#1, Jan 07

Ausgabe 1Der Bagger ist gelb, groß und hält sich am liebsten auf Baustellen auf. Mit seinen tonnenschweren Raupen überrollt er gnadenlos überflüssig gewordene Mauern und abrissbereite Konventionen. Er gräbt an allen Ecken und Enden – wo immer seine Fahrer und Fahrerinnen ihn gerade hinsteuern. Manchmal würde er sich am liebsten eingraben, ­schockiert darüber, was er da ausgräbt. Manchmal wird er auch rot vor Zorn! Oft nimmt er aber auch nur sich selbst auf die Schaufel ... und alles was im sonst noch so in die Quere kommt. Der Bagger baut ein Fundament – wofür, das weiß er selbst noch nicht so genau. Allen anderen ist er dennoch meistens eine Armlänge voraus.

Nicht nur irgenda Zahnradl irgendwo

Bmst. Lugner

Betrachtet man die ös­ter­reichische Promi­nenz näher, findet sich unter den Reichen und Schö­nen doch tat­sächlich ein Bau­meister. Baum­eister und berühmt? Grund ge­nug für den Bagger, sich mit R. Lugner zum Ge­spräch auf einen Sa­lat zu tref­fen.

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Die Revolution

Was sie ist, und was sie nicht ist; wozu sie führt, und wozu nicht; wie schnell, und warum? Das erste und das letzte Wort (beinahe) haben Franzosen.

Am 13. Juli 1789 hatten im Pariser Hôtel de Ville die Vertreter des Dritten Standes beschlossen, eine Bürgerwehr zu bilden, um in einem Staat, in dem es nur noch Bürger ­geben sollte, die einen Bürger vor den anderen zu beschützen. Es fehlte nicht an Freiwilligen, ebensowenig an Freidenkern – alle diese waren längst in Freiheit; es fehlte den Bürgern an Waffen, und diese saßen in der Bastille – sie diente als Arsenal, kaum noch als Gefängnis der Unliebsamen. Auf ihrem Dach stand eine Anzahl durchaus einsatzfähiger Kanonen, die aber aufgrund ihrer Position nur geeignet waren, fernliegende Ziele zu treffen; zu weitsichtige Planung auf zu hoher Ebene machte den Festungsbau verwundbar gegenüber einer kritischen Masse im Bereich seiner Grundmauern. François Alexandre Frédéric de la Rochefoucauld, Herzog von Liancourt, unterrichtete Ludwig XVI. von den bedenklichen Zuständen, und als der König die berühmte Frage stellte: ­­„­Ja, ist das denn eine Revolte?“, ließ der zweiundvierzigjährige Adelssproß seine Gedanken einen Augenblick zwischen die Blätter seiner naturwissenschaftlichen Studien abschweifen und erwiderte zerstreut: „Nein, Sire, das ist eine Revolution.“ Er ahnte nicht, wie recht er hatte.

Freiheits- und Gleichheitsjahre

Zwei Tage später war es nicht mehr 1789, sondern das Jahr 1 der Freiheit war angebrochen; und nur die ersten drei Jahrestage des peinlichen Bastillesturms (zu dessen Befreiten eine Handvoll Geldfälscher gehörten, ein wegen Blutschande inhaftierter Adeliger und ein mutmaßlicher Komplize des Möchtegern-Königsmörders R.-F. Damiens) sollten wirklich am 14. Juli gefeiert werden. In den darauffolgenden Jahren, denn auch der Kalender war umgestürzt, gab es kein solches Datum, sondern stattdessen den sechsten Tag der dritten Dekade im republikanischen Monat Messidor.
Überhaupt empfiehlt es sich, sooft das Pflaster der Geschichte aufgebrochen und der Boden, auf dem man steht, gründlich umgewälzt wird, den Kalender von der Wand zu nehmen und wegzuschmeißen; er wird einem ersetzt werden, und zwar durch einen anderen. So ging es zuletzt den Einwohnern des alten Rußland, als ihnen außer dem Sturz des Zaren auch noch die gregorianische Kalenderkorrektur zugemutet wurde; zur Strafe dafür, daß sie die Oktoberrevolution noch nach julianischem Kalender durchgeführt hatten, strich man ihnen gleich elf Tage ihres Lebens, sodaß sie des glorreichen 25. Oktobers 1917 bis heute am 7. November gedenken müssen; ein schwer zumutbarer Zustand. Man versetze sich, um ihn nachzuvollziehen, nur in die Gefühlslage von Shakespeare und Cervantes, als sie beide, ohne voneinander zu wissen, am 23. April 1616 starben, Shakespeare aber um 11 Tage später, weil sein Kalender sich noch nach Julius Cäsar richtete, von dem er mehr wußte als von Cervantes. – Wo waren wir ste­hengeblieben? Beim Abschweifen.

Eine unter vielen

Liancourt, dem die Erzähler der eingangs erwähnten Anekdote geradezu seherischen Scharfblick zuzubilligen pflegen, war blind genug gewesen, nur eine Revolution zu bemerken, eine einzige; wiewohl ihm kraft seines aristokratischen Bildungsniveaus klar sein hätte müssen, daß zu gleicher Zeit eine ganze Menge von Revolutionen tobte. Auf dem Planeten Mars etwa -– überrascht das jemanden? – war eine im Gange, die noch dazu viel länger dauerte als die französische, nämlich knapp 687 Tage. Viel länger als die auf dem Merkur, denn die war in 88 Tagen vollauf erledigt, während eine auf der Venus 224 Tage und nicht ganz 18 Stunden dauerte, wo es aber immer noch glimpflicher zuging als auf dem Jupiter, dort waren es elf Komma acht Jahre. Das ist aber noch gar nichts gegen den Saturn! Dort wütete, während Liancourt sprach – halten Sie sich fest! – eine Revolution volle neunund­zwanzigeinhalb Jahre lang; immerhin noch nicht, wie auf dem erst 1781 von Wilhelm Herschel entdeckten Uranus – ogottogott! – deren vierundachtzig. Bestürzt schweigen wollen wir von den 164,8 Revolutionsjahren am Neptun, von dem der Herzog nichts wissen konnte, da man ihn (den Planeten, nicht den Herzog) erst 1846 vor die Linse bekam; und um den Leser nicht mit vielen Zahlen zu ermüden, wollen wir die jeweilige Revolutionsdauer der Zwergplaneten Ceres, Pluto und Eris (4 Jahre 219 Tage 5 Stunden, 247,7 bzw. 556,97 Jahre) gänzlich weg­lassen, da sie ja auch den Rahmen sprengen würden.

Nicht zu stellende Fragen

Wem würde da nicht schwindlig? Wer will sich da noch mit der vergleichsweise nichtigen Frage befassen, ob man lieber den Anfang oder das Ende einer Revolution als Feiertag in den Kalender aufnehmen sollte? Wir können ihn beruhigen: Die Frage stellt sich gar nicht. Es handelt sich um denselben Zeitpunkt; sobald eine Revolution endet, beginnt unerbitt­lich im selben Augenblick die nächste. Muß man aber nicht zwischen einer Revolution und der unmittelbar folgenden unterscheiden und sich wenigstens überlegen, ob man lieber den 26. Messidor feiern will oder den 7. November, auch wenn er im Oktober stattfindet? Nein, auch das ist nicht nötig. Jedes Datum kann als Beginn und Ende einer Revolution gefeiert werden, und es ist sogar egal, welches Kalendersystem man zugrundelegt – solang es nur eine Jahreslänge von ungefähr 365 Tagen vorsieht, denn wegen 6 Stunden und 9 Minuten Differenz wollen wir weiter nicht kleinlich sein.

Drehen ist nicht gleich Drehen

Auf anderen feinen Unterschieden müssen wir aber bestehen, besonders auf dem zwischen Revolution und Rotation. Es ist ganz gut möglich, daß Ludwig XVI. um seine eigene Achse rotierte, als er von Liancourt das Wort „Revolution“ vernahm; das war aber, wissenschaftlich betrachtet, eine ganz fal­­sche Reaktion von ihm (überhaupt – nein, nicht schon wieder ein Exkurs! – sind ja Revolution und Reaktion ge­­radezu ein Gegensatzpaar). Ganz bestimmt rotierte tags darauf der ­Gouverneur der Bastille, Marquis de Launay, oder was von ihm nach dem Volksansturm noch übrig war – mindestens sein Kopf, um die Längsachse der Pike, auf der er stak. Solche Rotationen begleiten zwar jede Revolution, sind aber streng von dieser zu trennen, allein weil sie zeitlich von viel kürzerer Dauer sind: man vergleiche, um beim Beispiel Mars zu bleiben, 687 Tage (Revolution) mit 24 Stunden und 37 Minuten (Rotation). Wer allzu beschäftigt damit ist, sich um seinen eigenen Mittelpunkt zu drehen, mag manchmal übersehen, daß zugleich eine größere Bewegung abläuft, und eh er sich zweimal umgedreht hat, befindet er sich, von der Revolution fortgerissen, an einem anderen Ort: wenn er zum Beispiel der Mars ist, nach einer einzigen Umdrehung bereits 2 084 918,4 km weiter als vorher.

Liancourts Lektüre

Was hatte Liancourt nur gerade gelesen, daß ihm der Begriff der Revolution im Kopf spukte? Ganz bestimmt Kopernikus’ Hauptwerk De revolutionibus orbium caelestium, denn kein anderes Buch hatte die Bezeichnung revolutio für den Kreis­lauf der Planeten um die Sonne so populär gemacht und in solchem Ausmaß das Weltbild Europas revolutioniert. Oder doch nur einen nicht näher bekannten Aufsatz über die gerade hundert Jahre alte „Glorious Revolution“ in England? Denn damals (1688/89) hatte man das Wort zum ersten Mal auf eine Umwälzung innerstaatlicher Machtverhältnisse angewandt; zwar wälzte man nur die britische Krone von einer Stirn auf die andere, indem man Wilhelm III. statt Jakob II. zwischen sie und den Thron schob, aber auch damit verdiente sich diese erste Revolution den Namen – indem sie allen weiteren das typische Merkmal vorgab, trotz allen weltbewegenden Aufwands letztlich nichts Grundlegendes zu verändern.

Der 14. Juli

Denn das muß uns klar sein: Jedes Jahr am 14. Juli um 15 Uhr MEZ startet unsere Erde eine neue Revolution, und am darauffolgenden 14. Juli um 21 Uhr 9 Minuten ist diese be­endet, sodaß die Erde wieder am selben Punkt ihrer Umlaufbahn steht wie Jahres zuvor. Dasselbe gilt auch für jeden anderen Tag und jede andere Uhrzeit: Während ich hier schreibe und Sie hier lesen, beginnt die Erde zu revolvieren, revoltiert eine Zeitlang, beendet eine Revolution und beginnt eine neue, und mit ihr revolutioniert alles, was auf ihr ist, einschließlich aller Lebewesen, vom Pottwal bis zum Wasserfloh. Sogar Frankreich. Und gleichzeitig rotiert es auch und merkt nichts davon. An demselben 14. Juli feiert man die Geburtstage von Gustav Klimt, Gerald Ford, Karel Gott und Prinzessin Viktoria von Schweden, dazu den Jahrestag der Erstbesteigung des Matterhorns (1865), der Eröffnung des internationalen Arbei­terkongresses in Paris (1889) sowie des Militärputschs gegen den irakischen König Faisal II. (1958), dazu – das Trau­rigste zuletzt – den Todestag des unvergeßlichen Clowns Grock (1959). All das völlig unberührt von der unabweislichen Tatsache der Revolution. Weiß man nichts von ihr? Doch, man lernt es schon in der Volksschule, aber dann vergißt man es. Wozu Revolution, wenn die Leute sie doch nur vergessen? Schließlich kehrt die Erde an denselben Punkt zurück, und alles bleibt beim alten. Oder etwa nicht?

„Unnütz, aber unentbehrlich“

Auch auf die Revolution darf man nicht so versessen sein, daß man darüber Bewegungen größeren Maßstabs aus den Augen verliert. Derweil die Erde im Kreis zu laufen versucht, tut die Sonne mit ca. 250 m/s dasselbe, nur auf ein anderes Zentrum ausgerichtet (das der Galaxis); indem sie das tut, reißt sie alle ihre revolutionären Mitläufer (auch und erst recht Mars, den roten) mit sich, sodaß die Erde, wenn sie am 14. Juli um 21:09 h an denselben Punkt zurückzukehren glaubt, in Wirklichkeit 7 889 535 km weiter vorne ist; und das ist doch ein ganz schönes Stück. Schon ein Grund zum Feiern.
Schenken wir einander an beliebigen Tagen zu beliebiger Stunde zur Feier der Revolution Nelken (in Portugal), Rosen (in Georgien) oder Tulpen (in Kirgisistan), und denken wir daran, daß ohne den Wechsel von Wärme- und Kältezeiten, den die Revolution mit sich bringt, alle diese Blumen nicht wachsen könnten; daß aber an dem genannten Wechsel außer der Revolution noch ein anderer Faktor wesentlich beteiligt ist: die Neigung. (Die Schrägneigung der Erdachse – oder an welche Neigung dachten Sie?)
Verleihen wir der Revolution (und allfälligen Aufsätzen über dieselbe) getrost mit den Worten Eugène Ionescos das Prädikat „inutile, mais absolument nécessaire“; aber vergessen wir dabei nicht die Sonne.

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Editorial

Der Bagger ist gelb, groß und hält sich am liebsten auf Baustellen auf. Mit seinen tonnenschweren Raupen überrollt er gnadenlos überflüssig gewordene Mauern und abrissbereite Konventionen. Er gräbt an allen Ecken und Enden – wo immer seine Fahrer und Fahrerinnen ihn gerade hinsteuern.
Manchmal würde er sich am liebsten eingraben, ­schockiert darüber, was er da ausgräbt. Manchmal wird er auch rot vor Zorn! Oft nimmt er aber auch nur sich selbst auf die Schaufel ... und alles, was im sonst noch so in die Quere kommt.
Der Bagger baut ein Fundament – wofür, das weiß er selbst noch nicht so genau. Allen anderen ist er dennoch meistens eine Armlänge voraus.

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Baggerbsen

Es wäre doch allzu langweilig, ein Rezept für ganz gewöhnliche Baggerbsen bereitzustellen, welche ja ohnehin überall erhältlich sind. Kurz erwähnen möchte ich aber, dass man in guten indischen Läden auch hier eine scharfe asiatische Abart davon bekommt, die als äußerst schmackhaft bezeichnet werden kann.
Für das Rezept hab ich mir etwas Spezielleres, aber den herkömmlichen Bagg­erbsen durchaus Verwandtes ausgesucht: Nonnenfürze!
Es handelt sich hier um eine mittelalterliche Backanleitung, die – weil fleischlos – in der Fastenzeit besonders häufig Verwendung fand.

Die Zutaten:
2 Eier
1 Eiweiß
2 Esslöffel Honig
50 g gemahlene Mandeln
100 g Mehl
1 Prise Salz
Fett oder Öl zum Herausbacken

Für die Soße:
½ l fruchtiger Weißwein
4 Eigelb
3 Eßlöffel Honig

Zuerst möge man 2 Eier, ein zusätzliches Eiweiß und 2 Esslöffel Honig kräftig aufschlagen, Mandeln, Mehl und Salz unterarbeiten und einen festen Teig daraus kneten.
Dieser Teig sollte dann ungefähr 30 Minuten zugedeckt ruhen.

Während dieser 30 Minuten ist Zeit, sich der Soße anzunehmen. Der Wein wird mit 3 Esslöffeln Honig und den 4 Eigelb unter ständigem Rühren langsam erhitzt, bis sich diese wilde Mischung leicht cremig gestaltet, und dann zur Seite gestellt und warmgehalten.
(Leider handelt es sich hier um eines dieser Rezepte, bei denen tragischerweise Eiweiße übrigbleiben, und zwar gleich 3!)

Den Teig sollte man nun fingerdick ausrollen und mundgerechte, kompakte Formen, am einfachsten Quadrate schneiden. Die so entstandenen Nonnefürze werfe man nun in siedend heißes Fett, bis sie goldbraun gebrannt sind, und lasse sie dann auf einer fettsaugenden Unterlage abtropfen.
Zum Servieren befülle man einen Teller mit ihnen und übergieße sie mit der bereits angefertigten, hoffentlich noch warmen Soße.
Wohl bekomm’s!

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Unsanft entschlummert

Was sie zuletzt gesagt hatte, die 36-jährige Selbstmörderin, werden wir wohl nicht mehr erfahren. Auf jeden Fall dürfte es von heftigen Würg-Geräuschen begleitet worden sein, zumindest der Speibspur nach zu schließen, die von der in ein Blumenmeer verwandelten Schlafkammer ins orchideenngekachelte Badezimmer führte. Eigentlich wollte sie ja nur sanft entschlummern, die erfolgreiche Schauspielerin und Exfrau von Tarzandarsteller Johnny Weissmüller, namentlich Lupe Velez, als sie 1944 75 Schlaftabletten auf einmal schluckte. Doch ihr Magen machte der Unglücklichen einen Strich durch die (Blumen-)Rechnung, für deren Begleichung sie übrigens sogar einen Kredit aufnehmen musste. Durch heftige Krämpfe und Brechreiz wieder zu sich gekommen, war sie im Badezimmer ausgerutscht und mit dem Kopf in ihre ägyptische Luxus-Toilettenschüssel geschlagen. Dort verschied die vom Pech gevögelte Selbstmörderin, qualvoll ertrinkend.
Frau Velez, die heuer ihren 98. Geburtstag gefeiert hätte, blieb durch ihren verhunzten Selbstmord zumindest die Lektüre des Baggers erspart.

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Horoskop - Jänner bis Februar 07

Für gute Menschen

guter MenschIn letzter Zeit fühlen Sie sich etwas erschöpft, ausgelaugt, ausgehöhlt und ausgebrannt – Sie empfinden eine entsetzliche Leere, die Sie in all Ihrem Tun lähmt. Daran sind einerseits die sogenannten Sterne (qualifi- und zertifizierte Astrologiekundige sprechen auch gerne von Planeten und Häusern, wobei nicht ganz geklärt ist, was diese mit jenen zu tun haben).
Andererseits sind Sie zu einem Großteil natürlich selbst daran schuld.
Lassen Sie sich aber nicht entmutigen. Sie schaffen das schon. Richten Sie sich selbst auf, indem Sie beständig den Gedanken nähren, dass Sie ja ein guter Mensch sind. Seien Sie also weiter freundlich zu Ihrer unaufhörlich schnatternden Kollegenschaft, höflich zur ­keifenden Bassena-Schreckschraube, wenn Sie das Vergnügen haben, eine solche als Nachbarin zu haben, tätscheln Sie Ihrem Kind, das Ihnen wegen akuter Pubertät neuer­dings ständig grinsend ins Gesicht spuckt, um sich anschließend zum Grasrauchen ins Kinderzimmer zurückzuziehen, den Kopf; spendieren Sie Ihrem mittler­weile stark übergewichtigen Lebensabschnittspartner ein strahlendes Lächeln zum Frühstück. Ignorieren Sie den massiven Einfluss Jupiters, der Ende Jänner auf­grund komplizierter stellarer Vorgänge für weitere Auf­reibung in Ihrem Leben sorgt – stellen Sie sich auf Konflikte ein! Besinnen Sie sich wiederum auf Ihre ­eigene Güte und wehren Sie Angreifer gekonnt ab, indem Sie Ruhe bewahren und auf diese Weise lässig die Oberhand gewinnen. Vergessen Sie nicht, die Kackratte mit einem zuckersüßen Lächeln zu bedenken!

Für schlechte Menschen

schlechter MenschAls schlechter Mensch haben Sie den Vorteil, dass Sie sich einen Dreck um andere Leute sche­ren können, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Das kann Ihnen niemand nehmen, nicht einmal Venus, die im Laufe der ersten Hälfte der dritten Jännerwoche eine interstellare Konjunktur mit dem äußersten Saturn-Ring aus dem Haus gegenüber eingeht. Sie sollten sich allerdings dennoch vorsehen, denn das alles wäre weit nicht so schlimm, wenn sich dieses ganze Theater nicht im Sternbild des kleinen Riesen-Stachelschweins abspielen würde – Ihrem Aszendenten ...! Seien Sie also auf der Hut: Jemand in Ihrer Nähe ist in dieser Zeit nicht davon abzubringen, beharrlich an das Gute in Ihnen zu glauben. Damit nicht genug, denn dieses scheinbar harmlose Miststück wird mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln danach trachten, es aus Ihnen „herauszukitzeln“. Bleiben Sie standhaft und lassen Sie sich auf nichts ein. Scheuen Sie nicht davor zurück, sich von Ihrer unfreundlichsten Seite zu zeigen, und sparen Sie nicht mit Beleidigungen. Allerdings sollten Sie aus einfachem Selbstzweck jegliche körperliche Auseinandersetzung vermeiden. Seien Sie klug und beschränken Sie sich auf rein verbale Schläge – diese tun Ihrem Opfer vermutlich viel mehr weh. Nach etwa zwei Erdenwochen haben Sie diese schwere Prüfung bestanden und können auf­atmend in die freilich schwarze Zukunft blicken.

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Tiefbau: Marzipan

Sehr geehrter Kunde!

Ich bedanke mich hiermit herzlich dafür, daß wir auch dieses Jahr wieder den Service bei Ihnen durchführen durften. Als kleiner Familien­betrieb sind wir Ihnen als treuer Kunde sehr dankbar. Diesem Dank wollen wir mit dem bei­gelegten Marzipan­schwein zu Silvester Ausdruck verleihen. Als allseits beliebter Glücksbringer denken wir, Ihnen damit eine kleine Freude bereiten zu können, und freuen uns auf unseren nächsten Besuch bei ­Ihnen im Neuen Jahr. Gerne sorgen wir auch in Zukunft dafür, dass es bei Ihnen immer richtig zieht!

Einen guten Rutsch wünscht Ihnen
Ihr Rauchfangkehrer

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Hochbau: Marzipan

Mir persönlich ging das Mozartjahr ja am Arsch vorbei. Ich gehöre nicht einmal zu den Augenverdrehern, die den Namen „Mozart“ nicht mehr hören oder sehen können und Mozartkugeln nicht mehr leiden. Diese sogenannten Mozartkugeln konnte ich indes noch nie leiden, wegen des Marzipans; diese widerwärtige Substanz vermochte es nämlich noch nie, meinen Geschmackssinn in irgend­einer Weise anzusprechen, ja, ich verabscheue sie, die nur noch äußerst entfernt, so finde ich, an die ja durchaus genießbare Ausgangszutat erinnert.
Vielmehr überrascht sie den Ahnungslosen, oftmals getarnt im Gewande harmlosen Zartschmelzenden mit noch dazu durchaus einladendem Äußeren, deren Einverleibung sich der unschuldig Naschende in freudiger Erwartung baldiger Schokoladegenüsse durch sanftes Auf-der-Zunge-zergehen-Lassen hingibt; schon in der ersten Sekunde spürt das Opfer, dass etwas nicht stimmt, und nach einem kurzen Verdachtsmoment hat es auch schon die grauenhafte Gewissheit. Vom Entsetzen gepackt und vom Ekel geschüttelt wird nun ein jeder versuchen, die schon halb im Munde geschmolzene Masse auszuspucken; seltener wird die Flucht nach vorne ergriffen und das Zeug tapfer hinuntergeschluckt. Diese Vorgehensweise ist meiner Erfahrung nach allerdings weniger empfehlenswert, wenn man bedenkt, dass allein der Anblick eines einzigen Exemplars jener Marzipanschweinderl, mit denen jährlich Hunderte und Aberhunderte von Neujahrsmarktstandln übersät sind, bei empfindlichen Marzipanhassern schon Übelkeit auslösen kann.

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Sturm über Schloss Tattergrey

Die tragische Geschichte der Lady Loretta – Teil #7

Was bisher geschah: Lady Loretta Sibelya von Knockersville, eine vom Leben bereits schwer geprüfte junge Witwe, auf Drängen ihrer Familie wiederverheiratet, wird während ihres Aufenthalts auf Schloss Tattergrey, der von fortwährenden Intrigen und falschen Verdächtigungen überschattet ist, von einem weiteren harten Schicksalsschlag getroffen, als ihr Mentor und Sponsor, Onkel Edwin, während einer Inspektion der Renovierungsarbeiten am Westflügel, deren Leitung nach dem unerwarteten Tod des Bau­herren und Ehemanns ihrer Cousine, Richard Manteroy, dem erfolgreichen Ingenieur Roger von Hampelshire übertragen wurde, auf tragische Art und Weise ums Leben kommt.

... die Tür fiel hinter ihm zu und sein Blick auf Lady Loretta, die sich auf dem Canapé ausgestreckt und, wie er mit leichtem Erstaunen feststellte, ihrer Schuhe und Strümpfe entledigt hatte. Sie musste seine Überraschung bemerkt haben. Ein beschämtes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen, als sie sich langsam aufrichtete. Wie um sich zu entschuldigen sagte sie leise: „Oh! Verzeihen Sie vielmals – ich wollte einfach nur die Beine hochlegen nach diesem ­langen Abend ...“ Sie verstummte, und mit heißen ­Wangen senkte sie den Kopf. Roger fühlte, er müsse etwas sagen, um die peinliche Stille zu überbrücken. „Lady Loretta ...,“ begann er mit heiserer Stimme, brach jedoch ab und räusperte sich. Bevor er erneut ansetzen konnte, hatte Loretta ihr dunkel umrahmtes Antlitz wieder erhoben und mit leicht schiefgelegtem Kopf, die anmutig geschwungenen Augenbrauen hoch­gezogen, blickte sie ihn nun aus trauererfüllten Augen an. Er wagte es nicht, weiterzusprechen.

Für eine Weile war nur das Knistern und ­Knacken der schweren Holzscheite im Kamin zu hören, untermalt vom Klatschen schwerer Regentropfen ans Fenster.

Lady Loretta schien ihre Fassung wiedergewonnen zu haben; ihre schlanken Hände fassten ihr Haar und strichen es leicht aus ihrem eben­mäßigen Gesicht, bevor sie sie in den Schoß legte. Für einen Moment glaubte Roger den gewohnten Stolz in ihren Augen aufblitzen zu sehen.
Schließlich brach sie das Schweigen. „Wissen Sie, Roger“, begann sie, indem sie den Blick wieder auf den Boden richtete, „dieser Tag war nicht leicht für mich. Für keinen in der Familie.“ Trotzdem sie mit ruhiger Beherrschung sprach, konnte Roger nicht umhin, ein leises Zittern in ihrer Stimme zu bemerken. Wie zerbrechlich sie wirkte, trotz ihres stolzen Ausdrucks, den sie sich sogar jetzt, allen Umständen zum Trotz, behalten hatte. Einen Augenblick lang verspürte er das starke Bedürfnis, dieses zarte Wesen sanft in die Arme zu nehmen. „Natürlich“, erwiderte er nun in verständnisvollem Ton, indem er sich langsam der jungen Frau näherte, die den Blick noch immer gesenkt hielt, „für uns alle ist es nicht einfach.“ Nun stand er direkt vor ihr. „Lady Loretta ...“, begann er abermals, leiser, aber diesmal mit Bestimmtheit, und fasste sie sanft am Kinn. Sie ließ es zu, dass er ihr zum ersten Mal seit seiner Ankunft auf Schloss Tattergrey tief in die Augen sah; bisher war sie seinem durch­dringenden Blick immer ausgewichen. Sie ­wehrte sich auch nicht gegen die einzelne Träne, die sich ihren Weg über das sanfte Rund ihrer elfenbeinfarbenen Wange bahnte. Sein Blick, in der Sonne von strahlendem Blau, im gedämpften Licht des Salons jetzt dunkel und geheimnisvoll schimmernd, berührte sie auf eine Art, die sie nicht mit Worten zu beschreiben vermochte, und in ihrem Herzen regten sich Gefühle, die sie seit langer Zeit nicht mehr empfunden hatte, nicht mehr empfinden wollte ...

„Oh, Roger ...“, stieß sie leise schluchzend hervor, ihre Brust hob und senkte sich heftig, „wenn Sie nur wüssten!“ Sanft legte er seinen Zeigefinger auf ihre weichen Lippen und ließ sich langsam neben ihr auf dem Canapé nieder. „Beruhigen Sie sich“, murmelte er, hielt einen Moment inne, in dem er sie prüfend anblickte, und küsste sie schließlich auf die Wange, wie um die Träne aufzuhalten. Lorettas mühsam errungene Fassung schmolz bei dieser zärtlichen Berührung dahin und heiß durchströmte sie mit einem Mal der brennende Wunsch, ihren Stolz aufzugeben, ihre Fassade fallen und ihrem Schmerz ­freien Lauf zu lassen und sich diesem Mann, der sie seit seiner Ankunft mit seiner ungewöhn­lichen und charmanten Art in den Bann gezogen ­hatte, leiden­schaftlich hinzugeben. Das Kaminfeuer schien plötzlich hell aufzulodern, der Regen ­heftiger zu werden, gleich dem Sturm, der in ­ihrer zer­rissenen Seele wütete und an den Grundfesten jener Mauer rüttelte, die sie über die Jahre um ihr Herz aufgebaut hatte. Roger erahnte wohl den Kampf in ihrem Innersten, denn nun zog er die Erschaudernde sanft, aber be­stimmt an sich und berührte leicht ihre Lippen mit den seinen. Sie erwiderte den Kuss erst zögerlich, dann, von ihren Gefühlen gänzlich überwältigt, ­heftiger, sein Gesicht mit beiden Händen fassend, er selbst, von Verlangen gepackt, vergrub seine Hand in ihrem Haar und beide gaben sich voller Leidenschaft einem innigen Kuss hin.

„Loretta!“

Lorettas Herz schien stehenzubleiben, als die beiden jäh aus ihrem Treiben gerissen wurden. Mit schrecklicher Gewissheit hatte sie augenblicklich die Stimme ihres Mannes erkannt, der, von den beiden unbemerkt, während ihres verbotenen Spiels eingetreten war. Sofort ließ ­Loretta von Roger ab. Vor Entsetzen wie ge­lähmt starrte sie nun ihren Gatten an, der seinerseits fassungs- und regungslos in der Tür stand. Roger war als Einziger ruhig geblieben, erhob sich nun gelassen und bewegte sich, nicht ohne seine Kleidung zurechtgerückt zu haben, mit lang­samen, bedächtigen Schritten, die Hände auf dem Rücken verschränkt, auf Lorettas Ehemann zu. „Paul“, begann er mit ruhiger Stimme und ­fixierte sein Gegenüber, während er sich näherte. Aus dem Augenwinkel sah Loretta im dämmrigen Licht des Raums etwas aufblitzen. Verwirrt blinzelte sie die Tränen aus ihren Augen. Was hielt Roger da in der Hand? War der Tod ihres Onkels wirklich nur ein Unfall? Er hatte die Tür nun fast erreicht. „Paul!“, stieß sie atemlos hervor, von plötzlicher Panik ergriffen. Im nächs­ten Moment tauchte ein greller Blitz das Zimmer für eine Sekunde in gleißendes Licht, und ohrenbetäubender Donner brachte das Gemäuer zum Erzittern! Im selben Augenblick erloschen sämtliche Lampen im Raum, sodass nur noch der schwache Schein des Feuers geisterhafte Schatten über die alten Gemälde auf den Wänden tanzen ließ. In die plötzliche unheilvolle Stille fiel ein gedämpfter Schrei, irgendwo im Haus, ansonsten hörte Lady Loretta nichts außer ihrem eigenen keuchenden Atem und das laute Klopfen ihres bangen Herzens ...

Wird Paul diesen Abend überleben? Oder hält Roger doch nur Lorettas Ehering in der Hand, den er tags zuvor am Grund des Schlossbrunnens gefunden hatte? Wir werden es nie erfahren. Der Autor musste seine Tätigkeit bedauerlicher- aber notwendigerweise wegen Spiel- oder Trunksucht aufgeben.
Lesen Sie in der nächsten „Bagger“-Ausgabe Teil 10 des beliebten Fortsetzungs-Ärzteromans ­„Diagnose: Liebe“. Wird Schwester Sara endlich zu ihrer großen Liebe finden?

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Das Maurerdekoltee

Langsam spaziere ich durch die klirrend kalte, menschenleere Nacht Wiens nach hause, eingehüllt in dicke Wollschichten. Ich bleibe stehen, um mir eine Zigarette anzuzünden und nehme ­rechts von mir ein überdimensionales Palmers-Plakat wahr, neige ­meinen Kopf nach links, um dem Windzug zu entgehen. Mein Blick fällt auf eine Baustelle, einen gelben Bagger. Und noch bevor meine Zigarette richtig entflammt ist, wird es mir schlagartig bewusst. Ich blicke zurück auf das gelbe Palmers-Plakat, dann wieder auf den nackten Bagger. Nein, wie erschreckend und oh, wie amüsant!

Rechts das mannshohe Unterwäschemodel, ein Körper in einem Hauch von Nichts. Makellos posiert er für alle und niemanden, soll Männer-und Frauenherzen zum Höherschlagen bringen, ist die fleischgewordene, äh bildgewordene Nacktheit im öffentlichen Raum.
Doch der eigentliche Wahnsinn tut sich links von mir auf:
Was der sexuellen Revolution noch blüht, hat die industrielle Re­volution mit dem Bagger lange schon geschafft. Die Erotik des Baggers ist tot. Ein Meer von Baustellen, nacktes Gelb, wo das Auge hinblickt, still posierende Raupenfahrzeuge. Und es schert sich niemand einen Dreck darum! Oft ignoriert und doch vergessen. Die goldenen Zeiten, in denen der Terminus „baggern“ noch ursprünglich war, sind längst vergangen. Wo sind all die Aktivi­sten geblieben, die solche und ähnlich erschreckende Enthüllungen an den Pranger stellten und in Nacht-und-Nebel-Aktionen verhüllten? Kann man tote Reize wiederbeleben?
Wer auch nur ein bisschen Angst um die Zukunft unser aller Sexualität hat, der solle gleich beginnen: Erschrecket und seid gereizt! Stopp dem globalen Bagger-Exhibitionismus-Wahn. Ein bisschen weniger Anstand, meine Lieben.

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