Weltuntergang … und alles lacht!

Der Weltuntergeang (Rabenhoftheater)

Am 8. Dezember hatte Jura Soyfer seinen 100. Geburtstag. Zur Feier des Tages und wohl auch weil sich's aus anderen, bekannteren Gründen gerade anbietet, wurde im Rabenhoftheater sein erstes Stück Der Weltuntergang gespielt.

Soyfer, österreichischer Schriftsteller russisch-jüdischer Herkunft, war überzeugter Marxist und nach einer sozialdemokratischen Phase ab 1934 Mitglied der damals verbotenen KPÖ. Er verfasste für verschiedene sozialistische und sozial­demo­kratische Zeitschriften politische Satiren und Gedichte und widmete sich nebenbei dem Theater. So schrieb er auch vier Stücke, die sich mit Themen wie Faschismus, Nationalismus, Humanismus, Religion oder Kapitalismus auseinandersetzten.
Am 13. März 1938 wurde er bei seinem Versuch, auf Skiern in die Schweiz zu flüchten, festgenommen und im Anschluss zunächst ins KZ Dachau, letztendlich nach Buchenwald deportiert, wo er knapp ein Jahr später am 16. Februar mit nur 26 Jahren an Typhus starb.

Der Weltuntergang beginnt faustisch im Himmel. Eine Versammlung der Planeten bespricht die neuerdings gestörte Sphärenharmonie: Seit sie vom Menschen befallen ist, gerät die Erde mehr und mehr aus dem Takt. Kurzerhand wird beschlossen den armen Mitplaneten durch eine Radikalkur zu heilen. Komet Konrad wird entsandt, um die Patientin durch eine kleine Kollision von ihrem Parasit zu befreien.

Auf der Erde erkennt Professor Guck das nahende Unheil und rüttelt die Welt mit seiner Entdeckung auf. Als er aber kurz darauf die Lösung für die Gefahr gefunden zu haben glaubt, verschließen sich im allgemeinen Endzeit-Trubel alle Ohren und Guck wird zur invertierten Kassandra: Solange er Unheil prophezeit wird er gefeiert und umworben. Für einen Heilsbringer haben diejenigen, die mit Angst und Feindbildern Geschäfte machen, keine Verwendung.
Im Rabenhoftheater wurde das Stück für die apokalyptische Gegenwart frisch adaptiert. Ein rechter Volkstribun versucht den Professor zu vereinnahmen und sieht im Kometen eine Waffe des Islams. Das Fernsehen ist mit seinen Einschaltquoten beschäftigt und hat keinen Sendeplatz für dringende wissenschaftliche Aufklärungsarbeit. Die Wirtschaft fürchtet um ihre aus Hamsterkäufen resultierenden Mehreinnahmen, sollte Guck eine Lösung präsentieren. Der Staat, vertreten durch Regierung, Bundespräsident und Förderwesen, ist in seiner Handlungsfähigkeit durch Standesdünkel, Unfähigkeit und Bürokratie vollkommen gelähmt. Die Kirche wagt nicht in Gottes Wille einzugreifen und konzentriert sich aufs Beten.
In der multimedialen Neuauflage samt Rock-Band und Fernsehertürmen auf der Bühne würzt Regisseur Roman Freigaßner das Stück mit einer gehörigen Portion Situationskomik und Tagespolitik-Pointen. Seitenblicke-Celebrities kommentieren verblödet das nahende Ende. Rechte Recken pflegen ihr Ego genauso wie ihre Feindbilder. Gewinnsüchtige Unternehmer schwören auch in Krisenzeiten auf den Erfolg der Aktie. Die Politik präsentiert sich nahe der geistigen Umnachtung vollkommen unfähig, die Situation ansatzweise richtig zu analysieren, geschweige denn darauf zu reagieren.
Kein Wunder bei dieser Themendichte, dass die inhaltliche Beschäftigung sehr an der Oberfläche bleibt. Mediale Reizwörter, Bilder und Personen, bekannt aus Funk und Fernsehen, sollen auf der Tribüne für die entsprechenden Konnotationen und Lacher sorgen.
Und das Publikum zeigt sich dankbar und leicht zu befriedigen. Am Äußeren gemessen wohl großteils aus bürgerlichem Hause, nach der Örtlichkeit zu schließen womöglich aus sozialdemokratischem stammend, sicherlich überdurchschnittlich gebildet und großteils gut situiert, lacht es am lautesten, wenn sich jemand traut, das böse Wort „Neger“ auszusprechen oder wenn ein Geistlicher das Wort „warm“ in den Mund nimmt. Tosender Applaus am Ende, die Leistung der SchauspielerInnen, die es meistern, zu viert eine ganze Menge an Personen in schnellen Wechseln darzustellen, wird gewürdigt. Die Band (Das Trojanische Pferd), die die gesamte Spielzeit auf der Bühne zubringt und die Lieder Soyfers gekonnt vertont, findet Gefallen.
Ein Erfolg? Eine Frage des Anspruchs. Die Vorstellungen sind ausverkauft; das Publikum scheint zufrieden mit dem Gebotenen. Soyfer aber verlangte – wie Bertolt Brecht – eine Politisierung der Bühne. Schauspiel sollte nicht nur unterhalten, sondern Kritik üben, zum Nachdenken anregen und gesellschaftliche Missstände aufdecken.
Der Weltuntergang im RabenhoftheatherMan könnte nun dem Regisseur vorwerfen, er habe mit seiner aus dem Fernsehen adaptierten, doch recht platten Gag-Kanonade die wahre Intention des Drehbuchautors verschleiert, aber im Grunde hält auch die aktuelle Adaption des Stückes dem Publikum den Spiegel vor. Allein, das Auditorium scheint nicht fähig oder Willens zu sein, die sehr wohl vorhandene kritische Stimme Soyfers neben dem kabarettistischen Marktgeschrei zu vernehmen. Das durch politische Realsatire gut konditionierte Publikum ist sowohl über den Punkt der Empörung als auch über den der Resignation längst hinweg und lässt sich einen Abend lang unbeschwert unterhalten. Man amüsiert sich über die zum hundertsten Mal dargestellten Polit-Gaunereien, Aktiengeschäfte, Korruption und Freunderlwirtschaft und trinkt danach noch ein Gläschen an der Bar (womöglich von demselben Champagner, den auch die flüchtenden Millionäre im Stück nicht missen wollen, wenn sie versuchen, in den Weltraum zu entkommen). Politisches Kabarett als Überdruckventil; keine politisierte Bühne, sondern die Politik als Spektakel, als Unterhaltungskonsumgut, das einem für ein paar Stunden gegen Geld Vergnügen bereitet. Die eigene Fratze, die einem das Stück vor Augen führen sollte, kennt man schon zu gut; man hat sich arrangiert mit ihr, ja, sie vielleicht sogar mögen gelernt. Das Publikum im Rabenhof wird quasi zum Abbild der im Stück gezeichneten ignoranten Gesellschaft, die in all ihren Segmenten viel zu sehr mit den eigenen Sorgen, Problemen und Partikularinteressen befasst ist, als dass sie sich um eine größere Gesamtsituation kümmern könnte. Das ist es auch, was Soyfers Menschenbild ausmacht: Nicht seine Natur, sondern seine Lebensumstände und ihre Zwänge sind es, die den Menschen besorgt und kleinlich und für gefährliche Ideologien anfällig machen. Diese zu verändern sah er als die Aufgabe seines politischen Theaters.

Wir sind das schlecht entworf'ne Skizzenbild
Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt.
Ein armer Vorklang nur zum großen Lied.
Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!
(aus „Lied des einfachen Menschen“, Jura Soyfer 1936)

Gut 70 Jahre später haben die im Stück angesprochenen systemischen Probleme, teils nach wie vor, teils wieder ihre Aktualität, und das Publikum stimmt kopflos in den Trubel der auf der Bühne skizzierten Gesellschaft mit ein. Warten wir besser noch ein wenig länger damit, uns „Menschen“ zu nennen.

Weitere Vorstellungen:
17., 20., 23. und 24. Jänner jeweils um 20 Uhr im Rabenhof.

Verknüpfungen:

Kommentare

Hah!

Danke, Veit :-)
irgendwann muss sich's bei mir ausgehen ....
caaayam - Jan

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.