzen zur Lebensmittelsicherheit beitragen?
Ein genetischer Reichtum ist zunächst besonders wichtig, um wieder zu einer Landwirtschaft zu finden, die mehr mit der Natur und nicht gegen diese arbeitet. Dafür brauchen wir ganz dringend eine große Biodiversität. Die Selbstregulationsfähigkeit von einem natürlichen, lebendigen System ist viel größer als jene von labilen Monokulturen, die mit sehr viel Zusatzinput wie Pestiziden oder Herbiziden gestützt werden müssen. Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass eine Landwirtschaft, die auf vielen Sorten basiert, weniger anfällig gegenüber Wetterkapriolen, Schädlingen und Krankheiten ist und damit auch weniger chemischen Input benötigt. Wir wissen allein schon aus Gründen der Energieknappheit, dass wir uns eine Landwirtschaft, die so viele Ressourcen braucht, nicht für immer leisten können.

Ist eine andere Landwirtschaft möglich?
In den Ländern des Südens ist das schon jetzt ein großes Thema und es wird auch bei uns noch wichtig werden. Der 2008 erschienene Weltagrarratbericht spricht da eine klare Sprache: Laut einer Analyse leisten nach wie vor die KleinbäuerInnen den größten Beitrag zur Welternährung. Rund 85 Prozent der Bauernhöfe weltweit sind kleinbäuerliche und nicht industrielle Betriebe. In diesen lokalen Produktionssystemen wird mit einer großen Vielfalt lokal angepasster Sorten gearbeitet. Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung stehen wir nun vor der Frage, ob man diese lokale Produktion durch industriellen Anbau ersetzt oder eben diese kleinbäuerlichen Strukturen stärkt. Laut Weltagrarrat haben wir keine Wahl: Der Bericht spricht der industriellen monokulturellen Landwirtschaft die Fähigkeit ab, den Hunger aus der Welt zu schaffen. Aber auch in unseren Breiten sollte man sich mit Pflanzen beschäftigen, die derzeit nicht so markttauglich sind. Denn es gibt durchaus auch Sorten, die mit einer gewissen Anstrengung wieder marktrelevant werden könnten, zumindest für Nischenmärkte, die Selbstversorgung und für die Züchtung.

Wie sieht die Arbeit der Arche Noah konkret aus?
Die eine Ebene ist, Saatgut und Pflanzen zu sichern und zur Verfügung zu stellen. Das allein reicht aber nicht, wenn man nicht das Wissen dazu hat, wie man damit umgeht, wie man die Pflanzen richtig anbaut und sie zubereitet. Da setzt die Bildungsarbeit an, im Arche Noah Schaugarten, bei Führungen, Seminaren, Vorträgen und unseren Lehrgängen. Bei Saatgutlehrgängen beispielsweise bringen wir Bauern und Bäuerinnen den Anbau vergessener Pflanzen näher, entwickeln gemeinsam Vermarktungsideen usw.

Wie kommen eure Bemühungen an?
Die Lehrgänge, speziell für Bauern und Bäuerinnen, werden mittlerweile in fast allen Bundesländern ziemlich stark nachgefragt. Dadurch entsteht auch ein Netzwerk von Leuten, die Erfahrungen austauschen können. Das ist sehr wichtig, weil es nicht besonders viel Literatur oder Forschungsergebnisse in diesem Bereich gibt. Da kann die Arche Noah eine sehr nützliche Vermittlerrolle einnehmen. In diesem Netzwerk wird sehr viel Information ausgetauscht. Wenn Erfahrungen weitergegeben werden, profitieren alle.

Welche Unterstützung bekommt die Arche Noah von der Politik?
Was die „späte Phase“, vor allem das Marketing entwickelter Produkte anbelangt, gibt es Fördermöglichkeiten. Schwieriger ist die Arbeit im Vorfeld, beim Erhalt der Sorten, die jetzt noch nicht als fertige Produkte vermarktbar sind. Beispielsweise bekommen wir für unsere eigene Sammlung überhaupt keine öffentlichen Förderungen. Dass man nach Ansicht von Arche Noah nicht nur auf dieser Marketingebene ansetzen sollte, habe ich auch Herrn Minister Berlakovich schon mitgeteilt. Bei der Arche Noah sind aber ohnehin die Mitglieder der Motor, weil sie selber die Mittel aufbringen und Arbeit daran setzen, das Anliegen durchzusetzen.

Über welche Erfolgserlebnisse kann sich die Arche Noah freuen?
Wir haben jahrelang mit Erdbeersorten gearbeitet und dabei auf die Mieze Schindler, eine alte, hocharomatische Erdbeersorte, als Botschafterin gesetzt, um zu erklären, worum es geht. Das hat sich bis zu einem gewissen Grad durchgesetzt, allerdings zunächst noch auf der Ebene von Feinkost und Spitzengastronomie, weil es schwierig ist, diese Beere in großen Mengen zu produzieren. Wir haben außerdem schon vor 20 Jahren sehr viel mit Kürbissen gearbeitet, als das bei den Konsumenten noch „Saufuata“ war. Da waren bestimmt auch Steine, die wir ins Rollen gebracht haben. Und ein Arche Noah-Mitglied hat die Kerbelrübe wieder in den Anbau gebracht, eine Pflanze mit einer langen Geschichte in Österreich: Im 16. Jahrhundert beschrieb sie schon der Gelehrte Clusius, irgendwann jedoch geriet sie ganz in Vergessenheit. Dank der Zusammenarbeit des Netzwerkes von Arche Noah hat ein Bauer tatsächlich wieder angefangen, diese Kerbelrübe anzubauen. Inzwischen ist diese Knolle zwar immer noch sehr rar, aber man kann sie bereits wieder vereinzelt kaufen – nachdem sie bereits vollständig vom Markt verschwunden war.

Wichtig ist uns bei unserer Arbeit aber immer eines: Die Arche Noah will nicht den Status quo erhalten, sondern dynamische Prozesse anstupsen, dass sich in Zukunft neue Vielfalt entwickeln kann. Die Erhaltung der aktuellen Vielfalt ist etwas, was wir jetzt tun müssen, weil es sonst verloren ginge. Und wir eine wichtige Lebensgrundlage verlieren würden.

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