Abrissbirne

birneGeistlose Schlusskolumne beliebigen Inhalts.
Mal skurril, mal makaber, ein ander Mal zynisch oder gar schmutzig.

Durch ihre Lebensnähe für den/die Leser/in ungefähr so erquickend wie zwei bräunlich-ranzige, halbvergessen-gärende Bananen in einem alten, speckigen Schulranzen.

Onkel Brilli

Neben Onkel Michi und früher Onkel Thomas ist mir seit jeher Onkel Brilli der Lieblingsonkel.
Eigentlich ist er ja gar nicht mit mir verwandt. Aber dazu später ausführlicher.
Was wir nicht schon alles gemeinsam erlebt haben, Onkel Brilli und ich.
Wir waren auf Reisen, in Indien, Paris und Griechenland, sind quer durch den Balkan gebraust, bis nach Istanbul und noch weiter in den Süden hinunter.
Über Onkel Brillis Vorfahren weiß ich nicht viel, außer, dass sie sich früher gern in der russischen linken Szene herumtrieben. Soweit ich weiß, standen sie Lenin und Trotzki nahe, später aber konnte man sie im Dunstkreis amerikanischer Prominenter sehen. Ich sage nur Janis Joplin.

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Das Fußbad Jesu

Zum ersten Mal unangenehm aufgefallen waren sie ihm bei einer Hochzeit in Kanaa, Galiläa, auf der er und seine Apostel zu Gast waren.
„Was stinkt denn hier so, ist etwa ein Aussätziger unter uns?“, frug sich in seinem Geiste Jesus, der gerade dabei war, Wasser in Wein zu verwandeln.

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Sechshundertsechsundsechzig

4.793.665, 4.793.666,…
Bei solchen Zahlenungetümen können die Schafe nur noch in Zeitlupe über den Zaun springen, wenn er sich verzählt, müssen sie wieder zurückhüpfen, verkehrt und mit dem Hintern voran.
Verdammt, verflucht, wo war ich denn jetzt?
Er versucht an was andres Einschläferndes zu denken, doch das Einzige, das ihm einfallen will, ist seine Großmutter, wie sie ihm, während er in ihrem Schoß liegt, grob in den Haaren herumzupft. Er grummelt, tastet im Dunkeln zum Lichtschalter, erwischt dabei das Glas auf dem Nachttisch.
Herrgottnocheinmal.

Licht an, Schlafbrille hoch. Blutunterlaufene Augen blinzeln verärgert in den grimmigen Schein der Nachttischlampe. Alles voll Bloody Mary, seinem SchlaftrunkErstmal ein Schluck Absinth aus dem Flachmann, bevor er die paradeisige Ferkelei aufwischt, dann greift er zur Nachtlektüre, Rushdies „Satanische Verse“, mit fünfzackigem Pappstern als Lesezeichen auf Seite 429. Auf Seite 666 ist er genauso wach wie davor. Er stöhnt, versucht es nun mit autogenem Training. Also, Licht aus, Schlafbrille auf und schon wird der rechte Arm ganz schwer …
Im Moment tiefster Entspannung geht sein Radiowecker an, eine plärrende Black Metal Grunzstimme jagt ihn aus dem Bett. Der Gehörnte, dem nicht die Frau, sondern der Schlaf fremdgeht, humpelt ins Bad. Zähneputzen. Wie das Pendel eines einschläfernden Hypnotiseurs baumelt ihm sein Schlafmützenzipfel vor der krummen Adlernase. Ein hässliches Gesicht, das ihn da im Spiegel angurgelt, eine richtige Krampusfratze. Von dämonischem Funkeln in seinen Augen keine Spur, nur nervöses Zucken und Zwinkern über geschwollenen Tränensäcken. Den widerlichen Körpergeruch muss er mit noch viel widerlicheren Duftwässerchen übertünchen. Heute lieber nicht duschen, gestern hat er sich den Schwanz in der Duschtür eingezwickt, der tut ihm jetzt noch höllisch weh. Apropos „höllisch“, die Arbeit wartet schon.
Zum Teufel mit ihr!
Andere würden sich freuen über eine Stellung in seiner Position – eine richtige Führungsposition. Leiter einer Art Internierungslager unter tropisch-heißen Arbeitsbedingungen. Bei der Hitze kann ja keiner mehr klar denken. Und erst der Gestank. Das zehrt an der Substanz.
Sein zweites Standbein, das weniger stark behaarte, ist ihm noch mehr verhasst. Als Vertreter muss er Menschen tagtäglich mit diabolischen Lügengeschichten verführen und ihnen Verträge aufschwatzen, die ein späteres Wiedersehen, also noch mehr Arbeit garantieren. Zwischen seinen Terminen bleibt meist nur kurz Zeit, den Sodbrand in seinem Magen anzufachen:
Einmal Kebab mit Scharf, teuflisch scharf, bitte.
Erst spät des Nächtens hinkt er dann jedes Mal wieder nachhause, in der Regel völlig abgespannt, der arme Teufel. Nein, das will er heute alles nicht. Also lieber zurück ins Bett, Schlafbrille auf, Decke zwischen die Beine. Eine neue Runde schlafloses Grübeln und stundenlanges Herumwälzen. Wieder mal 24 Stunden hellwach. Genauso wie gestern und vorgestern, die letzten Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte davor.
Denn es stimmt wirklich:
Der Teufel schläft nie.
(Nicht einmal der Bagger als Nachtlektüre kann ihm helfen).

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Eine Palatschinke für Billy Corgan

Frontmänner einer Rockgruppe können ganz schön heikel sein, zumindest was das Essen meiner Mama betrifft…

Das hab ich vor Jahren herausgefunden, ich glaub es war 1996 im Wiener Messepalast, auf einem Konzert der Smashing Pumpkins.
Ein saugeiler Gig, trotz der vielen strengen Securities, die einen weder stagediven noch auf der Bühne tanzen ließen.
Nur ein einziges Mal an diesem Abend waren sie unaufmerksam.

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Bekackt

Cello Tausend Schilling waren viel Geld damals, im Jahr des Staatsvertrags der Zweiten Republik. Österreich, besser gesagt die politische Vertretung des Landes, arbeitete in jenen Tagen emsig daran, die schon viel zu lange belagernden Besatzungsmächte höflichst hinauszukomplimentieren.
Meine Oma jedoch hatte ganz andere Sorgen. Mit Hinkebein – eine Kriegsverletzung – und Kinderwagen mit frisch geschlüpftem zweitem Balg humpelte sie tagtäglich durchs Nachkriegs-Wien, die Zeit totschlagend, auf dass ihr Mann, das liebe Viecherl, endlich wieder heimkomme. Da und dort gustierte sie und feilschte mit ihrem polnisch-raunzigen Akzent, den sie in den rund 15 Jahren seit ihrer Flucht aus Krakau noch nicht abgeschüttelt hatte (und auch später nie ganz loswerden würde).

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Animalische Wiederbetätigung

„Heil Hitler“, grüßt Adolf gehorsam den Polizisten, wortlos zwar, doch mit gestreckter rechter Gliedmaße und treuem Blick. Daneben kommandiert Roland T., ein Berliner in Frühpension:
„Los Adolf, mach den Gruß!“. Adolf verharrt folgsam in seiner Haltung.
„Wenn Sie nicht sofort aufhören, dann muss ich Sie festnehmen“, wird es dem Polizisten langsam zu viel.

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franzi

Zum ersten Mal ward mir Franzi ansichtig geworden, als ich am Klo saß. Franzi krabbelte im weißen Fransen-Teppich, der die Füße beim Toilettgang zu wärmen pflegt. Franzi war allein. Klein, schwarz und wie ein Igel, mit schwarzen Borsten oder Stacheln, die seinen winzigen Körper bedeckten.

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Ach du dickes Ei!

Da ist sie, die besinnloseste Zeit des Jahres. Dick vermummte Menschen im Kaufrausch. Von Glühwein geplatzte Äderchen, mit Schokoglasur geäderte Plätzchen und anderes Backwerk, bis zum Erbrechen. Überall riecht’s nach Häuselspray, Geruchsnote Tannenduft.

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Agnostische Kryptoparalogie

abgerissene Birne Manche Leute sagen, es gibt Gespenster. Manche Leute sagen, es gibt keine Gespenster.
Ich aber frage: Was ist eigentlich mit dem viel interessanteren Mongolischen Todeswurm? Gibt es den?

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Winterkirschen-Ernte

Nickname: Winterkirsche
Kommt aus: Baden-Württemberg, Freudenstadt
Alter: 40
Geschlecht: Frau
Haarfarbe: dunkelblond
Augenfarbe: grün
Sternzeichen: Steinbock
Körpergröße: 180
Figur: ein paar Kilo zuviel
Ausbildung: Abgeschlossenes Studium
Geschlecht (begehrtes): Männer
[...]

Welcher Hobby-Gärtner würde sich nicht am Anblick einer prächtigen Prunus subhirtella Autumnalis Rosea – zu Deutsch: Winterkirsche – in seinem sorgsam gepflegten Blu­menhain erfreuen? Die leicht rosa getönten Blüten der ursprünglich japanischen Pflanze mögen zwar reiz­voll duften und lieb­lich anzusehen sein, doch sind die Früchte, von denen hier gesprochen wer­den soll, ganz anderer Natur. In Tei­len Deutsch­lands als Klabusterbeere be­­rüchtigt, brandmarkt man sie man­cher­­­orts auch mit Be­griffen wie Arsch­knattl, Arsch­murmel, Klabuster­perle, Kla­bus­ter­bällchen, Sessel­kirsche oder Po­­perzenkrümmel. Die made-in-Ger­many-Variante der zutiefst öster­reichischen Winterkirsche leitet sich vom Ausdruck klabustern ab, der wiederum eng mit klabautern, d.h. poltern verwandt ist und das Geräusch bezeichnet, mit dem sich ein Klabautermann bemerkbar macht. Was genau die gemeine Klabusterbeere mit diesem üblen Gesellen vieler Schnaps-durchtränkter See­manns-Garne verbindet, lässt sich nur ungefähr er­ahnen. Bestimmt ist auch sie ein unliebsamer Gast, jedoch an einem finstereren Ort, der, in Kraftausdrücken zur Geltung kommend, dem Objekt der Beschimpfung meist verbal ins Gesicht gehalten wird. Vielleicht hat der Kabarettist Hel­mut Qualtinger auch an Sesselkirschen gedacht, als er das Heurigen-Lied „Bei mir sads alle im Orsch daham“ gröhlte.
Irrtümlicherweise werden Winterkirschen in der Umgangssprache manchmal für Hämor­roiden gehalten, mit denen sie in etwa so viel gemeinsam haben wie das Gurkerl mit dem Leberkäse in einem Leberkäs’-Semmerl. Nachdem Letztere den Verdauungsapparat erfolgreich durchschritten hat, können ihre schlampig gewischten Rückstände den idealen Grundstock einer „Autumnalis Rosetta“ bilden. Gemeinsam mit Haaren, Kleidungs- und Klopapierfusseln stellen sie die Haupt-Zutaten des unliebsamen Früchtchens dar. Unliebsam deshalb, weil die Winterkirschen-Ernte eine äußerst schmerzhafte Prozedur sein kann, vor allem dann, wenn sich das Klabusterbeerchen in einem Popo-Haar verfangen- und darin verfilzt hat.
Ob die 40-jährige Single-Frau aus Baden-Württemberg, deren Inserat ich in der Partner-Börse „I love – Dating, Flirten, Freunde finden“ erhaschen durfte, einen anderen Nickname ge­wählt hätte, wenn sie wüsste, was Winterkirsche hierzulande bedeutet?
Und, wäre ihr der Bagger zu Augen gekommen, hätte sie dann in der Mischmaschine unter dem Kennwort „Klabusterbeere“ inseriert?

Diese und andere Fragen sollen in der nächsten Bagger-Redaktionssitzung bei einer Tasse Früchte­­tee Winterkirsche wohl besser nicht er­örtert werden.

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