Literatur

Für immer ich

gui gui cover

Mit seinem Debütroman „Gui Gui oder Die Machbarkeit der Welt“ hat Hubert Weinheimer bewiesen, dass er auch lange Formate durchgehend überzeugend gestalten kann.

Der Titel, mit dem eine vorläufige Begegnung mit diesem kompakten Text anfängt, nimmt das Motiv vorweg, das in der Kunst des zugereisten Oberösterreichers vorherrschend ist; die Zweischneidigkeit, eine Polarität von Aussagen, ein Kontrast, der an den Pranger gestellt und auf die Spitze getrieben wird. „Chanson-Punk“ verschränkt als angeführte Genrebezeichnung Weinheimers Band „Das Trojanische Pferd“ zwei disparate Attribute. „Gui Gui“ wirkt wie ein Nonsense-Wort und erinnert an den Dadaismus, während „Die Machbarkeit der Welt“ streng philosophisch anmutet und von Schopenhauer stammen könnte. Scharfdumm nennt man solche Verschränkungen, oder, um die Referenzen weiterzutreiben, bittersüß, wie ein Songtitel des letzten Albums lautet. 

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theoral

thoral #4

Das Konzept der Serie Baggers Konkurrenz ist ja genau genommen: Welchen Schriftwerken könnte der Bagger an einem gewissen möglichen Ablagerungsort noch begegnen. Wenn auch der besagte Ort in diesem Fall doch etwas unpassend erscheint, wollen wir uns doch ein wenig diesem interessanten Machwerk widmen - wo auch immer wir uns gerade befinden.

Wir sprechen von theoral - eine Kleinbuch-Serie mit dem selbsterklärenden Untertitel: oral music history and interesting interviews.  Auf der projekteigenen Homepage wird das folgendermaßen ausgeführt:

Es ist unser Ziel, einen ständig wachsenden und sich formenden corpus von meist nur mündlich überlieferter Geschichte der creative music (improvisierte, experimentelle, Neue, Jazz, &c. Musik) zu schaffen. Wir treten aber nicht als Autoren auf, sondern übergeben – in Form von Gesprächen – das Wort an jene, die diese Geschichte lebten und leben.

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"Vorerst gescheitert"

„Vorerst gescheitert“: Karl Theodor zu Guttenbergs Interview mit Giovanni di Lorenzo, erschienen im Herder Verlag, 2011

Die Wellen schlagen hoch wenn die Rede auf den früheren deutschen Verteidigungsminister zu Guttenberg kommt. Sein Interviewbuch löste nicht nur bei der Leserschaft der „Zeit“ Empörung aus – dort aber besonders viel. Denn sein Interviewpartner war Zeitchefredakteur Giovanni di Lorenzo, der einen Vorabdruck in der Hamburger Wochenzeitung veröffentlichte und hier auf wenigen Seiten das „best of KT“ präsentierte. Dem akademischen Publikum der Zeit missfiel das Rampenlicht, das dem aus allen Ämtern ausgeschiedenen Expolitiker zuteil wurde. Man vermutet in Lorenzo einen Steigbügel-Halter für Guttenbergs politisches Comeback.

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„With god on our side“ (J.Baez)

kath. Abenteuer

Der vielen Menschen vertrauten Suche nach einer das Leben bereichernden Spiritualität nimmt sich der Journalist Matthias Matussek in seinem Buch „Das katholische Abenteuer“ auf befremdende Weise an – und schlittert „provokativ“ in Selbstgefälligkeiten. Eine Distanzierung.

Es war auf Anhieb ein Bestseller. „Das katholische Abenteuer“ von Matthias Matussek. Der Spiegel-Autor fühlte sich in seinem Buch, das letztlich nur eine lose Artikelsammlung ist, dazu berufen, die katholische Kirche zu verteidigen. Gegen innere und äußere Feinde. Gegen die lauen Gläubigen, die keine aktiven Kirchenmitglieder mehr sind und lediglich Kirchensteuer abführen. Gegen die klischeehaft fanatisch dargestellten „Gotteskrieger des Islams“. Mehrmals negiert er „provokativ“ die Aussage seines Bundespräsidenten Christian Wulff: „Der Islam gehört zu Deutschland“.

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Michael Hampes naturphilosophische Betrachtungen

Tunguska

Der Zürcher Philosophieprofessor Michael Hampe hat ein neues Werk vorgelegt. Und es ist ein durch und durch eigenartiges Buch. Denn es spielt geschickt mit den Erwartungen der Leser. „Tunguska“ heißt es. „Oder das Ende der Natur“. Das Cover zeigt ein auf Grund stehendes Boot in einem versteppten Gebiet – soll das Anspielung auf den Aralsee sein? Dadurch Sinnbild unseres problematischen Naturbezuges?

Der Titel Tunguska verweist auf ein Naturereignis in Sibirien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, für das es noch immer keine eindeutige wissenschaftliche Erklärung gibt. Will Hampe uns neue Beweise für eine der bestehenden Theorien liefern, oder stellt er seinen eigenen Zugang zum Geschehen dar? Oder ist er gar ein verkappter Apokalyptiker, der mit der Trias Titel, Untertitel und Cover unkt: „Unser aller Ende ist nah“? So recht kann man das auch nicht beantworten, wenn man ins Buch hineinliest. Viele Motti stiften eher noch mehr Unsicherheit und Verwirrung.

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Lieber Johannes Paul I.!

Durch Zufall ist mir Dein Buch „Ihr ergebener Albino Luciani. Briefe an Persönlichkeiten“ in die Hände gefallen und ich war begeistert von Deinen Briefen – und schreibe Dir nun selbst einen :-) !

Ich habe bis vor Kurzem nichts von Dir gewusst. Und ich weiß, dass Du mir das nicht übel nimmst – denn wie hätte ich denn auch von Dir wissen sollen? Schließlich warst Du nur ganz kurz Papst und das im Jahre 1978 – also lange bevor ich auf die Welt gekommen bin. Ich kannte nur Deinen polnischen Nachfolger, der Deinen Papstnamen fortführte und eben der zweite Johannes Paul war. Von Dir hat mir niemand erzählt – aber zum Glück gibt es in unseren Tagen das „Internet“, in dem man vieles schnell nachlesen kann. Das, was ich in der „Wikipedia“ über Dich las, „gefiel mir“.

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Parallelen

Haruki Murakami – 1Q84

Ein silbergraues Ungetüm besetzt schon seit Wochen den Platz auf dem Nachttisch. Mehr als tausend Seiten stark hat es schon beinahe biblische Ausmaße. Doch das soll erst der Anfang sein: Der Band enthält die ersten zwei Bücher, das dritte wird voraussichtlich im Oktober erscheinen. Dumont hat das Mammutwerk des Japaners anständig verpackt: Giftgrün prangt der Name des Autors von allen Seiten des Einbandes.
Der Inhalt der Neonbibel steht der Aufmachung dann auch um nichts nach. Für alle, die mathematische Klarheit schätzen oder sich mit Struktur klassischer musikalischer Arrangements identifizieren können, wird dieses Buch eine Freude sein. Für alle anderen auch, denn der glatte Stil und die hervorragend gezeichneten Spannungsbögen lassen Leser_innen sofort in die Geschichte eintauchen.

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Francois Lelords „Beinahe normale Fälle eines ungewöhnlichen Psychiaters“ (2011)

Nach all den „Hector“-Romanen erschien nun erstmals im Piper Verlag das Debüt „Das Geheimnis der Cellistin. Beinahe normale Fälle eines ungewöhnlichen Psychiaters“ (frz. Original 1993) des Bestsellerautors und praktizierenden Psychiaters Lelord auf Deutsch. Ein kritischer Lesebericht.

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Geschichte einer Selbstfindung durch Liebe und Liebesleid

Die Farben der GrausamkeitEin den Atem stocken machendes Buch ist dem Südtiroler Schriftsteller Joseph Zoderer gelungen – er nennt es „Die Farben der Grausamkeit“, 2011 erschienen im Haymon Verlag.

Richard ist das was man gemeinhin einen glücklichen Menschen nennt. Der erfolgreiche Journalist ist mit einer schönen ihn verstehenden Frau verheiratet, ist Vater zweier Söhne und erfüllt sich den Lebenstraum eines Rückzuges aufs Land. Gemeinsam mit Frau und Kindern baut er ein altes Bauernhaus um, restauriert es liebevoll, schafft sich ein Refugium im Grünen, im Stillen. Zwar muss er täglich zum Arbeiten in den Lärm der Hauptstadt zurück, aber dort wartet auch seine Geliebte, die ihm das Gegenteil seiner ihn ruhig machenden Landexistenz gibt: Leidenschaft, das Gefühl grenzenloser Freiheit und der uneinholbaren Süße des Lebens.

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Neue Keramik

Gerade bei den wohlhabenden, bereits pensionierten Eltern von schnöseligen Freunden zu Gast überkommt einen des öfteren ein dringendes Bedürfnis und infolge die Notwendigkeit, einen gewissen Ort aufzussuchen. Und auch in solchen Haushalten könnte – gleich neben dem Klobesen, der stilsicher in einer weißen Porzellankatze Zuflucht gefunden hat – ein goldener Messingzeitungständer mit gut sortierter Lektüre für längere Sitzungen unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

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