Paradiesische Klänge

Unsere Wanze hat sich nun, zur Erholung von all den Lügengeschichten, denen sie in der letzten Ausgabe lauschen musste, an einen Ort der Ruhe und Besinnung zurückgezogen. In das etwas düstere Arbeitszimmer des großen Komponisten Adrian, der gerade Besuch von seinem Jugendfreund und standhaften Begleiter und Verehrer Serenus bekommt. Dieser wird von der rührigen Haushälterin Ludmilla hereingeführt.

Adrian: Nun, Serenus, dass du dich einmal herablässt, einem verschrobenen und zurückgezogenen Musikus die Ehre zu erweisen, nett von dir, ganz nett.
Serenus: Du und deine Redensarten! Du weißt genau, wie gerne ich deine Gesellschaft in Anspruch nehme. Ganz im Gegenteil bist du es ja, der sich von Zeit zu Zeit unpässlich fühlt und außer Ludmilla niemanden empfängt, aber heute wirkst du ja recht frisch und munter.

Adrian: Nun, da kann ich dich beruhigen, das täuscht, mir ist ganz miserabel zumute. Ich war dumm genug einen Auftrag für ein lächerliches Werk anzunehmen, eine Rhapsodie, zum Thema Paradies. Irgendsoein reicher Spinner möchte damit seine erlauchten Gäste unterhalten lassen. Aber was soll man tun, nur von Klangwolken allein kann man sich nicht ernähren.
Serenus: Nun, das klingt ja recht erbaulich. Freude schöner Götterfunke, oder so ähnlich!
Adrian (lacht hysterisch): Ja genau! Nichts gegen Beethoven, aber im Ernst, so etwas kann man doch nicht schreiben.
Serenus: Warum nicht? Zugegeben, es sind schon pathetische Klänge, aber etwas Erhebendes, etwas Eingängiges, ja, vielleicht ein wenig Pathos, so etwas wird sich dein reicher Paradiesvogel wohl vorgestellt haben. Aber ich sehe, du hast ja schon einiges zu Papier gebracht, willst du mir nicht einen kleinen Vorgeschmack aufs Paradies erlauben?
Adrian (verlegen): Nun, ja, … ich weiß nicht, hm, das ist normal nicht meine Art, … Gut, dir will ich’s nicht abschlagen. (Spielt einige Takte am Klavier, danach tritt eine kurze Pause ein, Adrian bleibt stumm.)
Serenus: Nun ja, … äh, … Bravo! Interessant, … der Kontrapunkt … und dann diese Harmonie …
Adrian (fährt auf): Schweig! Du hast nichts verstanden. Höre doch, zunächst werden alle Halbtöne der Tonleiter angespielt, ohne sich zu wiederholen und dann in umgekehrter Reihenfolge und daraus entsteht ein geistiges Gebäude, ein völlig unpathetisches Erklingen von dem, was an Tonalität zur Verfügung steht, verstehst du, ich löse die Musik heraus aus den Zwängen von Harmonie und Kontrapunkt, um ihr eine neue Dimension des Intellektes zu verleihen.
Serenus: Gut, ja, ich verstehe, aber das Paradies …
Adrian: Soso, du denkst also an eine sonnige Wiese im Frühling, selige Ruhe, ein griechischer Tempel im Hintergrund, vor dem halbnackte Weiber den Ringerei vollführen, die Vögel zwitschern und eine immervolle Karaffe köstlichen Weines neben dir. Die Pastorale oder die Bauernhochzeit aus Smetanas Moldau erklingt zur allgemeinen Erbauung und nichts kann dich aus deiner wollüstigen Selbstzufriedenheit herausreißen …
Serenus: Nun ja, ich muss zugeben …
Adrian: Und das wäre paradiesisch? Mein guter Serenus, nun gibst du dich aber unter deinem Wert geschlagen, ist es Wollust und Müßiggang, was dir so erstrebenswert scheint? Siehst du, diese Klänge, sie haben dich nicht berührt? Gut, so höre ein weiteres Mal! (Adrian spielt die Takte erneut, Serenus blickt verlegen von einer Ecke des Zimmers zur anderen.) Hörst du die unendlichen Möglichkeiten, die in dieser Konstruktion stecken? Die Folge von Tönen, die in dieser Art streng konzipiert dem Geiste unendliche Nahrung bietet, die süßer ist als jeder Wein, die tiefer ist als das tiefste Meer und weniger greifbar als die entferntesten Galaxien und die dir so die unendlichen Möglichkeiten des Geistes offenbart. Und doch sind das erst die kläglichen Anfänge eines Schaffens, das ich niemals vollenden kann, das wohl niemals seine Vollendung finden wird.
Serenus: Nun, Adrian, ich verstehe, was du meinst, die Frühlingswiese ist begrenzt durch den Horizont und völlig unvorstellbar ist dessen Aufhebung in der sinnlichen Welt. Das Auge wird sich satt sehen an den Grazien und die Zunge wird des Weines überdrüssig, auch wenn es sich um den edelsten Tropfen handelt, der je gekeltert wurde.
Adrian: Genau! Und was ist daran paradiesisch, wenn die Situation schon ihre eigene Auflösung im niedersten Sinnesrausch in sich trägt, wenn der faulige Geschmack des Moders schon dem Weine anhaftet und ein graues Haar deiner Grazie ihr wahres Wesen, nämlich jenes des Vergänglichen, als Trophäe an sich trägt. Wenn der Tempel die hübschen Risse des Antiken und Ehrwürdigen zur Schau trägt, an denen er einst zerbrechen und zu Staub zerfallen, als Ruine das wüste Land deines einstigen Genusses zieren wird. Dein Geist aber wird schon verkümmert sein und dennoch der Wollust überdrüssig. Ist das also das Paradies, das dir vorschwebt?
Serenus: Ich verstehe, dass du dich ganz dem Geistigen widmest, dass dein Schaffen nicht auf das Sinnliche abzielt, dass du erkannt hast, dass dein Wesen nach Klängen strebt, die, von strengen geistigen Regeln geformt, dir unendliche Möglichkeiten eröffnen und die dir Einblick gewähren in Sphären, ganz losgelöst vom Sinnlichen und Wollüstigen, und welche dir somit die Pforten eines – äh, ja, ich will sagen – reinen Paradieses aufschließen. Doch ist es nicht so, dass sich diese Pforten auch nur für Augenblicke öffnen, dass du gleichsam in einem geistigen Rausche hineinblickst ins Paradies, nur um es wieder zu verlieren. Sagst du nicht selbst, dass es dir manchmal erscheint, als ob du an einem Orte lebtest, an dem es unerträglich heiß ist, und du nur die Wahl hast, an einen Ort zu wechseln, an dem es wiederum so bitter kalt ist, dass du erneut mit freudiger Erwartung nach der Hitze strebst. Mir scheint, du selbst hast einst das Gleichnis von der Meerjungfrau formuliert, welche sich nichts sehnlicher wünschte, als über das Land zu gehen, und als sie dann auf zwei schönen Beinen stand, es ihr war, als ob sich bei jedem Schritt scharfe Messer in ihre hübschen Füße bohrten, und sie erschrocken und vom Schmerz gezeichnet wieder dem Meere zustrebte?
Ist das dein Paradies, ganz im Ernst scheint mir dies nichts weniger als ein Gleichnis der Hölle zu sein. Hast du nicht selbst gerade erwähnt, dass du das Werk niemals wirst vollenden können?
Adrian (nachdenklich): Serenus, mein Guter, wie recht du hast, und doch wieder nicht. Ja, ich will es nicht leugnen, ich selbst habe dergleichen wohl schon geäußert, aber dennoch kann ich es dem Paradiese nicht zugestehen, aus sinnlichen Genüssen zu bestehen, ein solcher Gedanke scheint mir von Grund auf verlogen. Es ist schon wahr, dass das Streben und Schaffen eine Mühsal ist und dass die Suche nach geistigen Höhen und nach dem Substanzlosen, dem nie Dagewesenen nur für Augenblicke die Wiederkehr des immer Gleichen zu durchbrechen mag, doch scheint es mir dennoch der einzige Weg zu sein, der uns dem näher bringt, wonach wir in der Tiefe unseres Geistes streben, nach dem, was uns antreibt und uns verleitet, aus voller Überzeugung zum Augenblicke zu sagen: Verweile doch, du bist …
Serenus (unterbricht): Nun wirst aber du recht pathetisch, doch denke auch an die Zuhörer, an jene Paradiesvögel, die sich Erbauung wünschen, denn, wie du selbst sagst: Von Klangwolken allein …

Plötzlich dringen furchtbare Flüche und eine krächzende, trällernde Stimme, die schreckliche Lieder zu singen scheint, in das ruhige Arbeitszimmer. Die Haushälterin Ludmilla kreischt und versucht zu verhindern, dass die soeben erschienenen polternden Zeitgenossen unsere beiden Freunde bei ihrer trauten Zwiesprache stören. Doch nach einem lauten Knall hört man die Brave nur noch röcheln. Erschrocken drehen sich Adrian und Serenus zur Tür. Thomas Mann und Arnold Schönberg treten, bis an die Zähne bewaffnet mit Maschinengewehren und Handgranaten, ins Zimmer.

Thomas Mann: (Stößt derartig derbe und schlecht formulierte Flüche aus, dass wir diese unmöglich zu Papier bringen können.)
Arnold Schönberg: (Singt grauenhafte und schrecklich tönende Seemannslieder, ohne jeglichen kompositorischen Anspruch.)

Noch bevor Adrian und Serenus zu Wort kommen, eröffnen die beiden Eindringlinge das Feuer, schießen alles kurz und klein und setzen dem unwürdigen Spektakel ein Ende, indem sie unsere beiden Freunde in die ewigen Jagdgründe befördern. Als der Rauch sich legt, krabbelt die unentdeckt gebliebene Wanze davon und hat nun das berechtigte Bedürfnis, sich an einen beschaulichen und fröhlichen Ort zurückzuziehen.

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