Howard Katz

Simple but not easy

Howard Katz, geboren in New York City, ist Tänzer, Schauspieler und Musiker. Seit 1996 lebt er in Berlin und NYC, wo er als Performer alleine und gemeinsam mit anderen an interdisziplinären Produktionen arbeitet. Seit zwei Jahren besuche ich sein Tanztraining in den Dock11-Studios Berlin.

Prolog: Das Folgende ist ein Zwischenergebnis, resultierend aus schätzungsweise vier Treffen mit Howard Katz. Unser erstes Interview vom 07.08.2010 haben wir verworfen. Öde Worte zum Thema Bewegung schienen an der Sache vorbeizugehen. Zu starr, zu wenig humorvoll, missverständlich, um nur ein paar Qualitäten unserer ersten Fassung zu beschreiben.

Wobei: es war durchaus interessant! Wir haben anschließend versucht, das Ganze etwas kreativer anzugehen. Immerhin sind wir beide (auch) KünstlerInnen. Der Prozess sollte mehr Zeit und Aufmerksamkeit bekommen. Das hat nicht viel geholfen. Oder doch? Es folgt die Beschränkung – simple but not easy – auf die Wiedergabe einiger sprachlich festhaltbarer Teile unserer Gespräche. Vieles bleibt dem Papier verborgen. Wer mehr wissen will, komme bitte nach Berlin und sehe selbst!

Howard Katz Daniela Zeilinger: Wie würdest Du jemandem beschreiben, wie Du tanzt oder wie Du Dich bewegst?
Howard Katz: Wie würdest Du das beschreiben? Das zu wissen, hilft meiner Arbeit.
Deine Bewegungen sind total fließend, sehr weich und locker-lässig, zugleich können sie zackig und abrupt sein – vor allem sind sie sehr klar und präzise. Alles wirkt komplett durchbewegt.
Zwei Wochen später (21.8.2010):
Was ist der Sinn der ganzen Sache, darüber zu sprechen?
Der Grund ist banal: das Thema des aktuellen Baggers ist „Bewegung“. Du bist mir zu diesem Thema als Erster eingefallen, deswegen habe ich Dich um ein Interview gebeten. Warum? Weil in Deinem Tanz-Unterricht Klarheit trainiert wird, was Bewegung betrifft. Zum ersten Mal habe ich Bewegung analytisch betrachtet. Dadurch konnte ich zum Beispiel Bewegungsabfolgen schneller begreifen und sie mir merken, weil ich sie verstanden habe. Das geht nicht nur mir so in Deinem Training, ich habe es auch von anderen KursteilnehmerInnen gehört. Also dachte ich, Du weißt in dieser Hinsicht mehr als ich. Das ist eine gute Voraussetzung für ein Gespräch. Ich habe mich lange für total untalentiert gehalten, mir Bewegungsfolgen zu merken, weil ich so viel denkende Arbeit mache und mein Körper normalerweise nicht so schnell ist. Das hat sich geändert. Deswegen wollte ich wissen, wovon Du ausgehst, beziehungsweise was Deine Erkenntnisse sind. Weil: Erkenntnisse hast Du, sonst könntest Du nicht solche Klarheit vermitteln.
Ich arbeite mit fünf Qualitäten: Werfen (Throw), Setzen (Put), Fallen (Fall), Tragen (Carry), Fließen (Flow). Jede Qualität hat ihre eigene, besondere Erscheinung. Es sind nicht einfach nur Bewegungsqualitäten: Sie bewirken bei jedem Menschen etwas dahinter. Ich kann Dir in ein paar Sätzen zu jeder der Qualitäten sagen, was ich bei verschiedenen Personen bemerkt habe:
Von einer statischen Position in die andere wechseln, das ist Put. Da gibt es zwei Sachen. Die gesamte Spannung im Körper hat sich verändert, wenn ich gesagt habe: „Setze die Hände schnell im Raum“. Die gesamte Körperspannung hat sich erhöht und war einheitlich. Ich habe auch gemerkt, dass die Mikrobewegungen der Augen direkt mit der scharfen Bewegung korrelierten. Scharfe und schnelle Bewegungen bewirken, dass ein Tier guckt – das ist eine natürliche Bewegung beziehungsweise Reaktion. Die Augen waren etwas klarer und schärfer fokussiert.
Flow ist das direkte Gegenteil. Du bewegst das Gewicht im Körper, das Wasser, und die Augen werden sehr faul. Mit Fließen tendiert man zum Verträumten; ich habe gemerkt, die Augen werden weniger starr, flüssiger. Der ganze Körper folgt dieser fließenden Bewegung. Was ist Flow? Wir fangen irgendwo im Körper an. Normalerweise fängt man mit den schwereren Körperteilen an, das Gewicht zu schaukeln, zum Beispiel mit der Hüfte. Die Idee ist eine Endlosbewegung: Nach einer kurzen Zeit merkt man, es ist very easy, man könnte einfach so weiter machen.
Carry: Man trägt erst mal die Hände, langsam, wie bei Tai Chi. Man stellt sich vor, dass man etwas zwischen den Händen hat und trägt das von irgendwo nach irgendwohin, ohne eine große dynamische Veränderung. Man trägt also imaginäre Sachen von einem Platz zum anderen. Ich sage immer so: Du trägst einen Ball. Später trägt man auch andere Körperteile, zum Beispiel das Knie, irgendwann auch den ganzen Körper. Bei Flow bewegt man die Lunge mit. Die Atmung geht mehr mit, weil sich alles bewegt. Die Lungen kommen mit dem Körper mit, daher ist das einfacher. Bei Carry dauert das etwas länger, das ist am Anfang nicht so koordiniert. Die Atmung kommt nicht sofort mit. Es dauert wie bei Tai Chi etwas, bis die Atmung loslässt. Den ganzen Körper zu Boden zu tragen, ist echt eine Kunst. Das ist ein sehr interessanter Arbeitsprozess mit der Schwerkraft.
Throw: Der einfachste Weg, das zu machen, ist, irgendwie die Arme und Beine ein bisschen wegzuwerfen vom Körper, sodass die Gelenke Raum bekommen. Wichtig bei Werfen ist, dass der ganze Körper mitkommt! Vom Werfen kann man eine große körperliche Bewegung bekommen.
Fallen ist das Schwierigste, es ist sehr kompliziert zu erklären. Die Hände über den Kopf nehmen und runterfallen lassen, das ist der einfachste Weg, Fallen zu beschreiben. Fallen ist ein unglaublicher Motor – und deswegen auch gefährlich, weil es so viel Kraft erzeugt, ohne effort. Es ist unberechenbar. Das Problem mit Fallen ist immer ein Catch-Up-Problem.

An dieser Stelle ging unser Gespräch eigentlich noch weiter. Wir hatten bei diesem Treffen kein Diktiergerät dabei, daher habe ich direkt mitgeschrieben. Plötzlich hatte der Laptop keine Energie mehr. Ohne rechtzeitige Zwischenspeicherung ist ein interessanter, aber komplizierter Teil des Gesprächs verloren gegangen. Es ging unter anderem um Energie. Ich wollte wissen, ob es Bewegungen gibt, durch die man mehr Energie bekommt als durch andere, oder ob eher das Wie der Bewegung ausschlaggebend ist. Der Grund für diese Frage war meine Erfahrung, dass ich nach jedem Training bei Howard Katz immer mehr – oder bessere – Energie hatte als vorher. Woher kommt das? Resultiert aus kleinen Bewegungen vielleicht mehr Energie? Wir haben uns auch über die Bewegungsqualität von Tieren unterhalten. Was kann man von ihnen lernen? Wie kann man überhaupt Bewegung lernen? Es gibt natürlich viele Möglichkeiten. Zwei davon sind proximales und distales Lernen. Jede(r) kann damit selbst experimentieren: Entweder man bewegt sich zuerst irgendwie und beobachtet wie ein neugieriges Kind oder wie ein(e) WissenschaftlerIn, was man gemacht hat. Das ist distales Lernen, also vom Körper aus. Oder man nutzt das Gehirn als kleinen Proberaum: man beginnt mit einer sehr klaren Vorstellung von einer Bewegung, bevor man sie physisch realisiert.

In diesem Sinne: Sehen Sie sich das Video an und forschen Sie selbst.

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Homepage:
http://howardkatzz.com

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