Zwischen Kakaoduft und Hopfenaroma

die Kreuzung

Wie sich die Kreuzung von Huber- und Steinergasse mit der Ottakringer Straße ihrer Umstände erwehrt.

Kreuzungen verbinden: Da kommen Menschen aus allen Himmelsichtungen zusammen, in den Parterres der Eckhäuser pulsiert das Geschäftsleben und an den Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel treffen sich alte Bekannte. Kreuzungen bilden die Knotenpunkte des öffentlichen Lebens.
Aber es geht auch anders. Wo wohl früher eine ungeregelte Zusammenkunft dreier Straßen Platz ließ, für den gepflegten Plausch unter Nachbarn, für Straßenverkäufer, die ihre Ware anpreisen, für ein paar Bäume die schattige Plätze garantieren, da drängen heute mehrspurige Straßen und Parkplatzreihen die Gehsteige eng an die Hauswände und der Verkehr treibt auch überzeugte NutzerInnnen des öffentlichen Raums schnell wieder in ruhigere Zufluchtsorte. Eher zerschneiden die ehemaligen Lebensadern den Fleck, als dass sie die vier Häuserklippen verbinden könnten.

Baustelle und Schanigarten

"Oberflächengestaltung und Attraktivieren des öffentlichen Raumes" – so lautet der Fokus für den Umbau der Ottakringer Straße, der nun gerade, weil vor Ort ohnehin ein Fernwärmestrang neu verlegt werden muss, über die Bühne geht. Wie überall in Wien wird die Sommerzeit genutzt, die nötigsten Baustellen unter Dach und Fach bringen. Die Zeit ist günstig: Die Bevölkerungsdichte ist ferial bedingt ein wenig geschrumpft, das Wetter zu heiß, um sich aufzuregen, und die nächste Wien-Wahl noch weit entfernt – das gilt es zu nutzen und alles Ungemütliche möglichst bald zu erledigen. Die Hauptverkehrsader wird nun die halbe Zeit abschnittsweise zur Einbahn degradiert oder gleich ganz gesperrt, die Parkplätze durch große Kabeltrommeln besetzt und der Verkehr hat Mühe, sich in Sachen Lärmbelästigung gegen die Baumaschinen durchzusetzen. Also noch keine Spur von Attraktivierung.
So sieht es derzeit auch an der Ecke Steinergasse aus, dort wo tagein tagaus die Ausdünstungen der Ottakringer Brauerei und die Haselnuss-Kakao-Schwaden aus der Mannerfabrik ihren ewig unentschiedenen Kampf um die Lufthoheit austragen. Vor dem Café (Weinbar) Styxx, ist der Asphalt aufgerissen und ein Schilderwald erklärt Fußgängern, Rad- und Autofahrerinnen die neue Situation. Davon lässt sich das am Nachmittag noch spärliche junge Publikum im Schanigarten des Cafés nicht stören. Entspannt wird im Schatten einer weinroten Markise zwischen stilechten Topf-Palmen in modischen Pflanztrögen auf kroatisch oder im typischen Ottakringer Schmelztiegel-Wienerisch geplauscht und Kaffee oder Limonade getrunken. Aus der Anlage im Inneren schallt irgendetwas, was mal mehr nach House, dann wieder Pop klingt, und aus den Flachbildfernsehern strahlen die Stars diverser Balkan-MTV-Klons.

Heute geschlossen, morgen zu

Daneben gäb' es noch zwei weitere Lokalitäten, die für Manche durchaus eine willkommene Alternative zum bereits besprochenen Lokal darstellen könnten. Könnten …, wenn sie nicht geschlossen wären. Mit einem großen, dunkelgrünen Schild lockt die Ottakringer Palatschinkenbar – eine leere Versprechung aus der Vergangenheit, wie ein Blick hinter die Gardinen erweist. Wenn auch im Eingangsbereich eine einschlägige Speisekarte die Realität weiter zu vertuschen versucht, erzählen gleich daneben im Schaufenster grausam gestaltete Plakate und breite rote Schrift die aktuellere Wahrheit: NEUERÖFFNUNG. Das Interieur lässt stark auf Kebap-Imbiss schließen. Vor frischer Konkurrenz muss sich das Styxx aber noch immer nicht fürchten, ein eilig an die Tür geklebter Zettel zeigt, wie schnell- und kurzlebig das Unternehmertum in der Ottakringer Straße oft sein kann:

„Wegen Umbau
ist das Lokal
zugespert...“

Und dann gäbe es da noch ein Haus weiter das Espresso Florida, ein Wiener Relikt mit Spielautomaten, moderaten Preisen und allem Ansehen nach wohl originellem Publikum. Aber nicht an diesem Sommertag:

„Heute geschlossen,
morgen zu,
Juhu“

prangt stolz auf einem Zettel an der Eingangstüre. Und weil’s so lustig ist, in der Auslage noch eine Variante:

„ Heute geschlossen,
morgen zu,
die Crew“

Das Sommerloch zeigt seine Krallen. Hungrige müssen dennoch nicht darben, denn diagonal gegenüber wartet im zweiten Haus bereits die Hühner-Welt. Geflügel-Fleisch-Imbiss samt ihren kahlen Tischen am Gehsteig auf Kundschaft. Links davon erstreckt sich die Ottakringer Richtung Gürtel und wird ihrem Ruf als Einkaufsstraße mittels Reisebüros, Computer- und Handygeschäften sowie einem Diskont-Supermarkt gerecht. Das unscheinbar graue Eckhaus hin zur Hubergasse hingegen beherbergt im Erdgeschoß nur ein undefinierbareres Geschäftslokal. Große Schaufenster, eher leere Regale im Inneren, ein voller Schreibtisch, einige Kartons. maros nennt es sich und ein versteckt angebrachtes Firmenschild verrät seine Identität als „Immobilienverwertung GmbH“.Wandverschönerung Ob die etwas mit der Baulücke auf der gegenüberliegenden Seite Ecke Hubergasse/Ottakringer Straße zu tun haben? Dort fehlt nämlich das früher tief in die Seitengasse hineinreichende Eckhaus und eröffnet so die Sicht auf die bloßen Ziegelwände der dahinterliegenden Gebäude. Immerhin haben sich hier ein paar Kreative die Mühe gemacht, den Baustellenzaun zu überwinden und das kahle Gemäuer mit zwar optisch eindrucksvollen, aber ziemlich unlesbaren Graffitis aufzuwerten. Auf der Brachfläche herrscht noch Ruhe vor dem Sturm. Ein paar Stahlträger liegen herum, Bauholz, ein Kompressor wartet auf seinen Einsatz und vor dem Immobilienbüro macht ein Baucontainer den Gehsteig schmal.

(Warum eigentlich fasst der in der Schwester-Hauptstadt Budapest so erfolgreiche Usus, Baulücken zur Zwischennutzung in lebendige Schanigärten benachbarter Lokale zu verwandeln, hier in Wien nicht Fuß? Zu beschwerlichere Behördenwege? Verzwicktere Gesetzeslage? Einfallslosere Unternehmer?)

Synagoge, Marmelade, Wettbüro

Am Baucontainer vorbei betritt man den einzigen der drei Kreuzungs-Straßenzüge, der eine (wenn auch junge) begrünende Baumreihe aufweist: die Hubergasse. Diese ist zwar ebenso kurz wie die Steinergasse gegenüber, hat aber stadthistorisch doch ein wenig mehr zu bieten. Ein paar Blocks weiter, in der Nummer 8, stand einige Jahrzehnte der sogenannte „Hubertempel“, die Synagoge für die jüdische Gemeinde der Region. 1886 eingezwängt zwischen zwei Häuserblocks errichtet, wurde sie 1938 verwüstet und prägte als Ruine noch 32 Jahre das Straßenbild, bis sie 1970 abgerissen und durch eine gewöhnliche Wohnhausanlage ersetzt wurde. Schräg gegenüber füllen in seiner Manufaktur zwischen Gasse und Huberpark immer noch Hans Stauds Angestellte Marmeladen ab, die mittlerweile in die ganze Welt exportiert, aber auch am nahe gelegenen Brunnenmarkt verkauft werden.

Bleibt noch die bisher unbehandelte Steinergasse. Gegenüber vom Styxx vervollständigt das für jede Vorstadtstraße obligate Wettbüro das Bild mit dunkler Granitplattenfassade, fettem Namenszug und einem Publikum, das eine etwas gealterte Kopie der Cafégäste von nebenan sein könnte. Viel hat das nach Norden gerichtete Gässchen nicht zu bieten. Nur das zweite Haus auf der linken Seite, bereits am Eck zur Haslingergasse, verdient eine gewisse Aufmerksamkeit. Dort, wo auch das Diakoniewerk eine „Wohngemeinschaft für Kinder und Jugendliche mit geistiger oder mehrfacher Behinderung“ betreibt, verrät ein schmiedeeisernes Schild die Serbisch-Orthodoxe Kirche „Zur Entschlafung Mariens“. Ansonsten bleibt das in einem gewöhnlichen Wohnblock untergebrachte Gotteshaus eher unsichtbar – außer an Sams- und Sonntagen, wenn sich zu den Gottesdiensten doch beträchtliche Trauben von Gläubigen vor den Türen bilden.
Aber nicht heute – noch beherrschen attraktivierender Baulärm, geschlossene oder halbleere Lokale und der alles durchschneide Verkehr der Ausfallstraße die Szenerie.
 

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