Eva Jantschitsch über Gustav

Gustav ist vermutlich eine der undurchsichtigsten Figuren dieser Stadt. Mehrdeutigkeit ist bei ihr Programm. Vor vier Jahren hat sie mit ihrem Debut (Rettet die Wale) ins Schwarze getroffen aber sich dennoch rar gemacht und bedeckt gehalten, auf eventuelle Erwarungshaltungen gepfiffen und bedächtig an dem unlängst erschienenen Nachfolger (Verlass die Stadt) geschraubt. Was genau sie in der zwischenzeit getrieben hat, lässt sich auch nach der folgenden Lektüre nicht sagen; Eva Jantschitsch verwischt gern ihre Spuren und bleibt sowohl in ihrer Musik als auch in der Selbstauslegung kryptisch. Sie positioniert ihr alter ego bewusst prekär, um so möglichst viel Spielbein zu bewahren, und das eben gibt ihr den Raum, der ihre Arbeiten auszeichnet. Im Folgenden Frage-Antwort-Spiel hat sie sich dennoch zu manchem Statement hinreissen lassen. Und das ist auch gut so.

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Wie gross ist die Schnittmenge der beiden Figuren Eva Jantschitsch und Gustav? Worin bestehen die wesentlichen Differenzen?
Die wesentliche Differenz liegt womöglich in der poetischen Reflexion. Gustav ist für mich eine Möglichkeit mich aus alltäglichen Sach- und Zugzwängen heraus zu befreien und eine poetische Sicht und Sprache über meine Lebensrealität zu entwickeln. Die wesentlichen Differenzen sind, das ich als Gustav, nicht die Miete im Auge habe, wenn ich an neuen Projekten arbeite. Als Eva Jantschitsch bin ich aber natürlich auch ökonomischen Zwängen unterlegen.
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Du bezeichnest dich gern als Einzelkämpferin singst aber auch „Einsamkeit verzeifelt“ ist das eine Erkenntnis oder eher ein ornamentales Element?
Naja, da geht’s halt hauptsächlich um diese schräge (westliche) Auslegung des Begriffes In­di­vidualitaet bzw. individualistische Lebens‑/Ar­­­beits­­entwürfe, die ja so eigenstaendig oft gar nicht sind. Ganz pragmatisch gesprochen, arbeite ich wie andere Kolleginn_en in der Kulturproduktion daheim vorm computer, weil ein Anmieten eines Studios, eines Büros längerfristig – weil projektbezogene Arbeiter_innen – zu teuer käme. Wir versuchen unsere Produktionskosten niedrig zu halten, was wie­derum u.a. auf Kosten des Privatraumes geht.
Unser Wohnraum wird zu unserem Büro, unsere Mailbox zur Infoschaltquelle. Die Idee war anfangs verlockend. Und kaum merkbar haben wir unsere präkeren Arbeitsumstände mitentworfen. Jetzt stellen wir fest, dass wir zwar virtuell viele sind, aber dennoch ziemlich alleine damit umzugehen lernen müssen… Manche von uns, treffen sich dann am 1. Mai um zu marschieren, ganz real nebeneinander – zumindest einen Nachmittag lang …
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Willst du deine Spex-Selbstdefintion „gesellschaftskritische Liedermacherin“ noch in irgend einem Punkt ausführen?
Für die Definitionen meiner Musik in Interviews hab ich mir einen Wochenplan zugelegt. Wenn also die Frage kommt, wie nennst du die Musik die du machst?‘, dann sag ich Montags: elektronische Chansons, Dienstags: gesellschaftskritisches Liedgut, Mittwochs: Popmusik im weitesten Sinn, Donnerstags antworte ich: Ich hasse Schubladisierungen und Freitags frage ich zurück: Wie würdest du es bezeichnen? Das Spex-Interview hat an einem Dienstag stattgefunden. Heute ist Donnerstag. Ich hasse Schubladisierungen. Selbst die meinigen.

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„Ich möchte nicht missverstanden werden, aber ich möchte vieldeutig lesbar sein.“ Schliesst das eine das andere nicht aus?
Zum Beispiel der Song Verlass die Stadt funktioniert für mich auf mehr als auf einer Ebene. Wir haben hier einerseits eine Auseinandersetzung mit Stadt/Raumpolitik andererseits aber auch ein Herunterbrechen auf das allgemein lesbare Moment der Einsamkeit, der Verzweiflung an der Isolation in urbanen Lebensräumen und die Suche nach dem Ausbrechen aus Strukturen – sei es nun aus der Stadt in ihrer physischen Erscheinung oder in ihrer gesellschaftlichen kulturellen Bedeutung. Hier zeichnen sich also schon verschiedenartige Interpretationsmodelle ab. Ein Missverständniss z.B. wäre: Gustav sehnt sich nach einer starken Hand und einem trauten leben auf dem Bauernhof.
Gustav
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One-handed-mona handelt meiner Meinung nach von Optionen, die mensch hat oder auch nicht. Generell sind Determinismus bzw. kapitalistische Zugzwänge ein Lieblingsthema von dir.
Einerseits klopfst du den Leuten auf die Schulter und singst: Alles renkt sich wieder ein. Andererseits haben deine Texte auch manchmal etwas resignatorisches: „prerendered dolls“ usw. Wie gehst du persönlich mit diesem Dilemma um?
Ich versuche wachsam zu bleiben und mich nicht allzusehr vom Getriebe abwetzen zu lassen.
Wenn ich mir was nicht erklären kann, oder mich missverstanden fühle, suche ich in Bü­chern oder in Musik Rat, Trost, Bestätigung, manches Mal auch einfach Hilfestellung zur Realitätsflucht. Und das, was ich suche, versuche ich eben auch zu produzieren. So gehe ich mit dem Dilemma um.

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Ich vermute mal, dass du drauf und dran bist, von der Musik leben zu können – zumindest wenn du es drauf anlegst. Wär das ein Wunsch von dir oder stehst du dem eher skeptisch gegen­über?
Ein geflügelter Satz unter amerikanischen Musiker_innen lautet: Meine Musik ist dann gut, wenn ich davon leben kann (zwinkert).

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„Die Friends möcht ich mir gefälligst selbst aussuchen.“ Du hattest vor Jahren einen Myspace Account, hast den dann gelöscht und hast jetzt wieder eine „Offical Artist Site“ wie siehst du Internet-Vernetzungsprogramme heute?
Bis April hatte ich noch nie eine eigene Myspace-Seite. das waren bislang ausschließlich Artistseiten, die von mir unbekannten Menschen betreut worden sind. ‚Freunde‘ vielleicht.
Oder ‚Feinde‘, was weiß ich. In jedem Fall haben sich nach und nach Leute bei mir beschwert, dass ich nicht auf ihre Nachrichten antworte und da ich bei Rupert (Anm.: der Medienmogul Rupert Murdoch hat 2005 Myspace gekauft) niemanden verpfeifen wollte hab ich letztenendes die offizielle Gustav-Seite eingerichtet. (Anm.: www.myspace.com/gustavofficial) eigentlich mag ich genau diesen Zugzwang an diesen Socialnetworkingdingern nicht.
Abgesehen davon sind mir die Datenerhebungen durchs Murdochimperium äußerst suspekt.
Nichtsdestotrotz muss ich zugeben, über diese Plattform Musik entdeckt zu haben, der ich so nicht begegnet wäre, was ich in vielen Fällen durchaus bedauern würde. Meine Friends aber, bevorzuge ich nach wie vor selbst auszusuchen.

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„Ich bin für mehr Logik – für mehr Konzentration.“ Oft weiss man ja bei dir nicht, ob du du bist, oder deine eigene Angriffsfläche. wie ist es in dem fall?
Ich ist immer auch ein anderer…

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„Wenn es gut ist und die Leute berührt, funktioniert es immer“, hast du neulich im Now gesagt. was macht dich da so sicher?
Ich kann mich nicht erinnern in welchem Zusammenhang ich das gesagt habe. Ich denke, ich hab da Quatsch geredet. Nichts macht mich sicher.

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