Bekackt

Cello Tausend Schilling waren viel Geld damals, im Jahr des Staatsvertrags der Zweiten Republik. Österreich, besser gesagt die politische Vertretung des Landes, arbeitete in jenen Tagen emsig daran, die schon viel zu lange belagernden Besatzungsmächte höflichst hinauszukomplimentieren.
Meine Oma jedoch hatte ganz andere Sorgen. Mit Hinkebein – eine Kriegsverletzung – und Kinderwagen mit frisch geschlüpftem zweitem Balg humpelte sie tagtäglich durchs Nachkriegs-Wien, die Zeit totschlagend, auf dass ihr Mann, das liebe Viecherl, endlich wieder heimkomme. Da und dort gustierte sie und feilschte mit ihrem polnisch-raunzigen Akzent, den sie in den rund 15 Jahren seit ihrer Flucht aus Krakau noch nicht abgeschüttelt hatte (und auch später nie ganz loswerden würde).

Eines Tages, an dem meine Oma ganz besonders weit in die Stadt hinein gehinkt war, musste sie plötzlich und noch dazu ganz dringend auf’s Klo. Weit und breit keine Bedürfnisanstalt in Sicht, aber ein großes Geschäft drängte darauf, sofort verrichtet zu werden. Also klingelte meine Oma an der nächstbesten Haustür. Eine nette Dame gewährte ihr Einlass und führte sie rasch zum Abort, wo sich meine schon etwas zappelig gewordene Oma erleichtern durfte.
Manche Menschen sind ein bisschen pervers, andere wiederum haben einfach zu wenig Stauraum in der Wohnung, die nette Dame jedenfalls hatte all ihre Küchengeräte an den Wänden des Klosetts hängen. Meiner Oma war das in diesem Moment sch…egal. Gleichsam explodierend entledigte sie sich ihrer viel zu dünn ausgefallenen Last, doch, ach herrje – was war denn da passiert? All die schönen Küchengeräte hatte sie von oben bis unten bekackt! Ich weiß nicht, wie meine Oma das schaffte, aber … vermutlich nur hingehockerlt, nicht hingesetzt, weil unhygienisch … und dann alles vollgespritzt … vielleicht mit Bande? Furchtbar unangenehm. Also beschloss meine Oma, das Malheur mit Klopapier in den Griff zu bekommen.
Zwanzig Minuten und fast ebenso viele Päckchen Popo-Auswischpapier später – die nette Dame hatte inzwischen schon mehrmals besorgt an die Tür geklopft – hatte meine Oma alles so weit verschmiert, dass sie das stille Örtchen zumindest mit halbreinem Gewissen verlassen konnte.
Ihr Missgeschick wollte sie der netten Dame zwar nicht beichten, jene aber doch für die verheimlichte Unannehmlichkeit monetär entschädigen. Als meine peinlich berührte Oma allerdings in ihrer Geldbörse außer einem Tausender – huch! – nichts weiter vorfand, empfahl sie sich hastig und war – mit Hinkebein und Kinderwagen – im Nu auf und davon.
So schnell hat man sie seit ihrer Kriegsverletzung und auch nach 1955 nie wieder laufen sehen.

Wenn Euch so was mal passiert, dann würd’ ich Euch den Bagger wärmstens an den Popo legen.

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