#2 - Rauch, Mai 07

RauchUnd weiter wälzt sich der Bagger auf seiner Reise durch erforschtes und unerforschtes Gebiet. An einer Stelle gräbt er diesmal tiefer: Diese Ausgabe wird sich schwerpunktmäßig um das Thema Rauch dre­hen. Angelehnt an den flüchtigen Cha­rak­ter dieser Substanz wollen wir aber frei und fröhlich von da aus weiter assoziieren und einen Bogen von der Rauchverbotsdebatte über Gedanken zu Klimaschutz und Industrie bis hin zu geheimnisvollen Rauch­waren spannen. Weiters hat sich zwischen den Kettengliedern des Baggers einiges angesammelt, was wir der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten wol­len: So wird es u.a. um Coltan, um Ballett, um kostenlos konsumierbare Musik gehen, und schließlich wird auch noch die Unendlichkeit gestreift. Des Weiteren versucht sich der Bagger erstmals im Rezensieren von Büchern, Filmen und Musik. Und beliebte Elemente, die bereits von der ersten Ausgabe bekannt sind, dürfen natürlich auch nicht fehlen: Mischmaschine, Baggerdelle, Hoch- & Tiefbau und tiefe Einblicke ins Maurerdekolleté sorgen wieder für charmantes Baustellenflair.

Winterkirschen-Ernte

Nickname: Winterkirsche
Kommt aus: Baden-Württemberg, Freudenstadt
Alter: 40
Geschlecht: Frau
Haarfarbe: dunkelblond
Augenfarbe: grün
Sternzeichen: Steinbock
Körpergröße: 180
Figur: ein paar Kilo zuviel
Ausbildung: Abgeschlossenes Studium
Geschlecht (begehrtes): Männer
[...]

Welcher Hobby-Gärtner würde sich nicht am Anblick einer prächtigen Prunus subhirtella Autumnalis Rosea – zu Deutsch: Winterkirsche – in seinem sorgsam gepflegten Blu­menhain erfreuen? Die leicht rosa getönten Blüten der ursprünglich japanischen Pflanze mögen zwar reiz­voll duften und lieb­lich anzusehen sein, doch sind die Früchte, von denen hier gesprochen wer­den soll, ganz anderer Natur. In Tei­len Deutsch­lands als Klabusterbeere be­­rüchtigt, brandmarkt man sie man­cher­­­orts auch mit Be­griffen wie Arsch­knattl, Arsch­murmel, Klabuster­perle, Kla­bus­ter­bällchen, Sessel­kirsche oder Po­­perzenkrümmel. Die made-in-Ger­many-Variante der zutiefst öster­reichischen Winterkirsche leitet sich vom Ausdruck klabustern ab, der wiederum eng mit klabautern, d.h. poltern verwandt ist und das Geräusch bezeichnet, mit dem sich ein Klabautermann bemerkbar macht. Was genau die gemeine Klabusterbeere mit diesem üblen Gesellen vieler Schnaps-durchtränkter See­manns-Garne verbindet, lässt sich nur ungefähr er­ahnen. Bestimmt ist auch sie ein unliebsamer Gast, jedoch an einem finstereren Ort, der, in Kraftausdrücken zur Geltung kommend, dem Objekt der Beschimpfung meist verbal ins Gesicht gehalten wird. Vielleicht hat der Kabarettist Hel­mut Qualtinger auch an Sesselkirschen gedacht, als er das Heurigen-Lied „Bei mir sads alle im Orsch daham“ gröhlte.
Irrtümlicherweise werden Winterkirschen in der Umgangssprache manchmal für Hämor­roiden gehalten, mit denen sie in etwa so viel gemeinsam haben wie das Gurkerl mit dem Leberkäse in einem Leberkäs’-Semmerl. Nachdem Letztere den Verdauungsapparat erfolgreich durchschritten hat, können ihre schlampig gewischten Rückstände den idealen Grundstock einer „Autumnalis Rosetta“ bilden. Gemeinsam mit Haaren, Kleidungs- und Klopapierfusseln stellen sie die Haupt-Zutaten des unliebsamen Früchtchens dar. Unliebsam deshalb, weil die Winterkirschen-Ernte eine äußerst schmerzhafte Prozedur sein kann, vor allem dann, wenn sich das Klabusterbeerchen in einem Popo-Haar verfangen- und darin verfilzt hat.
Ob die 40-jährige Single-Frau aus Baden-Württemberg, deren Inserat ich in der Partner-Börse „I love – Dating, Flirten, Freunde finden“ erhaschen durfte, einen anderen Nickname ge­wählt hätte, wenn sie wüsste, was Winterkirsche hierzulande bedeutet?
Und, wäre ihr der Bagger zu Augen gekommen, hätte sie dann in der Mischmaschine unter dem Kennwort „Klabusterbeere“ inseriert?

Diese und andere Fragen sollen in der nächsten Bagger-Redaktionssitzung bei einer Tasse Früchte­­tee Winterkirsche wohl besser nicht er­örtert werden.

weiter...

Zigarette danach

Na, haben Sie jüngst wieder mal die Zigarette danach genossen? Ehrlich? Wenn, nein, ist’s nicht so schlimm. Versteh ich total, bin selbst ja auch strikter Nichtraucher, selbiges noch mehr im Bett. Für alle jene jedoch, die die Anfangsfrage mit einem zaghaften bis überzeugten Ja beantwortet haben, gilt überraschenderweise: Sie zählen zur Minder­heit!

Selbst unter Rauchern ist laut einer Statistik die Zigarette danach ganz und gar nicht gang und gäbe. Wenn man einer Studie des Kondomherstellers Durex Glauben schenken darf, verbringen über 80% der Paare das Nachspiel mit Kuscheln. Weitere 6% legen sich gleich schlafen und immerhin 5% denken vorher zumindest noch ans Duschen. Erstaunlich hingegen, dass je­doch nur jeder Vierzehnte nach dem Sex zum Glimmstengel greift.
Und das, obwohl man von Film und Fernsehen den Eindruck gewinnen könnte, zu jedem zweiten Bettgeflüster gehört die Zigarette danach. Zu schade nur, dass ausgerechnet in „Thank You for Smoking“ das gemeinsame, genussvoll- legére Raumschiff-Schäferstündchen zwischen Tom Cruise und Catherine Zeta-Jones doch nie realisiert wurde …

Eine nützliche Sache kann die Zigarette danach indes schon haben – sehr leicht lässt sich dank ihr feststellen, ob der Nikotinhunger bereits die Oberhand in Ihrem Kleinhirn gewonnen hat. Wie? Ganz einfach, wenn Sie merken, dass Ihnen die Zigarette danach wichtiger ist als der Sex davor …

weiter...

La méchante

Die schwarze Limousine – Teil #3

Was bisher geschah: Claude und Charlotte begeben sich zum Geburts­tagsfest ihres Ziehvaters, Albert de la Gruyère. Claude, der Julie heimlich verehrt, ahnt nicht, dass sich seine Stiefschwester mit dem zwielichtigen Gaston de Mèche eingelassen hat. Das Fest findet ein unvermitteltes Ende, als Julie entführt wird; kurz darauf trifft ein Brief ein, der Albert zur Zahlung von Lösegeld auffordert.

Die Vorkommnisse des gestrigen Tages lasteten schwer auf Claudes Gemüt und die gespannte Ruhe in dem Gebäude verstärkte seine eigene Unruhe. Er saß auf seinem Bett, den Kopf hatte er in seine Hände gelegt, das Stirnhaar, als wollte er es ausreißen, zwischen den Fingern haltend; so stierte er gedankenvoll vor sich hin und ließ die Geschehnisse noch einmal Revue passieren: seine Ankunft, gemeinsam mit seiner Schwester Charlotte, die sich die Reise hindurch ernster und verschlossener gegeben hatte, als er es von ihr gewohnt war; noch bevor sie das Haus ihrer Kindheit erreicht hatten, kam ihnen schon ihre Stiefschwester auf der Auf­fahrt entgegengelaufen – Claude seufzte tief, als er Julies Antlitz im Geiste vor sich sah, ihre kühlen Augen, die den Scharfsinn dahinter erahnen ließen, die so gar nicht zu ihren kindlich ge­run­deten rötlichen Wangen passen wollten, Augen, deren niemals verträumter Blick einen gleichsam durchbohren konnte – um ihre schmalen Lippen lag oft ein spöttisches Lächeln, sodass er in ihren Gesprächen bisweilen nicht wusste, ob sie ihn ernst nahm.
Beim Empfang wirkte sie noch fröhlich und unbeschwert. Claude lächelte zärtlich, als er sie in seiner Erinnerung vor sich sah, wie sie geschäftig durch die wachsende Menge von Gästen tänzelte, hier jemanden begrüßte, da eine Bemerkung fallen ließ, von Zeit zu Zeit heiter auflachte.
Später, beim Gartenfest, war sie plötzlich aufgebracht in Richtung Straße davongestürzt. Von Sorge ergriffen war ihr Claude nach­ge­laufen, aber noch bevor er das efeuumrankte Gittertor des An­wesens erreichte, versagten ihm die Beine und er stürzte. Heftig nach Atem ringend und im Stillen sein krankes Herz verfluchend, versuchte er sich mühsam aufzurichten; schon fühlte der Erschöpfte seine Sinne schwinden. Wie aus weiter Ferne vernahm er das Geräusch zuschlagender Autotüren. Mit großer Anstrengung hob er den Kopf – zwischen den Gitterstäben des Tors vermeinte er eine schwarze Limousine zu erkennen, die mit aufheulendem Motor be­schleunigte und aus seinem Blickfeld verschwand, bevor ihn sanftes Dunkel umfing.

„Claude?“
Jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Charlotte hatte un­bemerkt den Raum betreten.
„Hast du mein Klopfen nicht gehört? Ich habe mir Sorgen ge­macht!“
Wortlos hob Claude die Schultern und fuhr fort, mit gesenktem Kopf auf den Boden zu starren. Obwohl er es vermied, sie anzu­sehen, fühlte er den prüfenden Blick der Schwester.
Schließlich brach Charlotte das Schweigen.
„Jacob hat den Arzt gerufen – keine Angst, nicht deinetwegen“, fügte sie hinzu, als der junge Mann abwehrend die Hände hob. „Dem Alten geht’s nicht gut. Die Entführung scheint ihm nicht zu bekommen. Was wohl erst passiert, wenn seiner geliebten Tochter tatsächlich etwas zustoßen sollte?“, fuhr sie leichthin fort. Sie lächelte leicht, als sie Claudes verstörtes Gesicht bemerkte.
„Wie kannst du so etwas sagen? Sie ist unsere Schwester –“, flüsterte er.
„Und Albert? Ist er vielleicht unser Vater?“, versetzte sie scharf.
Claude erschrak über die Kälte in ihrer Stimme. Verständnislos starrte er seine Schwester an.
„Claude, hör mich an. Vor einiger Zeit hatte ich eine Begegnung, die mein Leben veränderte, und deines wird sie auch verändern! Was weißt du wirklich über Albert, seine Vergangenheit? Über den Tod unserer Eltern? Dieses Haus birgt dunkle Geheimnisse, Bruder­herz!“
Sie holte tief Atem und fragte sanfter: „Willst du die Wahrheit wissen?“
Mit jedem Wort der Schwester wuchs seine Fassungslosigkeit. Die Zeit schien beinahe stehen zu bleiben, während langsam die Worte seiner Schwester, die keine Miene verzogen hatte, wie durch einen dichten Nebel zu ihm, der mit ungläubigem Gesichtsausdruck noch immer auf seinem Bett saß, durchsickerten, und immer stärker wuchs eine furchtbare Gewissheit in ihm, als er allmählich deren Sinn zu begreifen begann. Erst nach einigen Minuten bemerkte er, dass Charlotte verstummt war. Claude erhob sich taumelnd. Wortlos verließ er den Raum.

Er wusste nicht mehr, wie lange er durch den Wald gelaufen war, als er in einiger Entfernung das alte Jagdhaus erblickte. Der Weg vom Haus dorthin war jedoch weit, er musste schon stundenlang unterwegs sein. Erst jetzt bemerkte er seine eigene Erschöpfung. Eine Welle von Schwäche überkam ihn. Zornig über seine Ohnmacht ließ er sich zu Boden sinken. Gewiss war es schon später Nachmittag. Den Weg nach Hause würde er vor Anbruch der Dunkelheit nicht mehr schaffen. Vielleicht konnte er im Jagdhaus unterkommen.
Ein Geräusch in seiner Nähe ließ ihn aus seinen Überlegungen auf­fahren. Ängstlich blickte er sich um – alles war still. Jetzt ver­meinte er, vom Jagdhaus her Stimmen zu hören. Vorsichtig bog er die Zweige des Busches auseinander, hinter dem er sich niedergelassen hatte, und blickte angestrengt in die Richtung des Hauses. Zwischen den dicht belaubten Bäumen vor dem Haus sah er etwas Schwarzes schimmern – es ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren: Vor der Hütte stand eine schwarze Limousine, daneben – eine lachende Julie ...

Wird Claude dieses Abenteuer heil überstehen? Wird vor allem seine Liebe zu Julie unversehrt bleiben? Wer sind die Entführer? Wel­che Rolle spielt Julie darin? Werden wir das Geheimnis um das tragische Schicksal der Eltern des Ge­schwis­ter­paares lüften? Fragen über Fragen, die niemand beantworten kann; die Redaktion musste den Autor bedauerlicherweise entlassen, da letzterer nach dem Zursprachekommen der miesen Qualität seiner Texte handgreiflich wurde.
Lesen Sie in der nächsten Ausgabe daher wieder einen völlig neuen Schmarrn!

weiter...

Grundsteingasse 12

Der Ragnarhof schafft seit über 15 Jahren Freiraum für Künst­ler und Kunstinteressierte im sich rasch wandelnden Brunnen­marktviertel von Ottakring.

hut Im Jahr 1988 wurde das Gebäude Grund­stein­gasse 12 von dem Berliner Dr. Ragnar Mathey – einer Küns­tlernatur aus dem In­dustrieadel – gekauft. Ehe­mals beherbergte dieses Haus eine Kar­tonagenfabrik und stand bei der Übernahme kurz vor dem Abriss. Herr Dr. Mathey verhinderte dies und beheimatete verschiedenste Künstler in dem alten Industriebau. Ungefähr zur gleichen Zeit be­gannen sich auch in der näheren Umgebung in Ottakring Kunstschaffende an­zusiedeln und zusammenzuschließen, wobei der Ragnarhof immer schon einen zentralen Treff­punkt bildete.

weiter...

Rezension: Ursprung Buam – Hitmix (Nonstop)

„Gemma gemma“ – oftmals zu hörende Aufforderung und symptomatisch für dieses großartige Album, das bekannte Hits der Ursprung Buam in völlig neuem Gewand in die Ohren und die Beine der überwältigten Hörer schießen lässt! Das neuartige Konzept der Adaptierung alter traditioneller Musik in zeitgemäßer Form, auch unter Verwendung moder­ner Stilmittel (drumcomputer) geht voll auf! „Aufgeigt weacht“ und wer da ruhig sitzen bleiben kann, der hat „ka Schneid“! Ab dem ersten Ton ist klar, hier kommt „a Riesenstimmung aus dem Zillertal“ daher und wird so bald nicht aufhören, wofür das scheinbar gewagte Nonstop-Konzept garantiert, das jedoch erstaunlich gut funktioniert und keinen Durchhänger zulässt. Charismatische Stimmen, schneidige Melodien und inspirierte Texte machen dieses Al­bum der Ursprung Buam zu einem einzig­artigen Erlebnis. Ein garantierter „Kracher“ für jede Party, der auch Leute, die sich „so was“ normal nicht anhören, be­geis­tern wird. „Auf geht’s Buam, gemma, gemma!“ Dem ist nichts hinzuzufügen ...

weiter...

Rezension: Thank you for Smoking

Der Lobbyist Nick Naylor hat es nicht leicht. Allein auf wei­ter Flur muss er die Tabakindustrie ge­gen Ge­sund­heits­­­or­ga­­nisationen, besorgte Mütter und Se­­na­toren, die mit an Lun­­genkrebs erkrankten Kin­dern „be­waffnet“ in Talk­shows antreten, be­schützen.
Doch mit „moralischer Flexibilität“ von Na­­tur aus ausgestattet, sind selbst solche Schwierigkeiten leicht zu bewältigen. Und wenn es mal wirklich hart auf hart geht, kann Nick noch seelischen Beistand bei seinen Freunden vom „MOD-Squad“ (Merchants Of Death) – ihres Zeichens Beauftragte der Alkohol- und Waffenindustrie – suchen.
Es ist bemerkenswert, dass in einem ein­einhalbstündigen Film, in dem sich pausenlos alles ums Rauchen dreht, keiner der Darsteller je auf die Idee kommen würde, selbst nach einem „Vitaminstangerl“ zu greifen.
Der Regisseur schafft es, selbst bei den Nichtrauchern unter den Zusehern Ver­ständnis und sogar Mitgefühl für die arme, von allen Seiten verteufelte Tabakindustrie aufkommen zu lassen. Es klingt ja auch wir­klich plausibel, dass diese um die Gesundheit ihrer Kunden sehr besorgt ist, da tote Rau­cher bekanntlich keine kaufkräftigen Kon­sumenten mehr sind.
In einer Zeit, in der die Behandlung „ernster“ Themen oft in Moralisierungen ausartet, ist Thank You For Smoking eine erfrischende Ausnahme. Nicht durch endlose Belehrungen, sondern durch witzige und schlagfertige Dia­loge wird gezeigt, wie sehr man durch gute Rhetorik Menschen beeinflussen kann.
Was wir aus diesem Film gelernt haben: Wer raucht, wird erschossen; nur Gangstern, Psychopathen und rückständigen Europäern sei dieses Laster zurzeit noch vergönnt.
Für diese Leistung erhält Thank You For Smoking 4 von 5 Bagger-Tschik. al&ez

weiter...

Rezension: Smoke und Blue in the Face – Welcome to Planet Brooklyn

Schriftsteller Paul Auster, bekannt für seine literarischen Verwirrspiele (Stadt aus Glas, Buch der Illusionen etc.), und Regisseur Wayne Wang haben sich 1995 zusammengetan, um zwei Filme über einen Tabakladen, vor allem aber über den New Yorker Stadtteil Brooklyn zu machen.

Auggie Wren (Harvey Keitel) ist Verkäufer in einem kleinen Kiosk in Brooklyn. Smoke erzählt Geschichten von ihm und seinen Kunden und Freunden. Da gibt es den Schriftsteller Paul Benjamin (William Hurt), der versucht, den Tod seiner Frau zu überwinden, oder den gewitzten Jugendlichen Rashid Cole (Harold Perrineau Jr.) auf der Suche nach seinem Vater. Der Tabakladen ist gleichzeitig sozialer Treffpunkt wie Zentrum bzw. Ausgangspunkt der verschiedenen Erzählstränge.

Meist an Originalschauplätzen gedreht, wird die Handlung in ruhigen Bildern, mit viel Humor und großer Sympathie für jede einzelne Figur erzählt. Es ist ein Film der kleinen Schicksale und nicht der großen Helden, aber durch die zurückhaltende Kamera und das extrem gute Spiel von Schau­spielern wie William Hurt, Harvey Keitel und Forest Whitaker gehen die kleinen, auf den ersten Blick vielleicht unwichtig erscheinenden Episoden dem Zuschauer nahe. Zwischen den unterschiedlichen Episoden werden nicht zu viele unnötige Zusammenhänge konstruiert und es gibt auch am Ende kein außerordentliches Ereignis, welches alle Stränge zusammenführt, wie z.B. in Magnolia. Dafür steht am Schluss eine der schönsten Weihnachtsgeschichten, die traurigschöne Begegnung Auggies mit einer alten, blinden Frau.
Smoke ist ein schönes filmisches Beispiel dafür, wie sich im Kleinen das Große abbilden lässt. Die Episoden rund um den Tabakladen geraten zu einer verschrobenen, nichts beschönigenden Hommage an Brooklyn und seine Charaktere.

In Blue in the Face, eine Art Fortsetzungsfilm zu Smoke, gibt es weitere Szenen in Auggies Tabakladen zu sehen, die in Smoke keinen Platz mehr fanden. Vom beinahe gleichen Team in nur sechs Ta­gen gedreht, unterscheidet sich Blue in the Face atmosphärisch stark von Smoke: Die Situationskomik überwiegt, das Schauspiel ist meist improvisiert, dadurch drehen sich viele Szenen und Gespräche im Kreis, lustvoll wird Small Talk geführt. Außerdem wird mehr geraucht und noch mehr darüber geredet. So erinnert der Film in seiner lakonischen Handlung ein wenig an Coffee & Cigarettes.
Aber das Geschehen bleibt nicht auf den Tabak­laden beschränkt. Manchmal werden Interviews mit „echten“ Bewohnern von Brooklyn, die über sich und ihr Leben in diesem Stadtteil er­zählen, zwischengeschnitten bzw. wird dokumen­ta­risches Material von New York eingeblendet.
Außerdem gibt es einige amüsante Gastauftritte zu sehen: Jim Jarmusch raucht mit Auggie im Tabakladen seine letzte Zigarette und fragt sich, warum alle Nazis in Hollywoodfilmen auf die gleiche Art rauchen, Lou Reed erzählt von seinem Leben in Brooklyn und warum er sich in Schweden fürchten würde, Michael J. Fox ist verrückt und macht ebenso verrückte Umfragen („Schaust du dir deine Scheiße nach dem Kacken an, ja oder nein?“) und Roseanne ist eine unglückliche Ehefrau, die unbedingt nach Las Vegas will.

Besonders im Doppelpack sind die beiden Filme sehr empfehlenswert. Die DVD-Box mit Smoke und Blue in the Face hat aber leider außer der Selbstverständlichkeit des englischen Originaltons kein Zusatzmaterial zu bieten.

weiter...

Musik zu verschenken!

Während große Konzerne sich – besorgt um ihre armen Künstler – bemühen, das Copyright doch noch irgendwie vor den Angriffen böser illegaler, krimineller und unmoralischer Tauschbörsen zu retten, wächst – einstweilen noch still und heimlich – eine Alternative zu den traditionellen Vertriebswegen heran. Die Schlagworte: Netlabels und Creative Commons.

In der Öffentlichkeit drehte sich in den letzten Jahren alles um den Kampf zwischen Musikkonzernen wie Sony und EMI auf der einen Seite und Hompages wie die von Napster, Audiogalaxy oder Kazaa auf der anderen. Während nun die Musikindustrie und ihre Vertretungen damit beschäftigt waren, eine Tauschbörse nach der anderen in Grund und Boden zu klagen oder aufzukaufen, und mit dieser Methode eine Hydra gebahren, kroch direkt daneben noch ein weiteres Würmlein aus dem Nährboden des Internets, das sich gerade dazu anschickt, zu einem wahren Lindwurm zu werden. In den USA sind inzwischen Radiosendungen, die Netlabels-Musik spielen, keine Seltenheit mehr, Internet-Radios und sogenannte Podcasts machen das ohnehin schon des Längeren.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Musikverlegern vertreiben Netlabels, wie der Name schon an­deutet, ihre Musik vorrangig im Internet. Ein weiteres Kennzeichen ist, dass sie dies im Normalfall umsonst tun und höchstens um eine Spende bitten. Leisten können sie sich das, weil es Organisationen wie archive.org, scene.org oder sonicSQUIRREL.net gibt, die kostenlos Speicherplatz zur Verfügung stellen, weil sie von idealistischen Personen – oft selbst Musikern – geführt werden. Und weil sie mit der Creative Commons Idee eine rechtliche Grundlage gefunden haben, in deren Rahmen sie Musik ungestört von kommerziellen Interessen veröffentlichen können. Im Grunde kann jedeR ein Label gründen. Der Erfolg hängt von den per­sönlichen Marketing-Fähigkeiten, Ehrgeiz und der Qualität der veröffentlichten Musik ab.
Weil Netlabels aufgrund dieser Möglichkeiten finanziell verhältnismäßig unabhängig sind, ver­­öffentlichen sie auch in erster Linie, was ihnen gefällt, und versuchen nicht, einen Markt zu bedienen. Wohl auch deshalb und durch ihre enge Verbindung zur Netzkultur war im Allgemeinen elektronische Musik jene Richtung, die von Beginn an am stärksten vertreten war. Schön langsam halten aber auch alle anderen Stilrichtungen Ein­zug in diesen kommerzfreien Raum.
Ein Nachteil dieser fast unbegrenzten Mög­­­lich­keiten ist, dass es auch zu einem gewaltigen Wildwuchs kommt. Überall auf der ganzen Welt schießen Netlabels und KünstlerInnen die auf ihnen veröffentlichen, aus dem Boden, und die KonsumentInnen sind meist ziemlich überfordert damit, sich den Weg durch diesen Dschungel zu bahnen – was auch der Hauptgrund dafür sein dürfte, dass die Branche noch keine größere Bekanntheit und Verbreitung gefunden hat. Denn qualitativ kommerzieller Musik meist durchaus ebenbürtig, sind die Produkte an Frische, Originalität und Kostengünstigkeit eigentlich unschlagbar.
Inzwischen entwickeln sich immer mehr Pro­jekte, die versuchen, das Überangebot zu sichten, sortieren und durch überlegte Prä­­sentation einem breiteren Publikum zu­gänglich zu machen. Zum Beispiel gibt es da starfroch.ch, eine Schweizer Initiative, bei der Netlabels ihre Veröffentlichungen be­werben kön­nen. Allerdings wird die Seite von den Be­­­treiberInnen re­daktionell über­­wacht und Sachen, die ihnen nicht gefallen, werden nicht ver­öffentlicht bzw. in eine so­genannte „Shitparade” ge­­stellt. Dass Geschmack aber eben Geschmackssache ist, scheint den Betreibern bewusst zu sein. Deshalb haben sie noch eine weitere Idee geboren: Britney. Dort kann jedermensch netlabel-re­levante Neuigkeiten pos­ten. BenutzerInnen stim­­men dann über die Re­levanz der Nachricht ab; wenn eine Nachricht ge­nug Stimmen bekommen hat, wird sie auf der Britney.-Hauptseite veröffentlicht. Mehr nach dem eigenen Geschmack geht Netlabelism; auf No Error, Noiseloop oder auch Traxernews dürfen alle ihre neuen Veröffentlichungen posten, die dann nach Überprüfung online gestellt werden. Völlig unkontrolliert gehts auf netlabels.org zu, wo alle, die sich registrieren, ihre Netlabels und deren Veröffentlichungen unredaktioniert bewerben können.
Etwas anders geht blocSonic vor: Dort wird monatlich eine Kompilation zusammengestellt, die ausgewählte Musik präsentiert – samt auf­wändig produziertem Booklet und Informationen über Musik, MusikerInnen und Labels. Und zusätzlich gibt es inzwischen natürlich unzählige sogenannte Music-blogs von Personen, die aus Forscherdrang und Spaß an der Sache Netlabel-Kataloge durchforsten und dann auf ihrer Seite die Fundstücke präsentieren. Dazu gehören z.B. ccNeLaS, indieish.com, Free Albums Galore oder FreeIndie.com.
All diesen Seiten sollten den Einstieg in die Welt der legal kostenlos erwerbbaren Musik wesentlich erleichtern. Und wenn ihre Informationen erst in größerem Maß den Weg in andere Medienformate wie Zeitungen, Radio und Fernsehen gefunden haben werden, sollte eine sanfte Revolution der Musikindustrie kaum mehr aufzuhalten sein.

Bei der Recherche entdeckte Musik:

2007 Rhâââ Festival Compilation: Belgisches post-rock Festival

Lunar – Hybrid Awaken

Welcome to blocSonic: Erste und vielseitigste blocSonic-Kompilation

Porträt: Erste Veröffentlichung des belgischen Netlabels tripostal)

mazca – first hour of summer

Melissa Welch – Myopic

Dieser Artikel basiert auf einem Text, der im Jänner 2007 auf Zufall Aufnahmen erschienen ist.

weiter...

Rezension: Patrik Ouředník – Europeana

Der Autor ist ein gebürtiger Tscheche – mütterlicherseits ein Halbfranzose – und lebt seit 1985 als Schriftsteller und Übersetzer in Paris. In der CSSR arbeitete er als Lager­arbeiter, Briefträger und Sanitäter. Er übersetzte unter anderem Werke von Beckett, Rabelais, Jarry und Queneau ins Tschechische. Sein schmales Bändchen Europeana beschreibt die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ouředník ist ein ironischer Beobachter – versucht ein einziges rele­vantes Ereignis zu finden, das er nicht erwähnt! Er könnte vielen HistorikerInnen einiges beibringen: Er labert nämlich nicht. Keine eigenen Hirngespinste.
Wir erfahren nicht nur die Geschehnisse des Jahrhunderts eins nach dem anderen, sondern auch die verschiedenen Inter­pretationen: „Manche Philosophen sagen ... “ „Andere meinen wiederum ...“ Wir lesen Details über Kriege, die unsere VorfahrInnen geführt haben, über den Ursprung der Barbie­puppe und Fortschritte in der Technologie und Kultur, über Verhütung, über verschwiegene Details wie Zwangssterilisierung der Romafrauen im Ostblock, über den Holocaust und das Holocaustmahnmal in Berlin. Vom Dadaismus bis zur Postmoderne wird alles mit der gleichen Leichtigkeit und krampflosen Ironie beschrieben. Sodass wir denken können: Dieser Schriftsteller ist naiv und infantil.
Ouředník fängt mit den amerikanischen Gefallenen in der Normandie an, die aufgereiht ein Länge von 38 km ergeben würden, und endet mit der Bemerkung, dass jemand das Ende der Geschichte erklärte. Da die Menschen aber davon nichts gehört hätten, machen sie weiter, als ob nichts passiert wäre.
Immerhin wurde er – geboren 1957 – eine lange Zeit seines Lebens von der Unfrei­heit des Ostblocks geprägt; seine Sprache erinnert ein wenig an den „Guter-Soldat-Schweyck“-Autoren Jaroslav Hašek.
Geschichte ist eine tragikomische Angelegenheit, sagt er in einem Interview, sie können bei der Lektüre lachen oder weinen.
Co vám říká slovo romantismus? -- Fujtajxl.

Europeana. Eine kurze Geschichte Europas im 20. Jahr­hundert von Patrik Ouředník, 160 Seiten, Czernin-Verlag 2003.

weiter...

Rezension: Imre von der Heydt – Rauchen Sie?

Rauchen Sie?Die Crux des Rezensionenschreibens ist die Notwendigkeit, das zu rezensierende Objekt – zumindest vom Anspruch her – genauestens unter die Lupe genommen haben zu müssen, um ein adäquates Urteil abgeben zu können. Vor diesem Anspruch versagt diese Rezension ... oder nein, sie deutet einfach im Vorhinein ihr Objekt um – Arbeitstitel: die Rezension eines Covers.

Eine stilisierte Zigarette vor schwarzem Grund – Farbsymbol der geteerten Lunge oder des nichtenden Nichts, zu dem für den Raucher im Angesicht einer Zigarette alles wird – qualmt einsam vor sich hin. Natürlich lebt dieses Cover von den Gegensätzen. Der Titel, dem schon in der lockeren Kursivschrift der Schein der Mündlichkeit zu eigen ist und der wahlweise als legerer Anbaggerspruch oder freundliche Einleitung für nervige Schnorrereien dienen kann, kontrastiert mit dem rationalen Anspruch einer Verteidigungsschrift im Untertitel, die in großen, festen Lettern schnörkellos in die schwarze Wand gemeißelt sich als unum­stöß­liches Manifest geriert. Dieser Rationalität steht allerdings wieder das Objekt der Apologetik ent­gegen: die Leidenschaft, ein Begriff, der die Unhinterfragbarkeit eines zwar persönlichen, aber vitalen Bedürfnisses suggeriert und dem zugleich die Aura erotischer Anziehungskraft anhaftet – die Optik des phallusartigen, leicht nach oben stehenden Lustobjekts (wer`s mag, metaphorisiere noch den Rauch) tut ihr Übriges. Dabei adelt ja schon der Autorenname das Laster – asso­ziiert der Leser doch edle, arrivierte Salon­gesellschaften, den krassen Gegen­satz zum heutigen Paradigma des Zigaret­tenrauchers, des Gossenrauchers, der in seinen Taschen nervös nach einer Zigarette fingert, um seine Sehn-Sucht zu befriedigen. Allerdings dezent zugleich nimmt sich der Autorenname in der Form aus: kleine Schrift in zurückhaltendem Orange-Braun-Dunkelgelb – als tue der Name nichts zur Sache, als sei er nur akzidentiell, als handele es sich bei dem Buch nicht um ein persönliches Statement, sondern, wie der monumentale weiße Untertitel ja schon andeutete um unantastbare Objektivität. Ebenso unaufdringlich wie der Autorenname prä­sentiert sich der Verlag als Fußnote am unteren Rand des Covers. Unterstützt und modifiziert die Art und Weise der visuellen Präsentation je für sich genommen die Informationen in ihrer Bedeutung, so wirkt die Präsentation in ihrer Gesamtheit als eine mehr spielerische Komposition: Die Alternation von Zigarettenfilter- und Zigarettenschaftfarbe in der Y-Achse, die das Farbvorbild der leicht ver­schobenen X-Achse in der Mitte des Covers, die Zigarette, zugleich wiederholt und ironisch bricht, indem es die Kluft zwischen Grafik und Schrift sowie zwischen X- und Y-Achse scheinbar mühelos überbrückt, zeugt zum einen vom Witz und zum anderen von der Komplexität der grafischen Kon­s­truktion.
Polarisierend dürfte das Cover in gestalt­psycho­logischer Hinsicht sein, visualisiert doch die Trichter­förmigkeit, welche von der breitesten ersten Zeile bis hin zur kürzesten letzten Zeile entsteht, je nach Blickwinkel des Rezipienten entweder den sich nach oben hin ausbreitenden Rauch – Sinnbild des Freiheit suchenden Genusses – oder aber den enger werdenden Lebensweg des Rau­chers. Das Cover verspricht also Zündstoff – und zwar nicht unbedingt den, der die Zigarette zum Glühen bringen könnte, sondern vielleicht den, der das feurige Gemüt des militanten Nichtrauchers anheizen könnte.
Hält das Buch, was das Cover verspricht?
Schaun’s doch nach.

Rauchen Sie? Verteidigung einer Leidenschaft von Imre von der Heydt, 255 Seiten, Dumont Literatur und Kunst Verlag 2005.

weiter...

Seiten

RSS - #2 - Rauch, Mai 07 abonnieren