Literatur

Silbergraue Fantasielosigkeit

YodaDarf man Science Fiction und Fantasy in einen Topf werfen? Und darf man über Dinge lästern, die man nur aus der Ferne kennt?

Sie tragen klangvolle Namen und beeindruckende Schwerter, ernste Mienen und oft und gerne langes Haar. Die Welt soll gerettet werden, eine Reise in ferne Sterne steht an, ein Krieg bricht aus. Des Helden Antlitz blitzt in der Sonne, mit Wonne sticht er zu und sagt, was man in solchen Situationen halt sagt, etwas Pathetisches, Denkwürdiges, das haften bleibt. Was genau an Fantasy fantasievoll sein soll, ist mir schlicht schleierhaft, die müden Verfremdungsversuche wirken dermaßen bemüht, dass man peinlich berührt den Fernseher abschaltet beziehungsweise das Buch zuklappt.

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Alessandro Baricco: Diese Geschichte

Über seltsame Figuren von großer Traurigkeit.

Spätestens seit der Verfilmung des Buches Novecento ist Alessandro Baricco über die Grenzen Italiens hinaus bekannt. Seine Bücher Land aus Glas, Seide oder Oceano Mare sind in mehrere Sprachen übersetzt worden und machten Baricco zu einem der interessantesten zeitgenössischen Schriftsteller Italiens. Baricco, der 1958 in Turin geboren wurde, studierte Philosophie und Musikwissenschaft und unterrichtete später an der von ihm gegründeten Schule für kreatives Schreiben (Scuola Holden). Er lässt 2005 mit seinem neuen Buch Questa Storia aufhorchen, das 2008 endlich auch ins Deutsche übersetzt erschienen ist.

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Ein Cola für die Menschlichkeit

„Barren, silent, godless … Everything paling away into the murk.“

Vater und Sohn, beide unbestimmten Alters, kämpfen sich durch die Asche eines zerstörten Amerika südwärts, um den Winter zu überleben. Sie sind nicht die letzten Menschen, aber fast alle anderen sind „die Bösen“. Es gilt: Hai frißt Hai, keiner hilft keinem. Ungefähr das steht in Cormac McCarthys Roman „The Road“ (dt. „Die Straße“, ausgezeichnet mit dem Pulitzer Prize for Fiction 2007).

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Ana hod imma des Bummerl ...

Das Schicksal literarischer Klassiker ist die Tatsache, dass sie zwar jedermanns Wertschätzung als Kulturgut an sich genießen, jedoch meist ungelesen verstauben. Und das ist verständlicherweise das Traurigste, was einem als Buch passieren kann.

Als uns seinerzeit in der Phase des pubertären Sturm und Drang Goethe, Schiller und Konsorten im intellektuellen Reclamformat entgegenstaksten, hinterließen sie einen eher eigenartigen Nachgeschmack. Irgendetwas zwischen Revolution und Wanderliedern, zwischen wogenden Ähren auf lichtdurchflutetem Felde und den unheilbaren Seelenqualen eines verschmähten Herzens, denen nicht selten Gewaltakte folgten.

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Mittleres Dutzend, schwarz, ungerade

„Точно: мелкая корысть и крупная корысть – не всё равно. Это дело пропорциональное.“

„Warum hat Goethe den Werther geschrieben?“ „Er hat schon den Vorschuß vom Verleger darauf gehabt, da hat er ihn doch auch schreiben müssen; und das Geld hatte er schon längst ausgegeben.“ – Im Fall des Werther war das boshafte Häme von Egon Friedell. Dostojewskijs Spieler (Игрок, Erstdruck 1867) wurde aber wirklich so geschrieben; und das Geld war nicht vielleicht versoffen, sondern verspielt, beim Roulette – womit nicht nur der Entstehungsgrund, sondern auch der Inhalt des „Romans“ (eher Novellchens) und seiner wenigen halbwegs lebensnahen Szenen zusammengefaßt ist.

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Rezension: Wolfgang Tschirk - Vom Spiegel des Universums. Eine Geistesgeschichte der Mathematik.

kurze Beschreibung„Naturwissenschaftliche Theorien kommen und gehen.[…] Ganz anders ergeht es da der Mathematik.“ Wolfgang Tschirks logisches Nachfolgewerk des Buches „Vom Universum – eine Geistesgeschichte der Physik“ lädt zu einer Zeitreise durch die Geschichte einer Wissenschaft, die heutzutage w

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I'm hot baby ...

Hitzige Gedanken zu Paulo Coelhos „Elf Minuten“

Buchcover Coelho, © Diogenes Verlag Als Paulo Coelho den Alchimisten auf den Markt warf, war ich jung, auf der Suche und dankbar für Weisheiten aus der Wüste. Vertrauensvoll packte ich meinen Rucksack, um „Auf dem Jakobsweg“ hinter diesem weisen Manne herzutrappeln, doch schon nach den ersten Seiten stellte sich gröberes Unbehagen ein. Am Ufer des Rio Piedra ging mir schließlich ein Licht auf, Veronika beschloss, zu sterben, und es war nur mehr ein Blick über die Schulter, den ich Coelho zum Abschied zuwarf. Ich wollte kein böses Blut zwischen uns, doch der „Eso-Schlumpf“, wie ihn ein Journalist einst treffend bezeichnete, konnte es nicht lassen, schrieb einfach ein Buch nach dem anderen und verkaufte sie zu Millionen.
Wenn ich seit dem Erscheinen des Romans „Elf Minuten“ vor vier Jahren eine Hardcoverausgabe des Buches immer bei mir trage, dann nur deswegen, weil ich Coelho damit vermöbeln werde, sollte uns die Weltenseele jemals zusammenführen.

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Ralf Rothmann: Hitze

„Eine fast monochrome Arbeit auf einem schlecht bespannten Rahmen; violettes, hier und da schwärzlich scheinendes Gewölk. Nur in der rechten oberen Ecke gab es einen orangefarbenen Fleck […]“

 HitzeRalf Rothmann hat bisher mehr Romane als Lyrikbände verfaßt; „Hitze“ (erschienen bei Suhrkamp, 1. Auflage 2003) ist aber eher ein Stück Lyrik als ein Roman. Von allen möglichen Erzählmodellen hat er sich vor allem eines ausgesucht: das Volkslied. Bewußt, denn das überschriftlose Vorwort trällert mit einer alten polnischen Volksweise los („Halte durch, guter Baum … es sind nur noch hundert Jahre.“)
Handlung ist dabei zweitrangig. Man kann von den knapp 300 Seiten zwei Drittel lesen, ehe man bemerkt, daß das Leben der Figuren nicht nur von Tag zu Tag dahinrieselt, sondern sich tatsächlich eine Entwicklung abzeichnet.

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Manchmal genügt es, sich zu wiederholen, um etwas ganz anderes zu sagen

Albert Sànchez Piñol – Die Zweite

Pandora im Kongo Anfang Juli dieses Jahres erschien der zweite Roman des Katalanischen Autors, dem bereits in der letzten Ausgabe viele Zeichen gewidmet waren. „Pandora im Kongo“ ist auf den ersten Blick ein eigenartiges Buch, vor allem für diejenigen, die „Im Rausch der Stille“ in einer Nacht ver­schlungen haben. Beim Lesen des neuen Werks hält man schon nach kurzer Zeit inne, fragt sich, ob es sich denn nicht, schon wegen des Anstands, geziemen würde, mit einem neuen Buch auch eine neue Geschichte zu erfinden. Doch die Parallelen zu Piñols erstem Werk sind so offensichtlich, so unverschämt zahlreich, dass bloße Unorginalität des Rätsels Lösung wohl nicht sein kann.
Der junge Schriftsteller Thomas Thomson verdient sich seinen Unterhalt als „literarischer Neger“ (ich bitte den Ausdruck an dieser Stelle zu entschuldigen, doch in England war dies zu Beginn des letzten Jahrhunderts tatsächlich eine, wohl inoffizielle, Berufsbezeichnung). Thomas schreibt schlechte Auftragsgeschichten für wenig Geld, Groschenromane, die immer nach demselben Prinzip funktionieren, bis eine neue Aufgabe den Enthusiasmus des jungen Geschichtenerzählers hervorruft. Ein Strafverteidiger heuert ihn an, die Erlebnisse seines des Mordes beschuldigten Mandanten niederzuschreiben. Das bewegte Leben des Zigeuners Marcus Garvey nahm seine wohl tragischste Wendung im Kongo, den Piñol diesmal zum Schauplatz seiner unheimlichen und unglaublichen Begebenheiten erklärt. Plötzlich findet man sich in einer vertrauten Erzählung wieder und man grübelt.
Was Piñol im ersten Roman angedeutet hat, breitet er hier auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs aus und im undurchdringlichen Baumgeflecht des Kongos.

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Rezension: Albert Sánchez Piñol - Im Rausch der Stille

Buchcover Pinol, © S. Fischer Verlag GmbH Nichts lässt so viel Platz wie die Leere ..
Von einem, der auszog um die Stille zu suchen und in der Leere am Rande der Welt ein Drama unmenschlich menschlicher Grausamkeit fand. „Unser Leuchtturmleben kann man nicht glauben; unser Leuchtturmleben ist das unsinnigste aller Epen. Es fehlt ihm jeder Sinn.“

Es ist das Erstlingswerk des aus Barcelona stammenden Schriftstellers Albert Sánchez Piñol, bereits 2002 auf Katalan, 2006 schließlich in deutscher Sprache erschienen – in großer Zahl verkauft, vielfach besprochen, ein Bestseller. Trotzdem soll an dieser Stelle nochmals auf „La pell freda“ (im Original „Die kalte Haut“) verwiesen werden, für alle, denen diese großartige, leidenschaftliche und abstruse Parabel bis jetzt entgangen ist.

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