Theater

Magie zum Kubik

MengeWas ein 2 × 2 × 2 Meter großer Ausschnitt der Wirklichkeit im sechsten Hieb mit dem Opernball, Punschkrapferl und Sachertorte zu tun hat – und warum es sich manchmal rechnet, es mit mathematischen Gleichungen nicht allzu genau zu nehmen.

Wäre es eine hochkomplexe mathematische Gleichung, wäre wohl nicht mal Manu überrascht, dass nicht das rausgekommen ist, was man davon erwarten hätte können – nämlich Nichts oder nicht viel, wie das bei verrückten Ideen eben manchmal so ist. So ist der gelernte Ethnologe es aber doch auch ein wenig: Denn die Formel lautet nur 43 – und dennoch ist das wohl schrägste Theater Wiens rausgekommen, was ja nicht Nichts ist.

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Interview mit Sunil Pokaharel

Dieses Interview bildete die Grundlage des Artikels Identitätskrisengebiet aus der 6. Ausgabe des Baggers.

Aus technischne Gründen fehlt der Anfang der Aufnahme des Interviews mit Sunil Pokharel. Daher beginnt die folgende Transkription mit ein paar vagen Notizen, die sich die “Interviewee” direkt nach dem Gespräch gemacht hat.
Wir bitten um Verständnis!

Why did you choose to become an actor?

Coincidental. People who were against the system would come to Aarohan.
It was almost shut down in the beginnging, because there was no money. (Even though this was their motto/spirit, but it just doesn’t work this way). Almost everybody got back to their villages, to work in farming.
But then Sunil got admitted to Delhi National theatre and a friend got a good job. When he came back from Delhi, things went on.

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Identitätskrisengebiet

„Manche Menschen mögen sagen, dass das Leben eine Bühne ist, aber ich meine, dass die Bühne selbst das Leben ist.“ Pathethisch schwang der Kulturminister Nepals letztes Jahr zum 25-Jahr-Jubiläum der unabhängigen Theatergruppe Aarohan seine Eröffnungsrede. Aarohan bedeutet soviel wie „Aufstieg“. Einen langen, hartnäckigen Aufstieg hat Aarohan tatsächlich hinter sich. Als sich die Gruppe in den 80ern zusammenschloss, hatten Schauspieler in Nepal wenig Ansehen, waren auf einer Stufe mit Prostituierten gesehen. „We wanted to shock the intellectuals!“

„They put up 5 police men here, 5 there, and some over there to see who would come and watch the plays.“ Sunil Pokharel, Leiter der Theatergruppe, zeigt auf die verschiedenen Orte des Theater­geländes, an denen Polizisten positioniert wurden, nachdem die Gruppe im April 2006 aktiv am Jana Andolan 2, der zweiten – aus heutiger Sicht erfolgreichen – Demokratiebewegung in Nepal, teilgenommen hatte. Den Mund mit schwarzem Klebeband zugepickt, hatten sich Mitglieder von Aarohan auf die Straßen gesetzt und so ihren friedlichen Protest gegen die Herrschaft des Königs kundgetan. Als das Militär begann, die Demonstrationen gewaltsam niederzuschlagen, wurden im Zuge dessen auch 8 Mitglieder von Aarohan festgenommen.

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Krawuzikapuzi!

Man soll sich ja für nichts zu erwachsen sein. Auch – oder gerade! – nicht fürs Kasperltheater. Gesagt, getan, ging’s – nicht ins Parlament, wie Sie vielleicht jetzt denken – nein, tatsächlich in das Urania Puppentheater. Inszeniert wurde dort die Premiere von „Dagobert Superstar“, dem aktuellen Schwank vom seit 1949 aktiven Gespann „Kasperl und Pezi“. Ein Erlebnisbericht.

Der Gong ertönt, und wir finden uns im Saal ein, wo wir doch mehr (vermeintlich) Erwachsene als gedacht vorfinden – jedoch wohl großteils als Begleitung von Sprösslingen, die es kaum erwarten können, bis der Kasperl endlich die heiß ersehnte Frage „Seid ihr alle daaaaaaaaa?“ in den Raum stellt. Ein kurzer Ansatz zur Reflexion meinerseits darüber, dass diese Frage sich im Moment des Stellens von selbst beantwortet, sofern nicht … dann war Schluss mit lustig. Ca. 100 Knirpse brüllen sich die Seele aus dem Leib, schreien wie am Spieß „JAAAAAAAAAA!!!“, dann noch lauter, nachdem der Kasperl seine Schwerhörigkeit (gut, hat immerhin auch schon 59 Jahre am Buckel) kundtut. Was bleibt einem da noch übrig, als MitläuferIn zu spielen – hier geben die Kinder den Ton an. Das wilde, unkontrollierte, noch von jeglicher gesellschaftlicher Sittlichkeit befreite Toben klingt kurz ab, als der zweite Hauptdarsteller, in Gestalt des Pezibären, die Bühne betritt, und ein Sprücherl klopft, das in mir Erinnerungen wachrufen kann: „Pezilein, der kleine Wicht, fehlt auch heute wieder nicht. Und schickt jedem, groß und klein, viele, viele Bussilein!“ Einziger Wermutstropfen: Fast alle konnten den Text mitsprechen, nur ich nicht. Seufz.

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Theaterpädagogik – die spielerische Reise zum (unerforschten) Selbst

Wir erfinden uns ständig neu, wir passen uns immer neuen Situationen an und beweisen u.a. durch „lifelong learning“, dass wir uns stets verbreitern (wollen). – Wirklich? Oder sind wir nicht vielmehr phlegmatische Gewohnheitstiere, die es sich in vorgefundenen Strukturen so gut es geht einrichten, Widerstände scheuen und allenfalls mit den Rollenerwartungen unserer Umwelt geschickt jonglieren – und uns selbst völlig außer Acht lassen?

Kontrastreicher und unzureichender könnte man die menschliche Spezies wohl nicht fassen, wir sind weder weiß noch schwarz, sondern ein (grauslich) graues Volk(?) – Widerlegung erwünscht! Die leuchtende jeweils wechselnde individuelle Handhabung der – und Beziehung zur – Welt ist uns abhanden gekommen. Wir sind entweder (ideologisch eindimensional) erstarrt, chamäleonesk oder uneigentlich in unserem Sein – so zumindest der (nicht unbegründete) Verdacht der Theaterpädagogen.

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Die unerträgliche ersterbende Leichtigkeit des Seins

Eifmans Ballett „Anna Karenina“ reüssiert auf den Brettern der Volksoper Wien

Wien. Mit frenetischem Applaus und fünf Vor­hängen endet eine herausragende Ballett­ins­zenierung. Strahlende Gesichter, Jubel aller­­orten. Olga Esina, die die Anna tanzte, ver­­abschiedet sich mit Tränen – ihre Partner Kirill Kourlaev (Karenin) und Vladimir Shiskov (Wronski) geben sich durch den Erfolg, den die Petersburger seit der Uraufführung 2005 auf russischem Boden, in Amerika und Europa feiern, abgeklärter. David Levi, der sein Orchester souverän führte, trug mit berührenden, die Handlung tragenden Tschaikowskiklängen viel zum genuin russischen Abend bei. Auch Sinowi Margolins reduziertes Bühnenbild tat dem Stück gut, Slawa Okunews kontrastiv klassische Kostümierung war für das Verstehen hilfreich und lenkte die Aufmerksamkeit auf die in den Bewegungen offenbarten Gefühlszustände des Trios. Weite wallende Kleider in elegischen Anna-Szenen, enge schwarze Leibchen für den befangenen Karenin und eine eigenwillig grüne militärische Eleganz für den Verführer Wronski. Gleb Flischtinskis Beleuchtung war gekonnt leitmotivisch und machte das Fehlen der Sprache Tolstois wiederum wett.

Der Wagnischarakter dieser Ballettaufführung muss betont werden. Was in Russland aufgrund einer literarischen Schulkanonik kein Problem zu werden droht, hätte das Publikum auf ferneren Brettern überfordern können: Wer kennt Lew Tolstois „Anna Karenina“ und muss man diesen psychologisch meisterhaften Frauenroman des 19. Jahrhunderts (der in der „Madame Bovary“ eines Flaubert und Fontanes „Effi Briest“ seine nationalen Pendants findet) zum Verstehen der Bühnenhandlung gelesen haben? Die be­ruhigende Antwort lautet: nein. Denn Eifman orientiert sich zwar an der Romanhandlung, macht jedoch mehr aus ihr, als eine textnahe theatrale Bühnenadaption ermöglicht hätte. Ihm gelingt eine physisch nahe gehende Studie über die ewigen Topoi menschlicher Existenz mit den Ausdrucksmitteln der Körper- und Musiksprache.

Wagners Anspruch vom Gesamtkunstwerk kann dem textkundigen Zuschauer eingelöst werden – aber selbst der Tolstoi-Novize spürt den Zauber und die Kraft des zugrunde gelegten Werkes – wo die Sprache aufhört, beginnt eine unerhörte Tiefe des Erlebens.

Die unglücklich verheiratete Mutter Anna zieht ihre Lebensfreude weder aus Karenins ge­­sellschaftlichen Lustbarkeiten noch seinen sexuellen, nur schwer ertragbaren Über­griffen am gefängnisstabartigen Gitterbett – nein, hier erschlafft die gewährende Anna auf der Bühne spürbar und ist dem inneren Tod nah. Wronski versteht sie zu beleben, Sehnsucht nach dem viel Versprechenden dominiert nun ihr Streben. In meisterhafter Bewegung – eines Aus-sich-heraus-gehen-Wollens wird dem Zuschauer im Wechsellicht die begehrende Bezogenheit Annas und Wronskis ausgeleuchtet. Tschaikowskis Musik intensiviert sich zusehends, unkon­trol­lierbar übersteigende Töne begleiten die er­lösende Zusammenkunft.
Karenins Kampf um Anna beginnt. Der ge­sell­schaftshörige Ehe­mann leidet an seinen star­ken Gefühlen für Anna, die er hinter be­leuchtungstechnisch sicht­bar ge­wordenen Git­tern verstecken muss, wenn er auf sie trifft. Annas Gutsein-Wollen wird merklich, doch ein ihr Weisung gebendes Erschlaffen verunmöglicht eine Ehe um des Kindes willen. Karenin entzieht ihr den ge­liebten Sohn, sie ist aus dem in ein hartes Quadrat mutierenden Lichtkreis der Familie ausgestoßen, steht nun trauernd bei Schneefall im Unheil kün­denden Kreis der Spiel­zeugeisenbahn. Bis sie vom Zuge erfasst und ihr Leben ausgelöscht wird, vergeht frei­lich noch eine un­gespürte Stun­de … Bälle in Italien mit venezianisch Mas­kier­ten, Wronski als Portraitmaler einer Muse Anna sind Insignien des nur kurzen Glücks der Entflohenen vor der sehnsuchtsbedingten Rück­­reise nach Russland, um des Kindes willen.
In Russland beginnt Annas „Häu­tung“ unter einem der Guil­­lotine ähn­lichen Tisch – ihr Wahnsinn beginnt. Und gleichsam ändert sich alles: Anna scheint nun nackt, die Töne des Orchesters ersterben, ma­schineller Lärm entsteht, hexen­­sabbatähnliche Atmosphäre vieler sich verschlingender tanzender Lei­ber, bevor der Lichtkegel Rädchen der mit Menschen zu füllenden Maschine zeigt und Bässe und Trompeten dem unmenschlichen Ver­worfensein wieder re­­flektierbaren Halt ge­ben. Wronski eilt her­bei, birgt Anna in seinen Armen und kann sie doch nicht retten, er steht im Lichtquadrat, schluchzend sein Unvermögen begreifend. Anna steigert sich in neuerliche Verwirrungen, aus dem im Inneren stampfenden Getrieben- und Vertriebensein ergibt sich in übergangsloser schreck­licher Konsequenz der Fall ins Leere – für den Tolstoikenner: vor den Zug. Atemberaubt kann der Zuschauer unter dem Nachhall der peitschenden Maschinenmusik des Wahnsinns mit den Anna Umstehenden den Hut ziehen – Gongschläge signalisieren das unwiderrufliche Scheitern ihrer liebenden Existenz. Von dem das Bühnenvolk und die Volksoper noch am 6., 9. und 13. Mai Kenntnis nehmen kann. Und soll. Bravo, bravo, bravo!
Leo

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