#14 - Spiegel, Juni 10

Ausgabe 10Falls Sie ein Vampir sein sollten, ignorieren Sie die aktuelle Spiegel-Ausgabe des Baggers am besten. Sie werden sich darin nicht wiederfinden noch Ihre Interessen darin gespiegelt sehen. Gerade mal ein paar Tipps, wie Sie sich beim Rasieren leichter tun, könnten für Sie als ebenso spiegelbildlosen wie blutsaugenden Zeitgenossen brauchbar sein. Wenn Sie gar zur seltenen Spezies der Basilisken zählen, sei Ihnen von der Lektüre gänzlich abgeraten. Der Bagger nämlich, immer am Puls der Zeit und getrieben vom Bemühen möglichst ernsthafter Abbildung der ihn umgebenden Wirklichkeit, könnte ein derart getreues Spiegelbild Ihrer Selbst sein, dass Sie daran zu Grunde gehen. Fühlen Sie sich jedoch eher den Menschenkindern zugehörig, lesen Sie die Ausgabe vielleicht sogar mit Vergnügen und Gewinn (im Notfall kann auch auf das relativ zuverlässige Hilfsmittel eines erhöhten Alkoholspiegels zurückgegriffen werden): Von der exklusiven Reportage vom Ersten Wiener Lach- und Spiegelkabinett im Prater bis zu den rätselhaften Symmetrien des Universums (und deren Brüche) sollte für jedeN etwas dabei sein. Auch dem mehr oder weniger bekannten Umstand, dass der Bagger seine vielleicht treueste LeserInnenschaft aus dem Kreise der ApokalyptikerInnen rekrutiert, wird einmal mehr Rechnung getragen: Im Unterschied zu jenen warnen wir allerdings nicht nur vor dem unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang, sondern auch vor dem, der im Falle des diesmaligen Dochwiedereinmalnichteintretens danach kommen müsste – dann aber wirklich in Echt und ganz bestimmt. Ob durch Invasion von Außerirdischen oder per Ansteigen des Meeresspiegels sollte dann auch schon egal sein.
Bagger Nr. 14 als PDF.

Baggersee

Poesie für fortgeschrittene Anfänger

schlichtes schlachten
der geschlechter
schlichte schlächter
schlurfen
schluchzend
durch die
schluchten
schlanker
schlag – löcher
schleichen, schluchzen
schlingen
schlotternd
schlimmen
schlingeln
schlingen
um den Hals.

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Wie rasiert sich Dracula?

Es soll ja Leute geben, die gar nicht glauben, daß es Vampire wirklich gibt. Die brauchen diesen Artikel natürlich nicht zu lesen. Oder doch grade die?

Auf meiner Einkaufsliste von nichtexistenten Gegenständen (haben Sie keine?) steht ganz hoch oben: „Draculas Spiegelbild.“
Genau das Spiegelbild, das Jonathan Harker am Ende des zweiten Kapitels von Bram Stokers „Dracula“ (1897) im Rasierspiegel nicht sieht, obwohl der Graf genau hinter ihm steht. Vor Schreck schneidet er sich, blutet, der Graf verbeißt sich den aufwallenden Blutrausch und wirft den Spiegel, der an allem schuld ist, vollendet höflich zum Fenster hinaus. Auch sonst gibt es keine Spiegel im Schloß – aus Gründen der Mimikry.

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Magie zum Kubik

MengeWas ein 2 × 2 × 2 Meter großer Ausschnitt der Wirklichkeit im sechsten Hieb mit dem Opernball, Punschkrapferl und Sachertorte zu tun hat – und warum es sich manchmal rechnet, es mit mathematischen Gleichungen nicht allzu genau zu nehmen.

Wäre es eine hochkomplexe mathematische Gleichung, wäre wohl nicht mal Manu überrascht, dass nicht das rausgekommen ist, was man davon erwarten hätte können – nämlich Nichts oder nicht viel, wie das bei verrückten Ideen eben manchmal so ist. So ist der gelernte Ethnologe es aber doch auch ein wenig: Denn die Formel lautet nur 43 – und dennoch ist das wohl schrägste Theater Wiens rausgekommen, was ja nicht Nichts ist.

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Unsichtbares Theater

Augusto Boal, im letzten Jahr leider verstorbener Theaterheiliger, hat in den 1960er Jahren das „Theater der Unterdrückten“ entdeckt, ausgehend von der sozialen Situation in Lateinamerika. So engagiert er selbst war, möchte auch diese Form des interaktiven Geschehens wirken, indem es aktuelle Problemstellungen behandelt und hierbei die Zusehenden vom Zustand einer passiven Masse zu selbstverantwortlich handelnden und somit in das Geschehen auf der „Bühne“ eingreifenden Individuen anstiften will. Alle sind SchauspielerInnen, alle sind ZuschauerInnen in dieser hippie-marxistischen Schose.

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Brothers Bloom

Brothers Bloom ist ein Film, der so wunderbar überzogen und übertrieben ist, dass er unglaublich gut gelungen ist und man ihn gesehen haben muss. Die Gebrüder Bloom sind Gauner, Stephen Bloom entwirft Pläne, um Menschen um ihr Geld zu erleichtern. Und weil die Gebrüder das seit ihrer frühen Kindheit machen, hat Stephen mittlerweile künstlerische Ambitionen, die perfekt erlogene Geschichte zu inszenieren, um den Menschen Geld abzuknöpfen.

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Roland Neuwirth

Roland Neuwirth
Roland Neuwirth, Jahrgang 1950, ist studierter Gitarrist und seit 1974 Kopf der Extremschrammeln. In den 36 Jahren seiner aktiven Laufbahn hat er viele Schiffe vorbeiziehen sehen: Moden und Marotten, Stars und Sternchen – kurz den Aufstieg und Fall des gesamten Zirkus, der gemeinhin als Austropop bezeichnet wird. Er selbst positionierte sich diesbezüglich von Anfang an abseits, und er sollte mit dieser Haltung, die er mit Hirsch, Maron, Deinboek, dem frühen Heller und einigen wenigen anderen teilt, auf lange Sicht gesehen Recht behalten.
Wir treffen uns am 9. April 2010 im Café Hummel zu einem kurzen Gespräch, das dann doch fast zwei Stunden dauern sollte.

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My Bubba & Mi – How It‘s Done In Italy (Beep! Beep! 2010)

how it's done in italy„I’m with you when I’m gone I walk the streets on my own“, heißt es da im Refrain des ersten kleinen Meisterwerks von „My Bubba & Mi“.
Und es steckt so einiges an Wahrheit hinter diesen Worten, denn hat man sich einmal von ihren lieblichen Melodien einfangen lassen, wird man sie nicht so schnell wieder los.

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Crookram – Through Windows (Bankrupt Recordings 2010)

Through WindowsSeitdem die MTV-Gangster aus den Gettos der Nobelviertel den deutschsprachigen Hip Hop mit Füßen getreten haben, fällt es mir schwer einer Band diese Musikrichtung zuzuschreiben.
Doch glücklicherweise ist Hip Hop ein dermaßen dehnbarer Begriff, dass man im Falle von Crookram’s erstem Solo-Album bis auf den Takt einiger Lieder wohl nicht sehr viele Gemeinsamkeiten findet.

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Garish – Wenn dir das meine Liebe nicht beweist (Schönwetter 2010)

Wenn dir das meine Liebe nicht beweistSeit gut 13 Jahren fährt „der Fünfer“, wie die Band sich selbst bezeichnet, durch die Lande. Mit „dekorativ“ war ihnen schon am Debutalbum von 1999 ein veritabler Indie-Hit gelungen und seither haben sie ihr Spektrum mit jedem Tonträger erweitert. Die eindrucksvollste Bewegung haben sie aber mit dem aktuellen Album vollführt. Die Band ist etwas kratziger und auch impulsiver geworden und das steht ihr sehr, sehr gut.

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Grundtexte der Menschheit

Märchen und Mythen

Wieder einmal führen mich Lese-Erfahrungen in eine große Nachdenklichkeit. Diesmal waren es Eugen Drewermanns Bücher zum tiefenpsychologischen Gehalt der Märchen auf der einen sowie Luc Ferrys „Leben lernen: Die Weisheit der Mythen“ auf der anderen Seite. Beide Autoren widmen sich in ihren Abhandlungen Texten, die uns allen geläufig sind – oder zumindest wieder werden sollten: Märchen und Mythen. Dies sind Erzählungen, die auf eine lange mündliche Überlieferungsgeschichte zurückblicken können – und schon viele Generationen prägten.

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