Schorsch Kamerun

Wenn es deutschsprachigen Punk gibt, der über viele Jahre relevant war und sich dennoch nie verraten hat, dann ist Schorsch Kamerun die Galionsfigur dieses Geisterschiffs. Geisterschiff deshalb, weil jedem, der sich damit beschäftigt hat, klar sein muß, daß Punk nicht für die Ewigkeit gebaut ist. Es ging nicht eigentlich um einen neuen Entwurf, sondern schlicht um einen Gegenentwurf zum aufkommenden Virtuosentum und den Star-Allüren der Rockmusik sowie einem demonstrativen Ins-Gesicht-Spucken in Bezug auf die kleinkarierte Genügsamkeit der Bürgerlichen mit ihrem Lieblingskind: Wirtschaftswachstum. Punk war insofern nicht eigentlich ein Rufzeichen, sondern wohl eher ein mit Gewalt gerade gehämmertes Fragezeichen. Und das auf allen Ebenen: Schließlich ist Anarchie kein politisches Programm, sondern schlicht die totale Verweigerung.

Schorsch Kamerun hat zunächst auch nicht gewußt, was er da tat, und eben diese grundnaive Herangehensweise macht den frühen Punk wohl auch aus. Der Punkt ist nur: Man kann nicht ewig Dilettant sein, weil in jeder Form von Ausdruck Muster zu finden sind, die auch eine betont untheoretische Subkultur wie Punk auf klare Parameter herabbricht und irgendwann reflektiert werden mußten. (Das macht den Post-Punk dann wohl auch so schön verschroben.) Es gab eine Zeit, da war der Unterschied zwischen den Goldenen Zitronen und den Toten Hosen mit freiem Auge kaum auszumachen – nicht umsonst waren sie einst beim selben Label. Sie haben sodann gänzlich andere Richtungen eingeschlagen, aber angekommen sind ironischerweise beide im Burgtheater. Die Hosen spielten dort ein wischi-waschi-MTV-unplugged vor ewig-gestrigen Fans bzw. verirrten Abonnenten und auch Kollege Kamerun wird mehr und mehr von der Hochkultur ergriffen und gilt mittlerweile als gefragter Theaterregisseur. Der Punkt ist: Beide leben heute sehr gut von den Exzessen ihrer Jugend, weil sich die „Leitkultur“ über die „Randkultur“ erdet und heute stolz ist mit den wilden Hunden aufzufahren. Das soll keine Nörgelei sein und es wäre freilich Blödsinn Campino und Kamerun gleichzusetzen, aber an diesem einen Punkt soll ein zentraler Mechanismus in Sachen (Gegen)Kultur exemplarisch verdeutlicht werden: Das populäre Posieren bedient sich neuer Haltungen, verbraucht diese und zieht weiter …

Vor drei Jahren hatten wir uns nach einer Vorführung der Dunkelziffer in einem Wiener Café verabredet. Wir haben uns damals über die Vereinnahmung bzw. die zunehmende Kraftlosigkeit der Punkbewegung unterhalten. Punk als Gegenentwurf zu einem bürgerlichen Lebensstil sei in dem Moment nicht mehr tragbar, als sich die Leitkultur auch daraus bediente. Siehst du trotzdem Möglichkeiten für Punk als Gegenkultur oder auch andere Ansatzpunkte für Punk in der Zukunft?
Ich mag den Begriff nicht bis zur Unkenntlichkeit überprüfen. Punk ist ein Moment und läßt sich nicht festhalten. Das wußten aber auch alle. Ich glaube an Möglichkeiten Dinge anzuhalten, umzubenennen oder anzugreifen. Das kann Vorbilder oder Strategien im Punk, im Dadaismus, Situationismus, Aktionismus, Anarchismus und so einigen anderen -musen haben …

Gustav (Anm.: die er persönlich kennt) hat neulich in meinem Interview gemeint, sie wäre als Eva Jantschitsch eine andere Person. Du heißt auch in deinem Privatleben Schorsch und nicht mehr Thomas Sehl. Bedeutet das auch, daß der Trennstich zwischen Bühnenfigur und Privatperson generell entfallen ist?
Ganz unterschiedlich. Ganz grundsätzlich trenne ich privat und „Kunst machen“ möglichst nicht. Das liegt ja auch immer im Auge des Betrachters. Die meisten kennen mich als Schorsch, aber gerade das kann auf Dauer sehr langweilig sein. Ich selbst heiße Kamerun Diaz gerade. Oder ­Tuffi. Oder „Der Mensch“ (wie „Das Auto“, wie VW seine Produkte nennt …).

1994 markiert einen besonders markanten Punkt in der Zitronen-Diskographie. Woher kam damals die Überzeugung, konkretere politische Aussagen treffen zu müssen und „klassische“ Rockanleihen z.B. von den Kinks (Anm.: „Das Bißchen Totschlag“ enthält eine 1:1 eingedeutschte Version von „people take pictures of each other“) zu nehmen?
Eigentlich gab es mehrere Drehpunkte bei uns. Politische Menschen waren wir natürlich vorher schon. Nur nach den Ereignissen in Hoyerswerda und anderswo wollten wir uns völlig uninterpretierbar zeigen. Kinks ist eine Spielart, mehr nicht.

2006 ist wieder so ein Jahr: Die demonstrative Abkehr vom „boring old slogan“ bzw. den klassischen Punkschlachtrufen im Allgemeinen oder auch dem üblichen unreflektierten Kommunismus, der auch 2001 schon torpediert worden war, stellt Punk an und für sich auf eine harte Probe. Kannst du dazu kurz Stellung nehmen?
Es gab schon 1990 eine Platte, die „Fuck You“ hieß, wo wir zum Teil auch unsere eigenen „Fans“ meinten. Wir haben eben keine Lust, Erwartungshaltungen zu erfüllen. Das wäre nämlich „unpunkig“ … Und Slogans à la „Bullenschweine“ taugen schon seit Mitte der Achtziger nichts mehr.

Eigentlich markiert jedes Album einen gewissen Bruch und auch dein Solo-Werk ist in ständiger Bewegung. Du hast in einem Interview mal gemeint, dein bester Satz sei „daß ich immer nur weg will von euch macht mein leben zu schnell“. Wohin treibt es dich im Moment?
Eigentlich immer dasselbe: Ich frage mich, wie ich Scham und Angst über die Mittel von Sprache, Musik und Bühne kenntlich machen kann. Und am besten noch mit Laune und Unterhaltungswert. Zur Not auch mit Saufen.

Du hast vor drei Jahren gemeint, daß du eurer Tourdoku „Golden Lemons“ eher skeptisch gegenüberstehst. Findest du, daß ihr euch zu sehr „in die Karten schauen“ habt lassen oder woran liegt das?
Das lag daran, das die Filmer sich nicht weiter für unsere Band und unsere Aussagen, Haltungen, nicht mal für das, was wir da gemeinsam erlebt haben, interessiert hatten, sondern für ein ästhetisches Roadmovie. Die ganze Tournee war einfach ganz anders. Nicht mit dauernden melancholischen Blicken aus Bussen heraus …

Manche von deinen Jugendfreunden sind mittlerweile sehr reich und mit deiner Theatertätigkeit wirst du auch nicht schlecht verdienen. Hat das dein Verhältnis zu Geld, Punk oder Kunst im allgemeinen verändert?
Ich bin jemand, der ständig in Zweifel und Ängsten mit allem lebt: gestörtes Selbstwertgefühl. Geld ist eines von unendlich vielen Fetzen, die etwas Beruhigung vorgaukeln. Auf Dauer hilft unserem Hirn aber nur „Beziehung“, also Freundschaft und Auseinandersetzung im gemeinsamen. Was ich immer schon wußte: ich interessiere mich nicht im geringsten für materielle Dinge.

In „Der Bürgermeister“ nimmst du dich im Endeffekt selbst aufs Korn. Scheinbar führt auf lange Sicht kein Weg vorbei am bürgerlichen Lebensentwurf. Wie geht es dir mit diesem gewagten Spagat oder hast du das Paradoxon mit eben diesem Lied für dich gelöst? Warum denn bürgerlich?
Das Stück sagt, daß sich heute alle für das interessieren, was mal „Underground“ war. Ob Politiker oder Kunststudent. Und dass deshalb Präsidenten Saxophon spielen und cool das neue uncool ist.

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