#14 - Spiegel, Juni 10

Ausgabe 10Falls Sie ein Vampir sein sollten, ignorieren Sie die aktuelle Spiegel-Ausgabe des Baggers am besten. Sie werden sich darin nicht wiederfinden noch Ihre Interessen darin gespiegelt sehen. Gerade mal ein paar Tipps, wie Sie sich beim Rasieren leichter tun, könnten für Sie als ebenso spiegelbildlosen wie blutsaugenden Zeitgenossen brauchbar sein. Wenn Sie gar zur seltenen Spezies der Basilisken zählen, sei Ihnen von der Lektüre gänzlich abgeraten. Der Bagger nämlich, immer am Puls der Zeit und getrieben vom Bemühen möglichst ernsthafter Abbildung der ihn umgebenden Wirklichkeit, könnte ein derart getreues Spiegelbild Ihrer Selbst sein, dass Sie daran zu Grunde gehen. Fühlen Sie sich jedoch eher den Menschenkindern zugehörig, lesen Sie die Ausgabe vielleicht sogar mit Vergnügen und Gewinn (im Notfall kann auch auf das relativ zuverlässige Hilfsmittel eines erhöhten Alkoholspiegels zurückgegriffen werden): Von der exklusiven Reportage vom Ersten Wiener Lach- und Spiegelkabinett im Prater bis zu den rätselhaften Symmetrien des Universums (und deren Brüche) sollte für jedeN etwas dabei sein. Auch dem mehr oder weniger bekannten Umstand, dass der Bagger seine vielleicht treueste LeserInnenschaft aus dem Kreise der ApokalyptikerInnen rekrutiert, wird einmal mehr Rechnung getragen: Im Unterschied zu jenen warnen wir allerdings nicht nur vor dem unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang, sondern auch vor dem, der im Falle des diesmaligen Dochwiedereinmalnichteintretens danach kommen müsste – dann aber wirklich in Echt und ganz bestimmt. Ob durch Invasion von Außerirdischen oder per Ansteigen des Meeresspiegels sollte dann auch schon egal sein.
Bagger Nr. 14 als PDF.

Dominion – Spiel des Jahres 2009

Sobald das ordensähnliche rote Gütesiegel „Spiel des Jahres“ an einer Spielverpackung prangt, kann der Käufer eigentlich nichts mehr falsch machen – Spielfreude ist garantiert. Allerdings verteilt die Jury diese Auszeichnung nicht nach absoluten Mindestkriterien (bzgl. Spiel-Material, - Idee, -Innovation, -Strategieaufwand), sondern lässt sich oftmals von einer Facette besonders hinreißen. Daher konnte auch ein Plastik-Bau-Spiel den Preis bekommen und Strategiefüchse waren damals etwas schnell gelangweilt. Nicht langweilig hingegen wird Dominion, für das es inzwischen schon zwei Erweiterungen gibt.

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Fließende Identitäten

EbruDer Fotograf Attila Durak begibt sich in seinem Buch „Ebru“ auf die Suche nach den vielfältigen kulturellen, religiösen, sozialen und ethnischen Identitäten der Türkei.

Ebru bezeichnet eine traditionelle, im Osmanischen Reich gebräuchliche Maltechnik, bei der man in Wasser gelöste Aquarell-Farben auf Papier aufträgt – die so entstehenden, wolkigen Marmor-Muster scheinen beständig in Fluss zu sein, schwebende Ornamente, die immer neue Formen hervorbringen. Für den 1967 in Gümüşhane im Nordosten Anatoliens geborenen Fotographen Attila Durak bedeuten die fließenden Muster in der farblichen Vielgestalt eines Ebru jedoch mehr als dies: Er begreift sie als Sinnbild für kulturelle Vielfalt, das besser als jede andere Metapher die fließenden Identitäten der verschiedenen ethnischen Gruppen in der heutigen Türkei sowie das Erbe früherer kultureller Einflüsse widerspiegelt.

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Besser Schlampe als gar kein Sex. Intimer Schriftverkehr

Ich liebe Sex. So fängt dieser sinnliche Genuss von einer Lektüre an. Barbara Balldini, diplomierte Sexualpädagogin, die mit ihrer Familie in Vorarlberg lebt, Kabarettstücke verfasst und ein Sexualberatungs- und Tantrainstitut leitet, schrieb hundert süße Seiten über die höchste Wonne der Menschen.

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Fund im offenen Bücherschrank: „Nachtzug nach Lissabon“

Nachtzug nach LissabonDiese Kritik will gleich zweierlei: Aufmerksamkeit für den offenen Bücherschrank im 7. Wiener Gemeindebezirk und ein darin gefundenes Buch schaffen. Beginnen wir mit dem Bücherschrank – an der Haltestelle der Straßenbahnlinie 49 Höhe Zieglergasse/Schottenfeldkirche findet man seit einigen Wochen ein mit Plexiglastüren versehenes stabiles Regal, in dem Bücher ausgesetzt (ganz ähnlich der bookcrossing.com-Idee) bzw. kostenlos mit nach Hause genommen werden können. Es herrscht immer reger Betrieb unweit der strategisch gut platzierten Buchtauschbörse, die mit einmaligen „Geschäftszeiten“ – nämlich rund um die Uhr – wuchern kann. Und trotz mancher gieriger Saboteure, die die schöne Idee ad absurdum führen, indem sie gleich sackweise weiterverkaufstaugliche Bestseller wegtragen, sind immer verschiedenartige Bände auffindbar.

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Der Spiegel – Sturmgeschütz oder Spritzpistole?

Spiegel Nr. 1Nachdem in der letzten Ausgabe an dieser Stelle das Vierblättrige Kloblatt vorgestellt wurde, scheut der Bagger auch diesmal den Vergleich mit der Kollegenschaft im Zeitschriftenständer am statistisch gesehen beliebtesten Örtchen zur Lektüre des Baggers nicht. Denn erst der Blick über den Spiegelrand macht wirklich sicher – und im Spiegel der anderen erkennen wir uns selbst.

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Das Gesicht am Ende des Korridors

Jeder von uns könnte in diese Situation geraten. Denken Sie sich hinein und antworten Sie ehrlich. Wer auf der anderen Seite ist, sollte klar sein – aber wer sind Sie? Lügen sollten Sie nur, wenn Sie es nicht wissen wollen. Beziehungsweise: Lügen ist zwecklos – der Test liefert auch dann ein getreues Bild von Ihnen. Außer daß vielleicht links rechts ist und rechts links. Oder umgekehrt.

1. Am anderen Ende eines finsteren Korridors sehen Sie eine Gestalt, die Ihnen ähnlich sieht und auf seltsame Weise Ihre Bewegungen nachmacht. Wer ist das?
a) Irgendein Spaßvogel.
b) Ich. Oder so.
c) Mein böser Zwilling.

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So wie man in den Spiegel schaut, so schaut’s zurück

Ich schrubbe mir die Zähne und sehe dich, mit blauem Schaum vorm Mund. Witzig sieht das aus, finde ich, doch du lachst nicht und ich verkneif es mir aus Solidarität. „Es gibt auch nichts zu lachen hier“, erwiderst du und bietest mir die Stirn: „Siehst du? Ein roter Fleck, hier, hier und hier.

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Die Walverwandtschaft

Folge 7: Im Spiegelkabinett

Jonas betrat das Badezimmer, einen Raum, in dem er seit seinem Einzug noch nicht allzu viel Zeit verbracht hatte. Wozu auch? Ein Ort, an dem die Gesellschaft bis in die Sphären der Intimität vorzudringen pflegt, hatte für ihn wenig Nutzen. Im Bad macht man sich bereit für die Außenwelt, reibt, frottiert, stutzt und legt alles zurecht, was man in Kürze den Blicken der anderen ausgesetzt weiß. Man tritt gleichsam aus sich selbst heraus und betrachtet sich im Spiegel mit den Augen derer, deren Achtung und Anerkennung man erhofft. Dies jedoch verlangt meist erhebliche Anstrengungen.

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Der fragwürdige Freitod des Patrick M.

Selbstmordgeschichten eignen sich besonders gut für Abrissbirnen, vor allem, wenn sie eine gute Mischung aus Existentialismus und Tragikomik in sich bergen. Eine dieser Geschichten habe ich unlängst erzählt bekommen, von einem jungen Mann, der mit wulstig vernarbten Handgelenken auf einen Stock gestützt zu unserem Treffen erschien.
Der Protagonist dieser wahren Geschichte ist Patrick M., ein leicht labiler Bauarbeiter, der sich sehr um eine Frau aus dem ehemaligen Ostblock bemüht hatte.

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