hier & jetzt: Sir Tralala

sir tralalaDavid Hebenstreit ist ein Genie. Das wissen zwar nur wenige, aber das ändert nichts daran.
Voriges Jahr schon hatte er die Veröffentlichung seines Zweitlingswerks angekündigt, aber dann doch nur ein paar Songs ausgekoppelt, um sie auf eine Vinyl-EP zu pressen. Am 6. Mai 2009 aber war es endlich so weit: „Escaping Dystopia“ wurde – samt bezaubernden Visuals, Videos und Pyrotechnik – im Rhiz präsentiert. Ein Album, das keine Fragen offen läßt, aber auch nicht die Absicht hat, einen mit einfachen Antworten abzuspeisen.

Wir treffen uns kurz vor Release an einem der ersten warmen Nachmittage im Gastgarten der Bunkerei im Augarten. Zunächst erzählt Tralala vom anstehenden Videodreh für „Pathetic Defense“, der wegen der im Text immer wiederkehrenden Miss Moneypenny als eine James-Bond-Persiflage angelegt werden soll: Agenten, Flammenwerfer, Gitarren mit Motorsägen, Skateboards mit draufmontierten Spritzen und Brillen mit eingearbeiteten Messern sollte es geben. Was damals noch wie unmachbare Phantasterei geklungen hat, war schon wenig später realisiert und kann jetzt in voller Pracht auf GOTV bzw. Youtube bewundert werden … und was für ein Video – Hallelujah!
Aber nicht nur das Video ist großes Kino, sondern die Platte im allgemeinen. In acht Liedern jagt der Sir mit einem Wahnsinnstempo durch die Musikgeschichte, sodaß es fast unmöglich ist, dem Album beim erstenmal Hören zu folgen: Klassik. Trauer-Walzer. Avantgarde-Pop. Elektro-Hymne. Rock. Hip Hop. Kinderlied. Depri-Schnulze. Alles garniert mit reichlich Schweiß und Blut. Eröffnet wird Opus 2 mit dem instrumentalen Bombastfetzen „This Kiss Could Tease“, der schon auf der bereits erwähnten EP vertreten war. In jahrelanger Kleinarbeit hat er ein digitales Orchester um ein wiederkehrendes Thema geschichtet – so lange, bis die Anzahl der Spuren (über 100!) seinen Rechner matt gesetzt hat und das Ausgangsthema fast in den Hintergrund getreten war. Schlußendlich aber hat er sich erfolgreich durch den Spurensalat gekämpft und stellt also jetzt schon beim Opener klar: Musik für Menschen mit Ohren.
Das Orchestrale spielt aber nicht nur bei der ersten Nummer eine wichtige Rolle, sondern generell ist die zweite Tralala durchwachsen von einem immer wiederkehrenden Sturm und Drang, die Spuren wieder und wieder zu überlagern – und zwar ohne dabei bemüht zu wirken. Im Grunde interessiert es ihn einfach, wie man Akkordstrukturen, die nun mal per se limitiert sind, facettenreich interpretieren kann: „Es besteht eigentlich aus relativ wenigen Elementen, die ich aber dann so richtig ausschlachte.“ Eine tatsächliche Umsetzung mit Symphonieorchester bleibt diesbezüglich ein Ziel, auf das er nach wie vor hinarbeitet. Beeinflußt wurde er dabei neben seinem eigenen Hintergrund als Kind mit Geige von Bands wie Spiritualised und von seiner eigenen Getriebenheit, seinen musikalischen Ausdruck zu verbreitern und gleichzeitig zu verfeinern.
Ein paar Lebensstationen im Schnell­durchlauf: Geigenkonservatorium mit 7, weitere Instrumente nach und nach im Selbststudium, mit 19 nach Wien, um die Sozialakademie zu besuchen, die er kurz vor Abschluß schmeißt, weil der Unterrichtsstoff ihn immer weniger interessiert, eine Beziehung in die Brüche geht und weil er spätestens zu dieser Zeit beschließt, daß er auf Dauer nur von der Musik le­ben will – auch wenn es in den darauf folgenden Jahren nicht immer einfach ist: Zunächst fährt er nach Hamburg, hinterläßt aber bei den dort ansäßigen Plattenfirmen wenig Eindruck mit seinen Demokassetten, die fälschlicherweise ins Elektrotrash-Eck gestellt werden – aber dafür sind sie dann freilich doch wieder zu schlau und vertrackt. Er kehrt etwas desillusioniert zurück nach Wien und besucht das ELAK, das er schon nach einem Semester abbricht, weil er mit den Leuten nicht zurecht kommt.
Er hält sich fortan mit Gelegenheitsjobs über Wasser und erntet vom FM4-Sumpfisten Fritz Ostermayer großes Lob für seine Aufnahmen, die er dann 2004 erstmals auf einem Album zusammenfaßt: „Flying Objects, They Don’t Have A Brain“ ist wahrlich ein Meilenstein der zeitgenössischen Wiener Musiklandschaft und in vielerlei Hinsicht nach wie vor unerreicht. Fast noch eindrucksvoller aber waren die Konzerte, die er in den darauffolgenden Jahren gegeben hat. So war eine meiner besten Konzerterfahrungen überhaupt Sir Tralala im berühmtberüchtigten Kino Ebensee im Vorprogramm zu Naked Lunch. Er hatte sich in dieser Zeit (um 2005) zu einer Bühnenpräsenz aufgeschwungen, die an Impulsivität und Rücksichtslosigkeit wohl nur vom jungen Iggy überboten werden hätte können. Zum Repertoire gehört damals ein leider nach wie vor unveröffentlichtes Stück mit dem unendlich geilen Refrain: „Hey Mutter, pack’ das Wurstbrot ein, ich geh jetzt in den Wald und schlag den bösen Wolf zu Brei!“, ebenso wie eine Coverversion von „Let me entertain you“, das mit einer Inbrunst rezitiert und wummernd bassig von der Bühne gedonnert kam: „fett“ war schon gar kein Ausdruck mehr; das war absolut überwältigend.
Das hatte aber scheinbar auch seinen Preis. Heute spricht er über diese auch aus seiner Sicht exzessivste Zeit mit gemischten Gefühlen, er habe es damals in vielerlei Hinsicht über die Stränge geschlagen und sei nach diversen Höhenflügen und sonstigen Highs oft sehr hart am Boden aufgeschlagen. Dennoch zehrt er auch heute noch von der ungestümen Verausgabung seiner Jugend und dem Leben in vollen Zügen. Die Empfindungen seien heute nicht mehr so stark; der rücksichtlose Lebensstil hat ihn in gewisser Weise desensibilisiert. So hat er das nicht gesagt, aber das könnte man rauslesen: „Es ist halt nicht mehr so echt und intensiv, aber auf der Bühne kann ich trotzdem davon zehren.“ Er hatte sich aber damals nicht nur psychisch, sondern auch physisch in ernsthafte Notlagen gebracht: „Ich hab wirklich gehungert dafür: ich weiß, wie es ist, wenn man nix zum Essen hat – und daß das (Musikmachen) damit eine ganz andere Ernsthaftigkeit für mich hat.“ Somit ist das Fehlen fixer Strukturen einerseits Ursprung seiner Kreativität, aber auch Quelle vieler Probleme – ein Dilemma, mit dem sich viele Künstler konfrontiert sehen.
Trotz dieser Existenzängste weicht er aber auch auf der neuen Platte keinen Millimeter von einer Musik, die es nicht nötig hat, sich bei den alltäglichen Sauschädeln anzubiedern, sondern sie spricht für niemand anderen als für ihn selbst. Er macht sich nackig und wer ihn dafür nicht liebt, ist ein Arschloch. Das sind eben die Aufzeichnungen eines seelischen Nacktflitzers (Anm.: gleichlautender Lesetip!) und so hetzt er in einem Irrsinnstempo durch das musikalische Universum auf der Flucht vor den hiesigen Zuständen: Escaping Dystopia. GROSS!

P.S.: Gegen Ende des Interviews krabbelt eine Raupe über den Tisch des Gastgartens: „Wir müssen die Würmer retten, damit daraus Schmetterlinge werden können“, meint er und sucht einen Zettel, mit dem er das halbfertige Insekt in Sicherheit bringt. Das hat zwar mit dem Interview nichts zu tun, aber der Satz gehört trotzdem abgedruckt – genau wie der folgende: „Manche Leute lernen schwimmen, wenn du sie einfach ins Wasser schmeißt und nicht schon im Schwimmkurs.“

Kommentare

ja

lob, das verdient ist.

Der Mann ist wirklich ein

Der Mann ist wirklich ein Hit!

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