Dies irae

oder: Denn alles Fleisch, es ist wie Grasoder auch Plädoyer für ein deutsches Requiem

Dies irae dies illa,
Solvet saeclum in favilla:
Teste David cum Sibylla.

Quantus tremor est futurus,
Quando iudex est venturus,
Cuncta stricte discussurus!
Tuba mirum spargens sonum
Per sepulcra regionum,
Coget omnes ante thronum.
(…)

Rex tremendae maiestatis,
Qui salvandos salvas gratis,
Salva me, fons pietatis.
(…)
Preces meae non sunt dignae:
Sed tu bonus fac benigne,
Ne perenni cremer igne.
(…)
Lacrimosa dies illa
Qua resurget ex favilla.
Iudicandus homo reus:
Huic ergo parce Deus.
(…)

Anfänglich nur als größeres Anhängsel gehandhabt, fand der Hymnus mit dem Text „Dies irae, dies illa usf.“ etwa im 13. Jahrhundert Eingang in den berühmten, weil heute wieder modernen und durchaus sinnvoll bei der Meditation eingesetzten Gregorianischen Choral, dessen Eigenart im eintönigen sowie -stimmigen Herunterleiern liturgischer Texte besteht. Die Obrigkeit hat das Gedichtlein, das sehr nette Endreime aufweist (was damals durchaus modern war) und sich offenbar großer Beliebtheit erfreute, beim Konzil von Trient in den Ablauf der Totenmesse, auch Requiem genannt, aufgenommen; spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde es fortan auch fleißig vertont. Beschränkte man sich in kaum aufgeklärten Zeiten noch auf relativ einfaches Herunterbeten der 17 Strophen, verfuhr man in jüngeren dergestalt, dass man die Huldigung an das Jüngste Gericht im Vergleich zum übrigen Ordinarium Missae beträchtlich aufblähte. Anstatt eines Satzes, der alle Strophen enthält, schrieb man acht Sätze, um alle Teile des Hymnus’ ordentlich ausschlachten zu können. Der Tag des Zorns wurde Gegenstand etlicher schauerlicher Vertonungen; das Jüngste Gericht wird der Trauergemeinde seitdem in all seiner Fürchterlichkeit vorgeführt – den Leuten muss ja schließlich etwas geboten werden. Wenn man sich für Dies irae-Vertonungen interessiert, sollte man Vorsicht walten lassen, denn – bei aller Ehrfurcht vor jenen Ausnahmeerscheinungen der Menschheit, welche in der Kunst des Tonsetzens das Unaussprechliche zu erfassen vermögen – man stößt durchwegs auf gewaltige, furchteinflößende, durch die Musik in rasante Bewegung oder schreckliches Wabern versetzte Gebilde; was aus heutiger, säkularer Sicht schnell langweilig wird, insbesondere bei schlechten Aufnahmen. Also: immer nur ein Requiem pro Todesfall zu Gemüte führen. Übrigens wurde und wird die ursprüngliche Melodie, die wir in der Gregorianik wieder finden, häufig außerhalb des Kontextes verwendet, also abseits der Totenmesse. Eines der unter so genannten Klassik-Liebhabern bekanntesten Zitate dürfte sich in Berlioz’ Symphonie fantastique finden; jene, die sich gerne mithilfe Hollywoodscher Zelluloid-Produktionen in den Zustand des Gruselns versetzen, können eventuell von entsprechender Anwendung in Kubricks Shining oder bei den Gremlins (Regisseur/euse unbekannt) berichten.

Wie ein hervorragendes, weil durchwegs gelungenes Beispiel, welches ich einem „echten“ Requiem jederzeit vorziehen würde, zeigt, geht es auch ohne Kyrie und Tuba mirum und Sanctus und weißderTeufel – siehe Brahms, der in seinem einzigartigen Deutschen Requiem nicht nur vollkommen auf das lateinische Geschwafel verzichtet, sondern auch auf jeglichen Jesus-Bezug, und ohne das einschüchternde Dies irae auskommt; in schöner Psalmen-Prosa weist unser Tonkünstler mit Pauken und Blechbläsern darauf hin, dass freilich Alles Fleisch wie Gras und Alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume und daher dem Verfall geweiht sei, dass es mit uns ein Ende haben müsse und unser Leben also ein Ziel habe, die Toten aber selbstredend Selig seien und man außerdem darauf hoffen dürfe, dass man getröstet werde, Wie einen seine Mutter tröstet; es dürfe zudem davon ausgegangen werden, dass die Erlöseten des Herrn wieder- und Freude, ewige Freude über ihre Häupter hernieder kommen werde, sodass Schmerz und Seufzen weg müssen werde; die Wohnungen des Herrn Zebaoth seien im Übrigen äußerst lieblich. Auch Brahms lässt aber sodann die unvermeidliche letzte Posaune fürchterlich erschallen und die Toten auferstehen und sich verwandeln – und wenn der Chor endlich streitlustig fragt, wo der Tod denn nun seinen Stachel, die Hölle ihren Sieg gelassen habe, fährt dem erregten Hörer alsbald ein Schauer über den Rücken und er kann dem brodelnden Inferno befreit entgegenlachen, denn er ist sich plötzlich seines Triumphes über das Böse gewiss, und dass dieses ihm nichts anhaben könne. Abschließend kommt Brahms noch einmal auf die Seligkeit der Verblichenen zu sprechen und entlässt uns mit dem tröstlichen Gedanken, dass sie nun von ihrer Arbeit ruhen und ihre Werke ihnen nachfolgen werden. Somit sei der Tod zwar unausweichlich, so Brahms; aber keineswegs so schweißtreibend, wie Verdi uns das weismachen wollte.

Wer jetzt noch immer nicht zum evangelischen Glauben konvertieren will, der verfolge das aktuelle Tagesgeschehen …

Kommentare

ufffffffffff!

aber das mozartsche ist scho -- haut dich weg, oder? oder requiem von liszt - das völlig rohe und leere ---

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