Zwischenwelten

10 Gebote – 10 Filme: Ende der 80er-Jahre hat der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski den Dekalog verfilmt. Film Nummer acht ist ein kurzer Film über die Lüge.

Das Bild in Zofias Wohnung hängt schief. Sie richtet es zurecht, dreht die Landschaftsmalerei im goldenen Rahmen, bis sie waagrecht an der Wand hängt. Immer wieder, denn kaum hat sie sich umgedreht, einige Schritte entfernt, verrät ein Geräusch das Zurückrutschen des Bildes. In Zofias Leben gibt es einiges, das sich partout nicht zurechtrücken lässt und sie immer wieder aus dem Lot bringt. Und das, obwohl oder gerade weil sie Ethikprofessorin an der Universität Warschau ist. Eigentlich sollte sie genau Bescheid wissen über „richtiges“ Verhalten und „unrichtiges“. Aber haben nicht auch EthikprofessorInnen das Recht darauf, Unrecht zu begehen, manchmal schief zu liegen?

Die verwitwete 50-jährige Frau ist angesehen in ihrer Position als Professorin, nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Verdienste und Studien rund um vertriebene JüdInnen des Zweiten Weltkrieges.
Die StudentInnen hören ihr gebannt zu, wenn sie von Recht und Unrecht spricht. Oder darüber, dass das Leben eines Kindes über allem steht. Kein Wunder also, dass eine junge Wissenschafterin sogar extra aus Amerika anreist, um der Professorin in einer ihrer Vorlesungen zu lauschen. Elizabeta Lacan, so der Name der jungen Amerikanerin, arbeitet für ein amerikanisches Institut, wo sie das Schicksal jener JüdInnen untersucht, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben. Da sie perfekt Polnisch spricht, hat sie einige Schriften der Professorin ins Englische übersetzt, man kennt sich also – Mrs. Lacan ist für Zofia ein willkommener Gast. Zumindest bis zu jenem Augenblick, als Elizabeta Lacan während der Vorlesung beginnt eine Geschichte zu erzählen, eine wahre Begebenheit, wie sie betont:
Es ist Februar 1943, ein Winterabend in Warschau. Ein 6-jähriges jüdisches Mädchen wird von einem Versteck ins nächste gebracht. Ein junges katholisches Pärchen hat zugesagt sie zu verstecken, unter der Voraussetzung, sie lässt sich taufen. Das Mädchen und ihr Überbringer erreichen die Wohnung, das Pärchen wartet – der Mann scheint ungeduldig, nervös, geht unaufhörlich hin und her in der Wohnung. Bis seine Frau das ausspricht, was für ihn so schwierig auszudrücken ist: Sie haben sich doch anders entschieden. Sie haben lange nachgedacht darüber, aber er, Gott, sagt: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Das Mädchen zu verstecken würde nicht mit ihren katholischen Prinzipien übereinstimmen. „Noch etwas Tee?“, fragt die Frau, als der Überbringer das Mädchen an der Hand nimmt und vom Tisch aufsteht.

Zofias Gesicht scheint wie versteinert, während Elizabeta die Geschichte erzählt. Es ist sie selbst, die das Mädchen einst mit ihrer Entscheidung in den sicheren Tod geschickt hat. Das Mädchen lebt. 40 Jahre später erfolgt die längst fällige Konfrontation zwischen beiden. „Warum gibt es manche, die andere retten, und manche, die nur gerettet werden können?“, fragt Elizabeta und erinnert sich daran, wie erniedrigend es sein kann, Hilfe annehmen zu müssen. Sie kann das damals zurückweisende Verhalten von Zofia nicht verstehen. Als Zofia ihr den wahren Grund des Abweisens erzählt, wird Elizabeta bewusst, dass sie 40 Jahre lang mit einer Lüge gelebt hat.

Kieslowski geht es in seinem Film keineswegs um moralische Zurechtweisung im Sinne der christlichen Gebote. Anstatt Handlungsanweisungen á la „du sollst“ zu geben, wirft Kieslowski Fragen auf: Wo liegen die Grenzen von Wahrheit und Lüge? An welchen Prinzipien soll sich menschliches Handeln orientieren? Inwieweit kann menschliches Verhalten überhaupt verstanden und erklärt werden? Im Laufe des Films verschieben sich die Sichtweisen, was vormals „wahr“ erschien, wird als Lüge entlarvt, ebenso wie sich Personen nicht mehr als eindeutig gut oder böse kategorisieren lassen. Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen.

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