Taste Your Waste

Dass wir in einer Wegwerfgesellschaft leben, spiegelt sich besonders in den Müllcontainern der Supermärkte wieder. Über den Versuch eines subversiven Umgangs mit dem Konsumüberschuss.

Wenn von Verschwendung und dem Wegwerfen von noch guten Lebensmitteln die Rede ist, bekommt man oft folgenden Satz zu hören: „In Wien wird jeden Tag so viel Brot weggeworfen, wie in Graz konsumiert wird“. Diese Aussage ist seit Erwin Wagenhofers globalisierungskritischer Ernährungsdokumentation „We feed the World“ in aller Munde. Diese bildhafte Formulierung über die Dimensionen der täglich weggeworfenen Lebensmittel soll den Auswuchs der Verschwendung in unserer Gesellschaft für jeden begreiflich machen. Die plakative Aussage kann zwar vermitteln, dass sehr viel Brot weggeworfen wird, wirklich begreifbar wird es aber nicht. In Österreich landet jedes fünfte Brot im Müll.

Um auch dem letzten Kunden das volle Sortiment bieten zu können, müssen in vielen Bäckereien die Semmerln bis zum Ladenschluss frisch aufgebacken werden, nur um kurze Zeit später im Müll zu landen.

Das Sortiment der Mülltonne

Doch Brot ist nicht das einzige Nahrungsmittel, das sich in voller Frische in den Mülltonnen von Supermärkten findet. Gelangt man in den Müllraum einer beliebigen Filiale und wirft einen Blick in eine Mülltonne, kann man seinen Augen meist kaum trauen, was dort alles vorzufinden ist. Von originalverpackten Getränken über Obst und Gemüse bis zu Luxusartikeln wie zum Beispiel Bio-Fair-Trade-Schokoladen. Das Angebot in der Mülltonne ist groß und die Qualität unterscheidet sich kaum von der Ware in den Regalen im Geschäft. Einwandfreie Lebensmittel, die eben noch zum Verkauf angepriesen wurden, werden als Müll deklariert und landen in der Tonne. Die Gründe dafür sind nicht immer ersichtlich. Manche Produkte aus dem Abfall sind nicht abgelaufen und weisen auch sonst keinerlei Mängel auf, bei anderen ist bloß die Verpackung beschädigt. Andere Waren, die sich in der Tonne befinden, haben das aufgedruckte Ablaufdatum zwar überschritten, doch wer sagt, dass es deshalb Müll ist und entsorgt werden muss? Warum müssen Kaffeebohnen, die um die halbe Welt gereist sind, verarbeitet und verpackt wurden, ab einem gewissen Datum weggeworfen werden? Dieses Datum sagt noch lang nicht, dass der Kaffee nicht mehr genießbar oder gesundheitsschädigend wäre.

Eine schlecht, alle weg

Eine andere Problematik stellt in größeren Mengen abgepacktes Obst oder Gemüse dar: Wenn in einem drei-Kilo-Orangennetz eine Orange nicht mehr so frisch aussieht oder zwei Erdbeeren in der Verpackung angefault sind, wird das ganze Netz oder die Verpackung weggeworfen. Das gute Obst von dem verdorbenen zu trennen wäre nicht ökonomisch. So landen täglich Tonnen von einwandfreien Lebensmitteln im Müll. Laut einer Studie des Instituts für Abfallwirtschaft der Universität für Bodenkultur werden täglich rund 45 kg Lebensmittel pro Supermarktfiliale weggeworfen, ohne dass diese den Versuch einer anderen Verwertung unternehmen. Dieser „Müll“ wird von den Supermärkten weggesperrt; dass sich jemand daran bedienen könnte, liegt nicht in ihrem Interesse. Wenn Angestellte zum Wegwerfen bestimmte Ware essen oder mitnehmen, gilt das als Diebstahl. In vielen Filialen werden selbst die Mitarbeiter von Detektiven überwacht.

Freegan: Vom Überschuss leben

Es gibt aber auch Menschen, die ihren Lebensmittelbedarf zu einem Großteil genau aus diesem Supermarktmüll decken. Freegan nennt sich eine Bewegung von Menschen, die in den Müllräumen „einkaufen“ geht, „free“ steht für frei, also ohne zu zahlen und „gan“ für vegan. Das Sammeln von Essen aus dem Müll wird Dumpstern oder Containern genannt. Der harte Kern der Freeganer in Wien umfasst ca. 40 Mitglieder. Geschätzte 200 Wiener beziehen ihre Lebensmittel aus dem Überflussmüll. Einige von ihnen haben kaum mehr Ausgaben für Lebensmittel als 5€ im Monat. Nur Öl, Salz und Gewürze müssen gekauft werden. Die gedumpsterten Lebensmittel werden oft im Rahmen von Volxküchen gemeinsam verkocht und allen frei zur Verfügung gestellt. Den Freeganern geht es dabei aber nicht nur um das kostengünstige Essen. Das Fischen aus dem Müll ist eine bewusste Konsumverweigerung, die auf die gegebenen Missstände aufmerksam machen soll. So wiesen die Freeganer in den letzten Monaten mit einigen Medienberichten auf die Problematik hin.

Müllverkostung

kein MüllBei der Aktion „Taste your waste“ Anfang Mai, haben die Caretakers, eine Gruppe von umweltpolitisch engagierten jungen Menschen, am Wiener Uni-Campus einen Tisch mit Lebensmitteln aus dem Müll aufgebaut und Passanten damit konfrontiert. Die Reaktionen waren eindeutig, die Menschen waren durchwegs verblüfft, dass diese schönen Lebensmittel zu Müll gemacht wurden, konnte keiner verstehen. Bei einer weiteren Aktion im Rahmen eines dezentralen Supermarkt Aktionstages am 17. April wurde in der Mariahilferstraße ein riesiger Haufen mit noch guten Lebensmitteln aus dem Müll gebaut. Die Produkte wurden als Essen von gestern angepriesen und gemeinsam mit Informationszetteln den Passanten zur Verfügung gestellt. Auch hier konnte kaum jemand glauben, dass diese Mengen von Nahrungsmitteln eigentlich Müll vom Supermarkt waren.

Dass das Dumpstern keine Lösung der Wegwerfproblematik sein kann und sich nur an dem kritisierten System bedient, ist klar. Was es jedoch kann, ist eine Bewusstmachung. Wenn man einmal gesehen hat, wie viel und was weggeworfen wird, kann man den eingangs erwähnten Satz aus Wagenhofers Film schon eher begreifen. Und mit dieser Verschwendung im Bewusstsein kann sich auch der persönliche Umgang mit dem Konsum und dem Verbrauch von Lebensmitteln verändern. Ein Umdenken wäre hier der wichtigste erste Schritt.

Weiterführendes:
www.freegan.at
www.caretaker.cc

Volxküchen:
i:da: www.ideedirekteaktion.at
GEWI Campus: www.univie.ac.at/fv-gewi/aktuell/
TÜWI: http://tuewi.action.at

Kommentare

Wegwerfproblematik

Klar ist Dumpstern keine Lösung, es ist viel mehr stille Kritik am System. Möglicherweise zu still, denn kaum einer bekommt es mit...

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